Publiziert am: Freitag, 10. Februar 2017

«Differenzierung tut not»

CHRISTOPH STOCKER – «Wir müssen organisatorisch und technologisch agil bleiben»: Der Leiter Private Banking Zurich der Banque Cramer & Cie SA über die Vorteile einer «KMU-Bank».

Schweizerische Gewerbezeitung: Banken verbindet man kaum mit dem Begriff KMU. Woher kommt diese Wahrnehmung?

  Christoph Stocker: Selbstverständlich tragen die ständigen Schlagzeilen rund um unsere Grossbanken ihren Anteil dazu bei, dass Banken in erster Linie mit grossen multinationalen Konzernen in Verbindung gebracht werden. Weitere Gründe könnten sein, dass das Bankengeschäft, trotz Aufweichung des Bankgeheimnisses, nach wie vor von hoher Diskretion geprägt ist.

«DIE MEISTEN KLEINEREN BANKEN SIND NORMALE, UNABHÄNGIGE KMU.»

Gibt es unter den Banken ganz «normale» KMU, wie es sie etwa unter den Maschinenherstellern auch gibt?

 Die meisten kleineren Banken sind aus meiner Sicht normale, unabhängige KMU, bei denen Unternehmertum gefragt ist, um sich auf dem Markt behaupten zu können. Vergleichbar zu einer «normalen» KMU, sind in einem mittelgrossen Bank­institut wie in unserem unternehmerische Persönlichkeiten im Verwaltungsrat sowie in der Geschäftsleitung unerlässlich. Mit beispielsweise unserem VRP Marco J. Netzer, Vize-VRP Massimo Esposito und CEO Christian Grütter können wir uns hierbei sehr glücklich schätzen, bei Bedarf auf die Unterstützung solcher sehr erfahrener und erfolgreicher Unternehmer zählen zu dürfen.

 

Sind Banken-KMU tendenziell bessere Partner für andere KMU, als das die Grossbanken sind?

 Grosse Vorteile einer KMU-Bank sind sicherlich die kurzen Entscheidungswege und die damit verknüpfte tiefe Hierarchie und Komplexität einer Organisation, um beispielsweise einer KMU innerhalb kürzester Zeit eine Kreditzusage für eine Hypothek machen zu können. Zudem bin ich davon überzeugt, dass eine mittelgrosse Bank, wie die Banque Cramer eine ist, mit einem umfassenden Finanzdienstleistungsangebot, z.B. entlang des Lebenszyklus eines Unternehmers, eine wirklich gesamtheitliche und langfristig orientierte Beratung anbieten kann. Für ein Institut wie das unsere, das dem Kunden in jeder Lebensphase beratend zur Seite stehen will, hat die Nachfolgeregelung eine strategische Bedeutung. Zudem möchten wir uns durch unsere «Swissness» positionieren, denn diese steht für Tugenden wie Kompetenz, Sicherheit und Zuverlässigkeit.

 

Welches sind die wichtigsten Herausforderungen, denen sich Banken-KMU heute stellen müssen?

 Das hiesige negative Zinsumfeld ist sicherlich die grösste Herausforderung der letzten Jahre. War das Zinsgeschäft vor ein paar Jahren noch ein wichtiger – teils auch essentieller – Ertragspfeiler einer KMU-Bank, müssen diese Erträge heutzutage teils mit tieferen Kosten und teils mit anderen Ertragsquellen kompensiert werden. Dazu kommen die Kosten für die Flut an nationalen und internationalen Regulierungen, mit denen Banken heutzutage konfrontiert sind: Automatischer Informationsaustausch, Mifid II, FIDLEG, FinfraG, um nur einige zu nennen, die uns aktuell beschäftigen.

Wie wappnen sich Banken-KMU für die Zukunft?

 Da sich eine KMU-Bank nicht auf eine Rettung durch den Staat verlassen kann, muss sie, wie jedes andere KMU auch, sich mit einer klaren, auf ihre Grösse abgestimmten Strategie und einer «Unique Selling Proposition» positionieren, um sich daraus ergebende Opportunitäten zunutze machen zu können und die Kosten im Griff zu behalten. Als eine der grössten Herausforderungen erachte ich dabei die Reaktions- und Anpassungsfähigkeit einer Organisation auf neue Regulierungen und die Automatisierung und Standardisierung von Prozessen. Es ist somit für eine KMU-Bank essentiell, im internationalen Wettbewerb insbesondere organisatorisch und technologisch agil zu bleiben.

 

Wie sieht der Finanz- und Bankenplatz Schweiz in zehn Jahren aus?

 Wie bereits erwähnt, werden die makroökonomischen Entwicklungen – also die (negativen) Zinsen sowie die Zunahme an regulatorischen Vorschriften – in den nächsten Jahren den Bankenplatz Schweiz sehr stark beeinflussen. Dies weil einerseits keine baldigen Zinserhöhungen zu erwarten sind, was auf alle Banken mit dem klassischen Geschäftsmodell des Zinsdifferenzgeschäftes einen negativen Einfluss haben wird. Andererseits sind die Kosten für die Umsetzung der uns noch bevorstehenden Regulierungen sehr hoch. Dies wird wohl oder übel zu weiteren Konsolidierungen auf dem Schweizer Bankenplatz führen, denn nicht jede kleine Bank wird in der Lage sein, die eigene Infrastruktur im Hinblick auf diese Herausforderungen zu finanzieren.

«KURZE ENTSCHEIDUNGSWEGE UND VIEL BEWEGLICHKEIT SIND DIE VORTEILE EINER KMU-BANK.»

