Publiziert am: Freitag, 5. September 2014

«Auf wackeligen Füssen»

INTERVIEW – Sibille Duss, UBS CIO Wealth Management Research.

Schweizerische Gewerbezeitung: Die Schweizer Wirtschaft lief in den vergangenen Quartalen sehr solide und auch der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe deutet auf eine expandierende Wirtschaft in den nächsten sechs Monaten hin. Warum ist der UBS-KMU-Barometer eher pessimistisch?

Sibille Duss: Die Schweizer Wirtschaft ist nach wie vor sehr fragmentiert. Die Binnenwirtschaft, wie das Dienstleistungsgewerbe und das Baugewerbe, stützte in den vergangenen Quartalen das Wirtschaftswachstum, während beispielsweise die export­orientierte Industrie oftmals einen negativen Beitrag zur Entwicklung des Bruttoinlandprodukts beisteuerte. Der UBS-KMU-Barometer ist ein Indikator für die Industrie-Unternehmen und schliesst bewusst die wirtschaftliche Lage der eher binnenorientierten Wirtschaft aus. Durch diese Ausklammerung unterschätzt der KMU-Barometer die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz insgesamt und zeigt im Moment ein pessimistischeres Bild.

Welches sind derzeit die grössten wirtschaftlichen Risiken weltweit?

Zum einen steht die Erholung in der Eurozone immer noch auf wackeligen Füssen. Das Wachstum in verschiedenen europäischen Staaten war im zweiten Quartal negativ (z.B. Italien) oder stagnierte (z.B. Frankreich). Dieses schwache Wirtschaftswachstum könnte die disinflationären Tendenzen in der Eurozone noch verschärfen. Dies würde die Investitionstätigkeit dämmen und die Schulden der Peripherieländer weiter ansteigen lassen. Zudem rückten in den letzten Monaten geopolitischen Risiken (z.B. Ukraine/Russland, Israel/Gaza, Irak) vermehrt in den Vordergrund. Eine erneute Eskalation, beispielsweise in der Ukrainekrise, könnte die wirtschaftliche Situation der Exportunternehmen in Europa noch verschärfen. In China gehen wir von einer «sanften Landung» aus, doch bleiben auch hier aufgrund des angeheizten Immobilienmarktes weitere Risiken für die Weltwirtschaft bestehen.

Welches sind derzeit die grössten wirtschaftlichen Risiken für die Schweiz?

Die Schweizer Wirtschaft ist auf der Exportseite sehr stark von Europa abhängig. Ein erneutes Aufflammen der Eurokrise oder allgemein ein schlechtes wirtschaftliches Umfeld in Europa hätte deshalb auch negative Effekte auf die Schweizer Wirtschaft. Einerseits würde ein geringeres Wirtschaftswachstum sich negativ auf die Nachfrage nach Schweizer Produkten auswirken. Andererseits würde der Schweizer Franken wohl wieder verstärkt unter Druck kommen, was die SNB zu erneuten Interventionen am Devisenmarkt oder zur Einführung von Negativzinsen zwingen könnte. Auf dem Schweizer Immobilienmarkt ist eine gesunde erste Abkühlung sichtbar geworden; hingegen würde ein stärkerer Preisrückgang die Bauindustrie schwer treffen.

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