Publiziert am: Freitag, 16. Oktober 2015

«Alle Kosten müssen runter»

KREDITKARTENGEBÜHREN – Über Branchenverbände können KMU Marktmacht gegenüber Kartenverarbeitern bündeln, sagt der Präsident des Verbands Elektronischer Zahlungsverkehr (VEZ)*.

Schweizerische Gewerbezeitung: Die Wettbewerbskommission (Weko) will die Interchange-Gebühren für Kreditkarten mehr als halbieren. Per 1. August 2015 ging der Satz von 0,95 auf 0,7 Prozent zurück; per 1. April 2017 sinkt er auf 0,44 Prozent. Was bedeutet diese Senkung für den Handel?

August Harder: In den Zeiten von Frankenstärke und Einkaufstourismus müssen, wenn der Handel wettbewerbsfähig bleiben will, alle Kosten runter – wo immer möglich. Das gilt auch für versteckte Kosten, wie sie bei der Verwendung von «Plastikgeld» anfallen. Wir erwarten eine Entlastung von jährlich 60 bis 100 Millionen Franken als Folge der Senkung der Interchange-Gebühren auf Kreditkarten. Über Preissenkungen, welche auf breiter Front erfolgen, gibt der Handel die Kostensenkung an die Konsumenten weiter.

«DIE INTERCHANGE-
GEBÜHREN SIND schlicht und einfach MONOPOLRENTEN.»

Haben Sie bereits Rückmeldungen, ob die Senkung der Interchange-Gebühren per 1. August «an der Front» spürbar ist?

Wir wissen, dass die Acquirer, also die Kartenverarbeiter, in einigen Fällen ihre Kommissionssätze angepasst haben. Wir hören aber auch Klagen, vor allem von kleineren Betrieben, dass die Senkung nicht weitergereicht worden ist, dass sich die Kommissionssätze nicht oder nur marginal bewegt haben. Hier gibt es noch Erklärungs- und Handlungsbedarf seitens der Acquirer.

Weshalb erheben die Herausgeber der Karten überhaupt Gebühren, wenn sie doch schon an den Zinsen, Währungsumrechnungen etc. verdienen?

Das müssten Sie die Kartenherausgeber fragen. Unseres Erachtens steht den Interchange-Gebühren kein realer Gegenwert gegenüber, oder anders gesagt: Diese Gebühren sind Monopolrenten. Dass es auch ohne geht, beweisen die Debitkarten Maestro und PostFinanceCard, die ohne Interchange-Gebühren auskommen.

«WIR ERWARTEN EINE ENTLASTUNG VON BIS ZU 100 MILLIONEN.»

Weshalb liegt die reiche Schweiz 
in Bezug auf die Anzahl bargeldloser Transaktionen und den Umsatz pro Kopf lediglich im europäischen Mittelfeld?

Bei uns gilt immer noch: «Cash is King». Zum einen ist es die Gewohnheit, die elektronische Zahlungsmittel bremst, zum anderen, und dies ist eine neuere Tendenz, benachteiligt die Sorge um die eigene Privatsphäre die elektronischen Zahlungsmittel. Weil damit jeder seine digitalen Spuren hinterlässt. Bargeld steht auch für Anonymität, und diese scheint in Zeiten von Social Media und dem Ruf nach totaler Transparenz wieder ein kostbares Gut zu werden.

Macht es Sinn, Debit- oder Kreditkarten erst ab einem bestimmten Betrag zu akzeptieren?

Das kommt auf die für den betreffenden Händler geltenden Gebührensätze an. Bei sehr tiefen Umsätzen kann es vorkommen, dass die Kreditkarte für den Händler günstiger ist als die Debitkarte. Bei höheren Umsätzen kippt das Verhältnis.

«BRANCHENVERBÄNDE KÖNNEN GUTE RAHMENVERTRÄGE AUSHANDELN.»

Gibt es Händler, die überhaupt kein «Plastikgeld» annehmen?

Die gibt es durchaus, allerdings sind es meistens Exoten. Für die meisten Branchen und Händler ist die Annahme von «Plastikgeld» faktisch unumgänglich; man denke nur an die Bedürfnisse ausländischer Kunden oder an den immer wichtiger werdenden Online-Handel.

Was können einzelne KMU tun, um tiefere Transaktionsgebühren zu erkämpfen?

Jeder Händler hat einen Akzeptanzvertrag mit einem Acquirer. Unter den Acquirern herrscht Wettbewerb, den der Händler ausnützen sollte. Sein eigener Branchenverband kann dabei auch eine Rolle spielen, indem er die Bedürfnisse seiner Mitglieder bündelt und mit den Acquirern über einen Rahmenvertrag verhandelt. Es gibt dafür gut funktionierende Beispiele.

«KMU-CHEFS HABEN OFT 
ANDERE SORGEN ALS KOMMISSIONSSÄTZE.»

Können tiefere Kartengebühren erzielt werden, indem sich regionale oder kantonale Gewerbeverbände dafür einsetzen?

Wir vom VEZ glauben, dass der Weg in erster Linie über Branchenverbände führen muss. Denn das Pricing hängt sehr von Struktur und Ausgangslage einer bestimmten Branche ab. Ob der geographische Ansatz tauglich wäre, müsste erst einmal vertieft abgeklärt werden.

Demnach sollten die Branchen­verbände ihre Bedürfnisse in die Waagschale werfen?

Dieser Weg sollte auf jeden Fall geprüft werden, und hier sehe ich auch eine Möglichkeit, dass ein Verband konkreten Nutzen für seine Mitglieder stiften kann. Denn in KMU mit bescheidenen Kartenumsätzen hat der Chef meistens andere Sorgen als die Höhe der Kommissionssätze. ­Entsprechend sind diese meistens kein ernsthaftes Thema. Der Verband kann jedoch die Summe seiner Mitglieder in die Waagschale werfen: Mit dem Ergebnis, dass jedes seiner Mitglieder unmittelbar vom Verhandlungsergebnis profitiert.

Interview: Gerhard Enggist

*Die VEZ-Mitglieder repräsentieren den gesamten schweizerischen Detailhandel, das Gastgewerbe, die Hotellerie sowie die Dienstleistungssektoren.

DAS KÖNNEN SIE TUN

Aus Sicht der Kartenakzeptanten, also der Waren- und Dienstleistungsanbieter sowie des VEZ als deren Sprachrohr geht es in den nächsten Monaten darum,

zu überprüfen, ob die erstmalige Reduktion der Interchange-Gebühr in den Kommissionssätzen, wie sie die Acquirer mit den Karten­akzeptanten vertraglich vereinbaren, weitergegeben worden ist;

bei dieser Gelegenheit die Branchenverbände, vornehmlich solche mit KMU-Mitgliederstruktur, für 
den Abschluss von Branchenvereinbarungen zu sensibilisieren, um die Marktmacht ihrer Branchen zu bündeln;

die Tragweite und Umsetzung der NDR-Klausel eng zu begleiten, mit dem Ziel, dass für alle Kartenakzeptanten ein rechtsgleicher Vollzug gewährleistet wird;

gegenüber neuen Gebühren­ideen, insbesondere MasterCards, einzuschreiten, insbes. die Einführung einer Interchange-Gebühr auf Debitkarten (Maestro, Post­FinanceCard) zu verhindern;

die Akzeptanz von Debitkarten im E-Commerce-Bereich (online und mobil) zu fördern.