Publiziert am: 19.06.2015

Beschäftigung nimmt zu

Arbeitsintegration – Bei einer Arbeitslosenquote von drei Prozent haben wir eigentlich nichts zu jammern. In jedem anderen Land dieser Welt würde man von Vollbeschäftigung sprechen.

Hansjürg Dolder beschreibt in einem Artikel in PANORAMA 1/2015, der Fachzeitschrift für Berufsbildung, Berufsberatung und Arbeitsmarkt, dass der schweizerische Arbeitsmarkt wegen seiner geringen Regelungsdichte als flexibel und damit erfolgreich bezeichnet wird.

«Erfolgreich heisst, dass die Schweiz für Unternehmen und somit auch für viele Arbeitsplätze attraktiv ist. Die tiefe Arbeitslosenquote bestätigt dies. Trotzdem dürften wir noch nicht zufrieden sein. Zu viele Menschen suchen auch in der Schweiz Arbeit und finden keine – zum einen die arbeitslos gemeldeten Personen und zum anderen jene Gruppe, die nicht mehr bei der Arbeitslosenversicherung gemeldet ist und von Angehörigen oder der Sozialhilfe finanziell unterstützt wird.

Mit dem Arbeitsmarkt, 
nicht gegen ihn

Wir müssen uns fragen, warum der Arbeitsmarkt nicht alle arbeitswilligen Personen aufnimmt. Noch besser aber lautet die Frage: Was können wir tun, damit der Arbeitsmarkt mehr Menschen aufnimmt? Wir sollten nicht über den Arbeitsmarkt selbst und seine vielleicht brutalen oder ungerechten Regeln lamentieren. Viel erfolgreicher ist es, wenn wir den Arbeitsmarkt als gegeben betrachten und unsere Energie dafür einsetzen, die Erfolgschancen der stellensuchenden Menschen zu erhöhen. ­Dabei können wir uns sogar die Marktgesetze zunutze machen, zum Beispiel, indem wir einen Teil der ­Arbeitskosten mitfinanzieren. Ich denke dabei an Schnuppertage, ­kurze Praktika oder Einarbeitungszuschüsse, welche den Unternehmen zu günstigen Bedingungen eine Test- und den Arbeitsuchenden eine Präsentationsmöglichkeit bieten.

Der Arbeitsmarkt hat sich verändert und wird dies weiter tun, weil sich die Bedürfnisse der Unternehmen wandeln. Es ändern sich sowohl die hergestellten Produkte und angebotenen Dienstleistungen als auch die Methoden zu deren Bereitstellung. Dies fordert auch die arbeitenden Menschen heraus, denn es werden in Zukunft noch mehr einfachere Arbeiten wegfallen oder von Maschinen übernommen und neue Arbeitsplätze für gut qualifizierte Arbeitskräfte geschaffen. In den letzten vier Jahren nahm die Beschäftigung in allen Schweizer Regionen aufgrund der besseren Konjunktur pro Jahr um ein oder zwei Prozent zu. Die Arbeitslosigkeit nahm dabei zwar ab, aber die Diskrepanz zwischen nachgefragter und vorhandener Qualifikation verschärfte sich. Viele der neu geschaffenen Arbeitsstellen wurden durch Personen aus dem Ausland besetzt. Der offene europäische Arbeitsmarkt liess dies zu, und oft genug war die Rekrutierung im Ausland für die Unternehmen die einzige Möglichkeit, eine vakante Stelle zu besetzen.

Was Stellensuchende 
erfolgreich macht

Es gibt mehrere Faktoren, welche entscheidend sind, ob eine stellensuchende Person rasch wieder eine neue Arbeitsstelle findet. Einer der wichtigsten ist sicher die Qualifikation, die Ausbildung. Menschen mit einem eidgenössisch anerkannten Berufsabschluss oder Hochschulabschluss werden etwa dreimal weniger häufig arbeitslos als Menschen ohne Berufsabschluss. Allerdings behält diese Ausbildung nur ihren Wert, wenn sie durch laufende Weiterbildung aktuell gehalten wird. So hilft eine vor zwanzig Jahren abgeschlossene kaufmännische Ausbildung wenig, wenn mit der heutigen elektronischen Infrastruktur nicht umgegangen werden kann. Neben der Ausbildung hat auch die Sozialkompetenz eine hohe Bedeutung. Unter ihr sind Eigenschaften wie Persönlichkeit, Teamfähigkeit und allgemeines Verhalten zu verstehen. Weitere Faktoren sind die Kenntnisse der am Arbeitsort üblichen Sprache und eventuell Fremdsprachenkenntnisse. Selbstverständlich ist der geforderte Lohn ein weiteres Kriterium, ob jemand angestellt wird. Und dann gibt es leider auch noch den Faktor Diskriminierung, der es namentlich Ausländer/innen zweiter Generation deutlich schwerer macht, eine Anstellung zu finden.

Sehr oft wird auch gesagt, dass Personen ab 50 wegen ihres Alters keine Chance mehr hätten, eine Arbeitsstelle zu finden. Diese Aussage trifft nicht oder nur bedingt zu. Die Arbeitslosenquote der über 50-Jährigen betrug im November 2014 2,7 Prozent, die Quote der jüngeren Arbeitslosen 3,3 Prozent. Diese relativ tiefe Quote der Älteren kommt zustande, weil ältere Menschen sehr viel weniger häufig arbeitslos werden als jüngere. Sind sie aber einmal arbeitslos, so dauert es ein Mehrfaches, bis sie eine neue Stelle gefunden haben. Derzeit dauert die Stellensuche der bis 24-Jährigen in der Schweiz im Durchschnitt 123 Tage, jene der über 50-Jährigen 364 Tage. Jeden Monat findet etwa jede zwölfte stellensuchende Person wieder eine neue Arbeitsstelle, bei den über 50-Jährigen aber nur jede fünfundzwanzigste. Auch über 50-Jährige können also Arbeit finden, ihre Chancen sind aber viel geringer als die jüngerer Stellensuchender.»

Hansjürg Dolder,

Leiter Amt für Wirtschaft und Arbeit,

Basel-Stadt

Aktuell

Basel-Stadt mit nützlichem Fonds

Ein Patentrezept zur besseren Integration stellensuchender Menschen in den Arbeitsmarkt gibt es nicht. Im Kanton Basel-Stadt etwa wurden die Dienste von Sozialhilfe und Arbeitsmarktbehörde (Amt für Wirtschaft und Arbeit AWA / RAV) im Arbeitsintegrationszentrum zusammengelegt. Über 50 verschiedene Angebote zur Qualifikation und Beschäftigung wurden entwickelt und offensiv angewendet. Die Politik von Basel-Stadt gestattet es, dass laufend neue Massnahmen gesucht und erprobt werden können. Vor vier Jahren wurde zudem ein Fonds zur Finanzierung von arbeitsmarktlichen Massnahmen geschaffen; er unterstützt und ermöglicht immer wieder Innovationen. Der Regierungsrat kann aus diesem Fonds in einem raschen Verfahren für Pilotprojekte oder zur Abfederung von Bedarfsschwankungen Mittel entnehmen. Dem Fonds werden jährlich aus der ordentlichen Staatsrechnung sechs Millionen Franken überwiesen.