Welche Bedeutung hat die Digitalisierung, zum Beispiel Fintech, für Banken-KMU?

 Digitalisierung betrachte ich zunächst als eine Differenzierungsmöglichkeit gegenüber unseren Konkurrenten. Eine stabile, automatisierte und im Hinblick auf die Regulierungsflut trotzdem flexible IT-Infrastruktur ist sicherlich das Rückgrat jeder Bank. Darauf aufbauend können der Kundschaft – auch jener von KMU-Banken – topmoderne Online-Lösungen angeboten werden. Unsere Bank hat beispielsweise Ende 2016 das vollautomatisierte Aktienselektions-Tool www.primeSelector.com entwickelt, mit welchem jeder interessierte Aktienanleger kostenlos einen grossen Teil der weltweit kotierten Aktien basierend auf verschiedenen Faktoren bewerten kann.

Selbstverständlich gibt es auch di­verse Fintech-Ideen und -Firmen, 
die das klassische Bankengeschäft, in dem wir tätig sind, entweder 
komplementieren oder konkurren­zieren. Hier sehe ich aber für ein-
mal einen Vorteil in den diversen 
Regulierungen, die – nicht nur aus Kundenschutz – viele Geschäfts-
felder einer Bank wie beispielsweise eine umfassende Anlageberatung oder den nationalen und interna-
tionalen Zahlungsverkehr relativ strikten Vorschriften unterwerfen. Dies hat zur Folge, dass die Eintrittshürden für einige Fintech-Lösungen nach wie vor hoch sind; mit der 
Folge, dass gewisse Bankdienst­leistungen nicht vollständig durch Fintech-Produkte ersetzt werden 
können.

Wie können Banken im Allgemeinen, speziell aber die Banken-KMU innovativ sein?

 Um nachhaltig erfolgreich zu sein, ist es meiner Meinung nach wesentlich, dass eine Bank in erster Linie keine Produkte verkauft, sondern das Know-how ihrer Mitarbeiter der Kundschaft zur Verfügung stellt. Die Zeiten, in denen Schweizer Banken nur darauf warten mussten, um Konti mit nicht deklarierten Geldern aus dem Ausland zu eröffnen, sind mit der Einführung des Automatischen Informationsaustauschs per Anfang 2017 in der Schweiz definitiv vorbei. Eine KMU-Bank muss einen Kunden in allen finanziellen Angelegenheiten beraten können – vom täglichen Zahlungsverkehr über Möglichkeiten und Konsequenzen eines Firmenverkaufs bis hin zu internationalen Steuerfragen –, je nach Thema allenfalls unter Beizug eines externen Partners der Bank.

 

Wenn Sie drei Wünsche an die Politik hätten: Welche wären sie?

 In der Schweiz habe ich oft das Gefühl, dass unsere Politik internationale Abkommen meist sehr streng und lieber restriktiver statt liberaler in der Schweizer Gesetzgebung umsetzt (Stichwort: «Swiss Finish»). Dies gilt insbesondere bei den Bankenregulierungen. Hier wünschte ich mir ab und zu etwas mehr Pragmatismus.

Im Hinblick auf einen stabilen internationalen Finanzplatz und Wirtschaftsstandort appelliere ich an unsere Politiker, unsere «Swissness» noch mehr in die Welt hinauszutragen und unsere Werte im Swiss Banking – Stabilität, Universalität, Verantwortung sowie Exzellenz – zu verteidigen.

Innenpolitisch erhoffe ich mir von unseren Politikern bezüglich unseres Bankenplatzes eine etwas differenziertere Wahrnehmung zwischen den unterschiedlichen Bankengruppen und etwas weniger Polemik in den hiesigen Finanzplatzdiskussionen.

«MEHR PRAGMATISMUS UND WENIGER ‹SWISS FINISH›: DAS WÜNSCHEN WIR UNS VON DER POLITIK.»

Was ist für Sie das wichtigste politische Geschäft des Jahres 2017?

 Für uns direkt werden die wichtigsten politischen Entscheidungen in diesem Jahr wohl in der EU stattfinden. In Frankreich wird ein neuer Präsident gewählt. In Deutschland und den Niederlanden ein neues Parlament und in Italien steht man vor Neuwahlen. 2017 könnte wahrhaftig ein europäisches Schicksalsjahr werden. Dies wird, zusätzlich zu den restlichen globalen Unsicherheiten, die eine oder andere Turbulenz an den Aktien- wie auch Zinsmärkten verursachen und für uns neue Möglichkeiten, aber auch Gefahren und Unsicherheiten bedeuten.

Interview: Gerhard Enggist

ZUR PERSON

Christoph Stocker (49) ist Leiter Private Banking Zürich, verantwortlich für das Angebot für in der Schweiz domizilierte Unternehmer und Geschäftsleitungsmitglieder und stellvertretender Leiter der Private-Banking-Gruppe bei der Banque Cramer & Cie SA. Zuvor war er in regionalen Leitungsfunktionen bei der UBS, Credit Suisse und zuletzt bei der Barclays tätig.

Die Banque Cramer ist eine in der Schweiz ansässige Privatbank mit Sitz in Genf und Niederlassungen in Zürich, Lugano und Lausanne. Banque Cramer betreut anspruchsvolle private und institutionelle Kunden, vermögende Privatpersonen und Familien, insbesondere aber auch Unternehmer und hochrangige Führungskräfte, ebenso wie unabhängige Vermögensverwalter, Family Offices und institutionelle Anleger.