Publiziert am: Freitag, 5. Juni 2015

«Üben, üben und nochmals üben»

WORLDSKILLS SãO PAULO 2015 – Angela Jans ist die erste Frau, die im Carrosserie-Gewerbe die Schweiz an den Berufsweltmeisterschaften vertritt. Momentan ist für sie ein intensives Training angesagt, denn sie hat eine Goldmedaille zu verteidigen.

Besonnen und mit viel Fingerspitzengefühl klebt Angela Jans eine Autotür ab und bereitet sie für den Lackaufbau vor. Konzentriert mit stoischer Ruhe arbeitet die junge Frau. Ihre Liebe zum Detail und zum sorgfältigen Arbeiten hat sich bereits in den Regionalausscheidungen für die Berufsmeisterschaften sowie am nationalen Wettbewerb an den SwissSkills Bern 2014 im letzten Herbst ausgezahlt: Kein anderer Kandidat, keine andere Kandidatin konnten mit ihr mithalten. Sie hat damals vor allem darauf geachtet, nicht in Hektik zu geraten und sich bei jedem Arbeitsschritt Zeit zu lassen. Das richtige Rezept, mit dem die engagierte Carrossierin Lackiererei sich auf die Berufsweltmeisterschaft in São Paulo vorbereitet. «Ich freue mich riesig auf die WorldSkills in Brasilien. Das ist für mich nicht nur eine einmalige Chance, mein Können zu zeigen, sondern auch ein unvergessliches Erlebnis, wo ich Freundschaften knüpfen und meinen beruflichen Horizont erweitern kann», strahlt die 21-Jährige.

Noch effizienter werden

Mit ihrem Training hat sie bereits anfangs Jahr begonnen, denn einen Kotflügel in zweieinhalb Stunden zu lackieren, will geübt sein. Die Aufgabenstellung sei in den Grundzügen bekannt, werde dann am Wettkampf selber aber noch angepasst. Jans will aber auf ganz sicher gehen und lernt nochmals jeden Arbeitsschritt von Grund auf. «Ich muss noch effizienter werden, jeder Handgriff muss absolut sitzen.» Die grösste Herausforderung sei die Zeit. «Ich bin momentan noch zu langsam, da muss ich noch Routine entwickeln. Das Ziel ist, bei gleichbleibender Qualität, schnell und ergiebig zu arbeiten», erklärt die junge Berufsfrau. Einen Tag pro Woche ist sie in den Räumen der Berufsgewerbeschule Luzern BBZB am Trainieren. «Ich übe meistens alleine. Alle zwei Wochen treffe ich mich mit meinem Experten Patrick Balmer. Er kontrolliert mich und verbessert damit meine Leistungen. Die Zusammenarbeit mit ihm ist super, er erklärt mir alles im Detail», so Jans.

«Ich will die Zeit in São Paulo geniessen und mein allerbestes ­geben.»

Momentan hätte das Training absolute Priorität. «Das Wichtigste für mich ist, egal wie das Resultat aussieht, dass ich mein Allerbestes gegeben habe. Ich will die Zeit in São Paulo geniessen. Natürlich hoffe ich auch, dass sich mein Training bezahlt macht und ich einen guten Platz erreichen kann», meint sie mit einem Lächeln auf den Lippen.

Teamgedanke als Motivation

Viel Rückhalt in dieser intensiven Zeit findet die junge Frau bei ihrer Familie. «Meine Eltern sind sehr stolz auf mich. Obwohl meine Mutter nicht nach Brasilien kommen wird, ist sie gedanklich immer bei mir», sagt die junge Carrossierin, die in Hochdorf wohnt. Polieren, schleifen und fo­liieren – ein Wettrennen mit der Zeit vor viel Publikum bedingt auch starke Nerven. Deshalb seien die Teamweekends des SwissSkills-Teams für das mentale Training sehr wichtig: «Es herrscht immer eine tolle Atmosphäre und man kommt topmotiviert mit viel positiver Energie nach Hause», so Jans.

«Meine Lehrmeister standen immer hinter mir.»

