Publiziert am: Freitag, 8. Mai 2015

Bessere Chancen mit Französisch

Französisch in der Lehre – Die Anforderungsprofile unterstützen die Jungen auf dem Weg in die Lehre. In vielen Berufen ist eine zweite Landessprache Voraussetzung – in der Deutschschweiz Französisch – um eine Lehrstelle zu bekommen.

Je genauer Jugendliche die Anforderungen der Berufsbildung kennen, desto besser können sie sich gezielt auf ihren gewählten Beruf vorbereiten. «Die Anforderungsprofile sind ein neues Angebot aus der Praxis. Sie ermöglichen den Schülerinnen und Schülern in der 9. Klasse eine Standortbestimmung bezüglich ihrer schulischen Kompetenzen und geben ihnen Klarheit, was in ihrem Wunschberuf gefordert und erwartet wird», erklärt Walter Goetze, Leiter des Büros für Bildungsfragen. Unter seiner Leitung haben der Schweizerische Gewerbeverband sgv und die Schweizerische Konferenz der kantonalen

Erziehungsdirektoren EDK in einem gemeinsamen Projekt diese neue Orientierungshilfe geschaffen.

«Mit Fremdsprachen ist die Auswahl an möglichen lehren grösser.»

«Die Anforderungsprofile, welche für rund 190 Berufe entwickelt wurden, sollten dazu führen, dass sich die Jugendlichen frühzeitig mit den Anforderungen und den eigenen Fähigkeiten auseinandersetzen», so Goetze. Und er konkretisiert: «Sie sollen ihnen zu einer Einschätzung verhelfen, ob die angestrebte Berufswahl realistisch ist und ihnen zeigen, wie das in der Schule Gelernte in der Berufslehre gebraucht werden kann.»

Ohne Fremdsprache benachteiligt

Bei der Wahrnehmung dieser Anforderungsprofile für die berufliche Grundbildung kam es jedoch bezüglich Fremdsprachen zu Missverständnissen. So schreibt die «NZZ am Sonntag», in 60 Prozent aller Lehrberufe genüge Deutsch. In einigen beliebten Berufen seien aber Englisch oder Französisch eine Voraussetzung. Dies dementiert Goetze entschieden: Es stimme zwar, dass in vielen Berufen im Qualifikationsverfahren keine Fremdsprachen geprüft würden. «Nur häufig sind dies Berufe mit nur wenigen Lehrverhältnissen und vor allem sind es mehrheitlich Berufe mit geringen schulischen Anforderungen – insbesondere handelt es sich um die Attestausbildungen. Umgekehrt sind es die anspruchsvollen Berufe und diejenigen, die höhere schulische Anforderungen stellen, wo Fremdsprachen erforderlich sind», erklärt Goetze. Insgesamt stellten sich nämlich für rund 60 Prozent der Lehrverhältnisse bei den Fremdsprachen höhere Anforderungen als die Grundansprüche. Deshalb sei geradezu das Gegenteil der Fall: «Es braucht die Fremdsprachen, ohne Fremdsprachenkenntnisse ist man in der Berufswahl und in der Berufspraxis behindert, spricht man hingegen eine zweite Landessprache, so ist dies ein Vorteil, indem man Zugang zu wesentlich mehr und zu anspruchsvolleren Lehrstellen hat», so Goetze.

«Französisch hat 
bei KMU eine hohe 
Bedeutung.»

Tatsache sei ferner, dass es in den Anforderungsprofilen um Fremdsprachen ganz generell sowie in der ganzen Schweiz gehe. In der Deutschschweiz seien dies Französisch, Englisch und Italienisch, in der Romandie Deutsch, Englisch und Italienisch und im Tessin Deutsch, Französisch und Englisch. Dies sieht auch Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes sgv so. Er plädiert sogar für das frühe Erlernen der zweiten Landessprache. Dabei weist er auch auf die staatspolitische Bedeutung des Erlernens einer zweiten Landessprache hin. «Das ist für den kulturellen Zusammenhalt der Willensnation Schweiz wichtig. Es wäre für unser Land ein Armutszeugnis, wenn sich Deutschschweizer und Romands in Englisch unterhalten müssten.» Für den Gewerbedirektor ist klar: «Französisch hat bei KMU eine hohe Bedeutung. Vor allem für die Binnenwirtschaft sind gute Französischkenntnisse wichtig.»

