Publiziert am: Freitag, 23. März 2018

Auf wie starken Füssen steht das Land?

CHINA – Das neue wirtschaftliche Wachstumsziel China signalisiert Stabilität, und das Reich der Mitte hat Deutschland als Exportweltmeister überholt. Doch die Verschuldungen der regionalen Regierungen sowie der Staatsunternehmen mahnen zur Vorsicht.

Die chinesische Führung feiert sich selbst. Die Erfolgsliste scheint nicht aufzuhören: Die «Belt and Road Initiative» in Zentralasien und auf dem Indischen Ozean wurde global applaudiert, die Ausfuhren schnellen in die Höhe und das Wirtschaftswachstum ist stark. Trotzdem will die Führung bescheiden bleiben.

Lokomotive der Weltkonjunktur

Das neue wirtschaftliche Wachstumsziel Chinas signalisiert zunächst einmal Stabilität: Es ist genauso hoch wie im Vorjahr. Tatsächlich lag das Wachstum 2017 aber bei 6,9 Prozent, also über der Zielmarke von 6,5 Prozent. Experten sind auch für das laufende Jahr optimistisch. «Wir erwarten, dass die Konjunktur gut durchhalten wird», sagt Qu Hongbin, China-Chefökonom der Grossbank HSBC in Shanghai. Qu rechnet für 2018 mit einem Wachstum von ungefähr ­6,7 Prozent. China ist damit weiterhin die Lokomotive der Weltkonjunktur.

Und nicht nur das: Das Reich der Mitte hat Deutschland als Exportweltmeister überholt. Die gesamten Ausfuhren der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt schnellten im Februar 2018 im Vergleich zum Vorjahr um 44,5 Prozent auf 171,6 Milliarden US-Dollar in die Höhe. Die Einfuhren stiegen wesentlich schwächer um 6,3 Prozent auf 137,9 Milliarden Dollar. Der Handelsüberschuss erhöhte sich damit deutlich auf 33,7 Milliarden Dollar.

Freihandel und Umbruch

«Wir befinden uns in einer Phase des Übergangs zu neuen Wachstums­trägern», sagte Premier Li Keqiang bei der Vorstellung der Wirtschaftspläne für das Jahr 2018. Premier Li nannte konkret den aktuellen Wachstumstreiber: «Wir bauen ein digitales China auf.» Er hob besonders die ­vielen Neugründungen von Technikfirmen hervor – und die immer schnellere Innovation durch etablierte Unternehmen.

In China sind im vergangenen Jahr 1,3 Millionen Patentanmeldungen eingegangen. Das sind 18 Mal mehr als in Deutschland und doppelt so viele wie in den USA. Vor allem liegt China auch bei der Qualität der Innovationen vorn. So gab es in China zweimal mehr Patentanmeldungen zu neuronalen Netzen als in den USA. Dieser Zweig der Informatik gilt als entscheidend für die Entwicklung selbstständig lernender Maschinen.

«Die Industrie verzeichnet kaum effizienzgewinne.»

Auch die konkreten Anwendungen boomen: Internetfirmen wie Tencent und Alibaba verdienen gutes Geld und schaffen Jobs. «Die neuen Wirtschaftszweige wie Elektronik und ­Informationstechnik überflügeln die traditionellen Branchen bei weitem», so Qu der HSBC.

Nicht alles rosig

Und trotzdem kommen nicht nur positive Meldungen aus dem Reich der Mitte. Die Industrieproduktion, immer noch einer der wichtigsten Arbeitgeber, kann kaum Effizienz­gewinne verzeichnen. Das erklärt, warum auch die Durchschnittslöhne seitwärts tendieren. Vor allem problematisch sind aber die Verschul­dungen der regionalen Regierungen sowie der Staatsunternehmen. Diese übersteigen die chinesische Wertschöpfung um ein Vielfaches.

Auch am Horizont internationaler Politik werden einige Wolken schwarz. Die USA scheinen sich auf einen Handelskrieg vorzubereiten; Vietnam ist immer irritierter vom chinesischen Gebaren im Südostchinesischen Meer; und Russland ist nicht nur des Lobes voll für die Initiative, die das eigene Hinterland durchqueren soll.

Henrique Schneider, Stv. Direktor sgv