Grosszügig unterstützt wird Jans auch von ihrem Arbeitgeber, der sogleich ihr Lehrbetrieb war. Sie absolvierte ihre vierjährige Lehre bei der Autospenglerei und Lackiererei 
J. Kaufmann AG im luzernischen Ebikon, welche als echte Erfolgsschmiede gilt. Sie ist nach 2013 bereits das zweite Talent, das durch die Ausbildung bei Josef Kaufmann und Ricardo Dos Santos mit Bestnote brillierte und sogar im internationalen Vergleich hervorsticht. «Meine Lehrmeister standen die ganze Zeit während der Lehre und darüber hinaus hinter mir. Dieses familiäre Zusammensein gibt mir den nötigen Halt. Natürlich braucht man auch selbst den Ehrgeiz in diesem Beruf. Schliesslich muss sich jeder selbst motivieren und anspornen können, aber das ist nur möglich mit der Unterstützung eines kollegialen Teams», windet die Carossierin Lackiererei ihrem Arbeitgeber ein Kränzchen.

Es sei nicht selbstverständlich, dass der Betrieb ihr gleich einen ganzen Tag fürs Training einräume, müsse doch auch die alltägliche Arbeit zuverlässig und termintreu erledigt werden. «Dies bedingt viel Verständnis und Toleranz, auch von meinen Arbeitskolleginnen und -kollegen», ist sich Jans bewusst. Für Seniorchef Josef Kaufmann ist die Teilnahme seiner jungen Mitarbeiterin an den WorldSkills Sao Paulo 2015 eine gute Sache, die man unterstützen muss: «Angela war bereits in ihrer Lehre immer topmotiviert und hat immer nach bestem Wissen und Gewissen ihre Arbeit verrichtet. Vorbildlich hat sie später ihr Wissen anderen Lernenden weitergegeben. So jemanden unterstützt man gern.»

Frauen als Botschafterinnen

Die junge Luzernerin war ziemlich unschlüssig, was ihre Berufswahl anging. Auf Anraten des BIZ bewarb sie sich beim heutigen Arbeitgeber für ein Praktikum – und es hat ihr gleich den Ärmel reingenommen. «Mir gefällt, dass ich Schritt für Schritt zusehen kann, wie der Schaden an der Carrosserie verschwindet», so Jans. Für die Zukunft hat die junge Frau ambitionierte berufliche Pläne. Sie will die Berufsmatura machen und dann die Berufsprüfung. «Dies sind die Voraussetzungen, um Berufsschullehrerin Lackiererei zu werden.»

«In der Autospenglerei und Lackiererei gibt es kein festgesetztes Limit.»

Der Beruf ist längst keine Männerdomäne mehr. Immer mehr Frauen finden ihren Weg in dieses Berufsfeld. «Bei uns in der J. Kaufmann AG haben im letzten Jahr mehr Frauen als Männer geschnuppert. Heute sind wir drei Frauen im Betrieb», beobachtet Jans. Sie legt die Autospenglerei und Lackiererei aber nicht Frauen, sondern allen jungen motivierten Menschen ans Herz, die gerne präzise arbeiten und Freude an Autos haben: «In der Autospenglerei und Lackiererei gibt es kein festgesetztes Limit. Je nach deinem eigenen ­Ehrgeiz kannst du stets an deine persönliche Grenze gehen. Jeder Schaden ist eine neue Herausforderung. Dadurch entsteht die tägliche Abwechslung.»

Corinne Remund

WORLdSSKILLS 2015

Berufsbildungsevent aller Zeiten

Austragungsort der 43. WorldSkills Competitons 2015 ist São Paulo in Brasilien. Dabei werden sich die besten jungen Berufsleute vom 11. bis 16. August messen und um einen der vorderen Ränge kämpfen. Mit dabei ist auch das 90köpfige Schweizer Team. Die Schweiz verteidigt den zweiten Platz in der Nationenwertung hinter Korea sowie europäisch den ersten Rang. Die 40 jungen Berufsleute – 8 Frauen und 32 Männer – messen sich mit der Weltelite in 38 verschiedenen Berufen.