Eine Landessprache als

erste Fremdsprache

Tatsächlich ist «es guets Franz» aus zahlreichen Berufsbildern nicht wegzudenken. Wer könnte sich eine Rezeptionistin oder einen Servicefachmann ohne gute Französischkenntnisse vorstellen? Wie sollten Gesundheitsfachangestellte, Mitarbeiter im Detailhandel oder KV-Angestellte mobil bleiben, ohne die zweite Landessprache zu beherrschen? Und wie soll das Personal in den Dienstleistungsbetrieben an der Sprachgrenze mit ihrer welschen Kundschaft kommunizieren? «Viele Partnerbetriebe befinden sich in der Romandie oder in anderssprachigen Landesteilen», sagt Bigler. «Deshalb ist es sinnvoll, dass die künftigen Mitarbeitenden primär eine Landessprache als erste Fremdsprache lernen.»

«60 Prozent der lehren verlangen eine Fremdsprache.»

Dies bestätigt auch Goetze in Bezug auf die Anforderungsprofile: «Bei rund 40 Prozent der erfassten Anforderungsprofile stellen sich bei den Fremdsprachen höhere Anforderungen als die Grundkompetenzen. In diesen Berufen finden wir rund 60 Prozent der Lehrverhältnisse. Das sind oft Berufe mit vielen Lehrverhältnissen.» Der Umkehrschluss, nämlich dass es in 60 Prozent der Berufe und für 40 Prozent der Lehrverhältnisse keine Fremdsprachen braucht, wie dies die «NZZ am Sonntag» fälschlicherweise kommunizierte, ist nicht zulässig. «Der einzig richtige Schluss wäre, dass für diese Berufe die Grundkompetenzen ausreichend sind. Und hinter den Grundkompetenzen stecken einige Jahre Fremdsprachenunterricht (je nach Kanton und Umsetzungsstand von HarmoS). Das ist nicht wenig», betont der Projektleiter. Auch wer eine Berufsmaturitätsschule BMS absolvieren wolle, müsse dort zwei Fremdsprachen lernen, auch wenn ein Beruf gemäss der Bildungsverordnung und Bildungsplan keine Fremdsprache vorgesehen hat.

Der Anteil der «Fremdsprachen-Lernenden» erhöhe sich so noch, erklärt Goetze. Jedoch überhaupt nicht thematisiert und trotzdem wichtig sei die Schulsprache – Deutsch in der Deutschschweiz und Französisch in der Romandie. «Sie ist in allen Berufen sehr wichtig. Hier stellen sich im Durchschnitt die höchsten Anforderungen. Deshalb nimmt im Allgemeinbildenden Unterricht der Lernbereich Sprache und Kommunikation einen zentralen Platz ein», sagt 
Goetze. Corinne Remund

KURZ ERKLÄRT

Darum geht es

Im Anforderungsprofil werden die schulischen Anforderungen einer Berufsausbildung abgebildet. Es sind vier Gesamtwerte für die Fachbereiche Mathematik, Schulsprache, Naturwissenschaften und Fremdsprache, sowie 21 Werte für Kompetenzbereiche (wie z. B. Zahl und Variable, bzw. Grösse und Masse bei Mathematik oder Lesen und Schreiben in der Schulsprache) zu entnehmen. Für jeden Beruf sind zudem die erforderlichen Ausprägungen in den einzelnen Fach- und Kompetenzbereichen aufgeführt. Einfache Anforderungen entsprechen den Grundkompetenzen, die am Ende der obligatorischen Schulzeit von 95 Prozent aller Schülerinnen und Schüler erreicht werden sollten. Hohe Anforderungen bedeuten, dass die an diese Kompetenzen geknüpften Lernziele auf hohem Niveau erreicht werden müssen. Schliesslich wird auch eine berufliche Situation während der Lehre beschrieben, in welcher als bedeutsam markierte Kompetenzen zum Einsatz kommen.CR