Publiziert am: Freitag, 9. Dezember 2016

Zeit der Verwirrung – Zeit der Chancen

Tribüne

Obwohl ich vierzehn Stunden täglich Informationen aufnehme, kann ich nicht sagen, den Gang der Zeit mit Sicherheit zu überblicken. Deshalb lese ich Studien der Banken und Versicherungen, von Think Tanks, Hochschulinstituten, ja, auch Zeitungen und internationale Magazine und stelle fest: Es reicht nicht. Täglich treffe ich Unternehmer, Manager, Politiker und Professoren. Mindestens dort weiss ich, wo das Zuhören sich lohnt und wo weniger.

Wir leben in einer Zeit grosser Ver­wirrungen, wo alte Eliten um den Klassenerhalt kämpfen und neue Eliten den Weg nach oben suchen. Bundes­-
räte mit wenig Erfolg suchen den sauberen Abgang, andere wollen nochmals präsidial um die Welt fliegen. Im Hintergrund lauern die Nachfolger.

Das Schweizer Volk erlebt derzeit einen Sturm von Kreativität. Die Universitäten und Fachhochschulen spucken Start-ups in Serie aus, alte und neue Innovationszentren blühen. Eine Edelbäckerei aus Luzern dringt in den Grossraum Zürich ein. Die Detailhändler der Textilbranche machen serienweise den Schirm zu, aber das Unternehmer-Ehepaar Sonja und Fredy Bayard erhält den «Swiss Retail Award», weil ihre 76 Filialen für Frauen-, Herren- und Kindermode ein grosser, auch finanzieller, Erfolg sind. Was haben sie anders gemacht als Vögele, PKZ oder Schild? Sie haben die Spielregeln verändert und den Kunden wirklich in den Vordergrund gestellt. Die neue Marke Bayard & Co Ltd. ist im Begriff, die ganze Schweiz zu erobern – ein Familienbetrieb.

Energie und Intelligenz müssen zusammenfallen, um sich in dieser Zeit des Umsturzes erfolgreich zu behaupten. Die Energie muss auf den Betrieb, das Geschäft, die Firma ausgerichtet sein. Für Jassen, Golf oder «Bi de Lüt» ist dann keine Zeit mehr. Der unternehmerische Motor muss rund um die Uhr laufen, weil sonst die Konkurrenz schneller ist. Intelligenz heisst, nicht die Spielregeln der Verlierer zu verfolgen, ganz wie unsere Banken oder die meisten Schweizer Tourismus-Standorte es tun, sondern neue Spielregeln aufzustellen und sie durchzusetzen.

Dazu müssen die Familien zusammenstehen und wirklich an einem Strick ziehen. An dieser Stelle habe ich beschrieben, wie auf fleissige Väter oder Mütter Kinder folgten, die zuerst das grosse neue Auto sahen anstelle der Investition ins eigene Unternehmen. Dazu müssen auch die Mitarbeiter sehen, dass der Unternehmer an der Spitze wie sie arbeitet und einen Lohn bezieht, der nicht an Räuberei grenzt. Wer eine solche Firma aufbaut und entwickelt, wird mit Freude am Erfolg belohnt. Den lahmen Enten der Konkurrenz bleibt dann nichts anderes übrig, als vom Erbe zu leben oder ins Immobiliengeschäft zu gehen.

Es ist etwas anderes, viel Geld verdienen zu wollen, als ein Unternehmen zu führen. Wer viel Geld sucht, wird nie zufrieden sein und in falschem Ehrgeiz einiges oder alles wieder verspekulieren. Wer etwas schaffen und leisten will, erlebt das wirkliche Glück, auch wenn ihm oft Hindernisse im Weg stehen, die es zu überwinden gilt.

Unternehmer wie Bruno Hug, der in Rapperswil-Jona, der zweitgrössten Stadt des Kantons St. Gallen, soeben den CVP-Stadtpräsidenten verjagt hat, 
weil dieser zu wenig für die Rosenstadt am Zürichsee getan hat, zählen ebenso zur Elite 
wie Ernst Beyeler es war, der Bilder kaufte, die im letzten Jahrhundert niemand wollte, und damit Milliardär wurde. «Ich lebte oft am Rand der Existenznot», sagte er mir einmal. Der Walliser Hotelier Art Furrer rennt mit seinem Texanerhut seit Jahrzehnten durch die Schweiz und wirbt damit für seine Hotels auf der Riederalp. Mann und Werk sind eins geworden.

Der Schweizerische Gewerbeverband ist das Schutzdach über 300 000 Unternehmern und noch mehr Managern und Mitarbeitern. Er sorgt dafür, dass der Staat nicht unendlich in die Taschen jener greift, die mit ihrem Fleiss noch Geld verdienen. Dieser Schutz vor der Gier des Staates, der den einen gibt und den anderen nimmt, wird wichtiger denn je. Unser Land hat eine grossartige Vergangenheit, aber niemand kann sicher sein, dass dies so bleiben wird. Unser staatliches Schulsystem ist mit dem Lehrplan 21 wieder schlechter geworden. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder in Privatschulen. Die KESB betreibt die Entmündigung der Bürger, ganz wie ein KESB-Präsident es sagte: «Wer sich nicht wie alle anderen benimmt, ist sicher mehr gefährdet, von uns beobachtet zu werden.»

Im kommenden Jahr geht es darum, nicht nur die Freiheit unseres Staates, sondern auch die Freiheit vom Staat zu verteidigen. Nur dann werden wir noch freie Unternehmer und richtige Familien haben.

* Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon, ZH

Die Tribüne-Autoren geben ihre eigene Meinung wieder; diese muss sich nicht mit jener des sgv decken.