Publiziert am: 23.02.2018

Bildungshunger und sehr viel Fleiss

SÜDKOREA – Noch in den 1960er-Jahren ein Entwicklungsland, ist das Land der Morgenruhe nicht durch Entwicklungshilfe zum Wohlstand gekommen, sondern durch kapitalistische Reformen.

Die japanische Regierung vertrat im Juli 1961 die Meinung, es werde für Südkorea unmöglich sein, eine unabhängige Wirtschaft zu entwickeln. In den 50er-Jahren, nach dem Koreakrieg, gab es in der Tat kaum ökonomische Fortschritte in Südkorea. Das Pro-Kopf-Einkommen war 1960 mit 79 Dollar immer noch eines der niedrigsten weltweit. Doch alles kam ganz anders.

Enorme Unterschiede

Heute steht das kapitalistische Südkorea mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von 27 539 Dollar vor Ländern wie Spanien (26 609), Russland (8929), Brasilien (8727) oder China (8113) und ist die achtstärkste Exportnation der Welt. Produkte von koreanischen Unternehmen wie Samsung, Hyundai und LG sind weltweit beliebt. Und die (Winter-)Sportwelt trifft sich hier zu Olympischen Spielen.

Und der kommunistische Norden? Vage Schätzungen für Nordkorea beziffern das Bruttoinlandsprodukt auf 583 Dollar pro Kopf. Immer wieder sterben Tausende Nordkoreaner bei Hungersnöten.

Nach dem Index der wirtschaftlichen Freiheit 2017 gehört Südkorea zu den 25 freiesten Ländern der Welt, es rangiert mit Platz 23 beispielsweise vor Deutschland (26) oder Japan (40).

In der Kategorie «Business Freedom» erzielt Südkorea sogar 90,6 von 100 möglichen Punkten. Zum Vergleich: Nordkorea rangiert auf Platz 180, das ist der letzte Platz in dem Ranking. Im Bereich «Business Freedom» erhält es nur 5 von 100 möglichen Punkten.

Auf Fleiss getrimmt

Die Antwort auf die Frage, wie sich Südkorea entwickeln konnte, ist im Grunde genommen einfach: Alles war knapp. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Koreakrieg lag der 
Süden in Trümmern. Das Land war überbevölkert, es hatte keine Industrie, und das Gewerbe arbeitete wie noch 100 Jahre zuvor. Genau diese Knappheit an Mitteln lenkte das Land auf den kapitalistischen Weg.

Kulturell auf Fleiss getrimmt, ist die Bildung noch heute einer der wichtigsten Entwicklungsmotoren Koreas. Mit rund 20 Prozent ist das Bildungsbudget der grösste Posten im Staatshaushalt. Dieser Anteil hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten kaum verändert. Und das sind nur die staatlichen Investitionen. Addiert man die beträchtlichen privaten Ausgaben von etwa drei Prozent des Volkseinkommens dazu, dann ist Südkorea bei den Bildungsausgaben internationaler Spitzenreiter.

Erstklassige private Schulen

Gerade im Bildungsbereich ist Südkorea viel stärker marktwirtschaftlich strukturiert als die meisten anderen Länder. Rund 80 Prozent der Hochschulen sind in privater Trägerschaft. Die Qualität dieser Hochschulen ist erstklassig. 8 koreanische Universitäten befinden sich unter den 100 innovativsten Universitäten der Welt. Die Technische Universität KAIST schaffte es als einzige nicht US-amerikanische Universität in die Liste der Top 10.

«DIE KNAPPHEIT LENKTE SÜDKOREA AUF DEN KAPITALISTISCHEN WEG.»

Auch im Schulwesen spielen private Schulen eine grosse Rolle. Es gibt fast 100 000 private Nachhilfeschulen (Hagwon), und 77 Prozent der Schüler verbringen an ihnen im Durchschnitt zusätzlich 10,2 Stunden wöchentlich – neben dem normalen Schulunterricht. Die Familien geben durchschnittlich 800 Dollar im Monat für die private Schulbildung ihrer Kinder aus. Bereits im Jahr 2001 
waren alle Grund-, Mittel- und Oberschulen ans Internet angeschlossen, jeder der 340 000 Lehrer hatte einen eigenen PC, und bis 2003 gingen 
14 «Cyber-Universitäten» ans Netz.

Der Fleiss dauert an

Die über 51 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner Südkoreas zählen immer noch zu den fleissigsten Arbeitenden der Welt. In den letzten fünf Jahren ist das Bruttoinlandsprodukt jährlich um circa drei Prozent gewachsen. Auch für das Jahr 2018 wird mit dieser Wachstumszahl gerechnet. Während die Inflationsrate unter 2 Prozent bleibt, ist die Arbeitslosenquote stabil um 3,8 Prozent 
geblieben.

Südkorea, das noch in den 60er-Jahren ein Entwicklungsland war, ist nicht durch Entwicklungshilfe zum Wohlstand gekommen, sondern durch kapitalistische Reformen. Freie Märkte, Bildungshunger und Fleiss wirken Wunder. Das Land der Morgenruhe ist alles andere als gemächlich.

Henrique Schneider, 
Stv. Direktor sgv