Publiziert am: 02.06.2017

Auf dem Weg zur 
digitalen Aufklärung?

KMU & FINANZEN

«Im Falle eines Weltuntergangs wäre ich am liebsten in der Schweiz. Denn dort geschieht alles etwas später.» In seiner Ansprache am «Forum des 100» in Lausanne erinnerte Bundesrat Alain Berset mit einem berühmten Zitat Albert Einsteins an die dringliche Notwendigkeit für unser Land, sich unaufhörlich zu erneuern. Zumal die Wirtschaftsleistung der Schweiz insbesondere an den Bereichen Qualitätsarbeit, technische Expertise, Know-how und Mehrwert gemessen wird.

Der Wandel ist im Gange

Nach der Mechanisierung, der Erfindung der Elektrizität und schliesslich der Automatisierung ist die «Industrie 4.0» die vierte Revolution, welche die Produktionsmittel von «Smart factories» organisiert, in denen die Maschinen und Systeme untereinander, aber auch mit den Kunden, Zulieferern sowie anderen Produktionsstandorten vernetzt sind. Diese Revolution ist voll im Gange: mit dem Internet der Dinge und virtuellen Netzwerken, die dazu dienen, Kontrolle über physische, sehr konkrete Gegenstände zu haben. Ein Beispiel solcher Netzwerke sind die intelligenten Stromversorgungsnetze («Smart grids»), welche diese Technologien nutzen, um die Gewinnung, die Verteilung, den Verbrauch und sogar die Speicherung der Elektrizität zu optimieren.

Tiefgreifende Veränderungen

Die Virtualisierung und die Digitalisierung der Wirtschaftsaktivitäten betreffen indes nicht nur die Industrie. Der Tourismus 4.0 und der Handel 4.0 sind ebenfalls Realität geworden. In den traditionellen Geschäftsprozessen der Versicherungen, der Informatikanbieter, der Presse, der Banken und Finanzgesellschaften, der Freizeitindustrie – kurz gesagt in allen Dienstleistungsbranchen werden heute dieselben Technologien verwendet. Wir befinden uns also bereits vollends im Zeitalter der Wirtschaft 4.0, demjenigen der Digitalisierung.

Aber die Digitalisierung der Produkte und Dienstleistungen kann nicht einfach nur die Reaktion auf eine technologisch gewandte Kundengeneration sein, die «digital friendly» und damit besser und schneller informiert ist – und deren Kundenabgangsrate mit Sicherheit zunimmt und deren Konsumverhalten die traditionellen Vertriebskanäle durcheinanderbringt. Die Digitalisierung bringt eine tiefgreifende Veränderung der Definition der Wirtschaftsakteure, ihrer Rolle und ihres Funktionierens mit sich.

Die Chance packen

«Denn die wahre Revolution besteht nicht darin, auf digitale Instrumente als blossen Ersatz für Arbeitskräfte und bisherige traditionelle Werkzeuge zurückzugreifen. Vielmehr geht es um ein Überdenken der Abläufe des Unternehmens, eine Neufokussierung auf seine Mission, seine Aufgabe und seine Strategie. Mit dem Ziel, an Effizienz zu gewinnen und noch mehr Chancen zu nutzen», schrieb Aline Isoz, Expertin in digitaler Transformation, kürzlich in einem 
Editorial. Die Digitalisierung der Unternehmensprozesse ist also nicht ein Ziel, sondern der zu verfolgende Weg. Es handelt sich somit bei 
weitem nicht nur um eine Technologie, die von einigen Spezialisten gesteuert wird und deren Benutzer wir sind, sondern um eine Frage der Unternehmenskultur, zu der wir schliesslich 
alle beitragen.

Um den Aphorismus von Alain Berset zu zitieren: «Wir brauchen eine digitale Aufklärung.» Einen digitalen Wandel, der die üblichen Grenzen der gesellschaftlichen Modelle, die geografische Kluft und die Gegensätze zwischen Akteuren und wirtschaftlichen Abläufen überwindet. Einen Wandel also, der nicht spaltet, stigmatisiert oder bremst, sondern integriert und zusammenführt.