Publiziert am: 01.05.2020

Blumen statt Fitnessgeräte

GEWERBE HILFT GEWERBE – Die Corona-Krise führt die unterschiedlichsten Branchen zusammen und das Gewerbe unterstützt sich gegenseitig. So überbrückt beispielsweise SGFV-Präsident Claude Ammann die Zeit bis zur Eröffnung der Fitness- und Gesundheitscenter mit Blumenausliefern.

Es herrscht gespenstische Ruhe, wo sonst jeden Tag viele Tonnen Eisen bewegt und Hunderte Kilometer zu Fuss oder auf dem Velo abgespult werden. Wie viele andere Branchen hat die Corona-Krise auch die Fitnesscenter hart erwischt. Seit 12 Jahren führt Claude Ammann, Präsident des Schweizerischen Fitness- und Gesundheitscenter-Verbands SFGV, das «Physio In Fit» in Zuchwil. Das beliebte Gesundheitszentrum im Raum Solothurn ist aufgrund der aktuellen Situation seit dem 13. März geschlossen. Gemäss heutigen Stand gehen seine Tore frühestens am 11. Mai wieder auf, so jedenfalls hat es der Bundesrat vorgesehen. Damit steht die gesamte Branche vor grossen Herausforderungen, oftmals sind Fitnessbetriebe in ihrer Existenz bedroht.

«geschlossenE Studios führen zum Liquiditätsengpass.»

Dazu Ammann: «Wir haben grosse Geräte und hohe Mietkosten. Wenn unsere Studios noch lange geschlossen bleiben, führt dies bei vielen Mitgliedern zum existenzbedrohlichen Liquiditätsengpass.» Dieser werde durch ausbleibende Ratenzahlungen oder Kundinnen und Kunden, die Rückerstattungen aufs Jahresabonnement einfordern, noch zusätzlich verstärkt. «Wir haben im Namen des SFGV an unsere Kundinnen und Kunden appelliert, die Raten weiter zu zahlen. Zum Teil bekamen wir verständnisvolle Rückmeldungen», so Ammann. Im Gegenzug ist er sehr darum bemüht, die Kundenbindung zu stärken. «Ich leihe meinen Kunden Geräte wie beispielsweise Handeln oder Spinn­velos aus, damit sie zu Hause trainieren können. Ebenso bieten wir Fitnessstunden und Übungen über die sozialen Medien an.» Doch die Branche fordert einen raschen Ausstieg aus dem Lockdown. Dafür hat sie ein Schutzkonzept ausgearbeitet und ihre Anliegen in einem offenen Brief an den Bundesrat dargelegt (siehe Kasten).

Wertvoller Support fürdie Partnerin im Blumenladen

Vorerst gilt es allerdings die Nerven zu behalten und abzuwarten. Der SGFV-Präsident nutzt diese freie Zeit sinnvoll, indem er seine Frau im Blumengeschäft branchenübergreifend unterstützt. Verena Ammann betreibt in Basel ihr Blumengeschäft Blumikat. «Es bringt nichts, Däumchen zu drehen, da mache ich lieber etwas Sinnvolles und helfe meiner Frau, ihr Geschäft über Waser zu halten.» Der Gesundheitsspezialist übernimmt zweimal pro Woche die Lieferung der liebevoll kreierten Blumenarrangements seiner Partnerin. Dabei bringt er 20 bis 35 Blumensträusse zu den Kundinnen und Kunden. «Dies ist ein cooler Job, besonders für mich, der sehr kommunikativ ist.» Die einzige Herausforderung sei, die Adressen gleich auf Anhieb zu finden. Doch meistens wird der sportliche Blumenbote bereits erwartet. «Die Kundinnen und Kunden freuen sich über die Blumen wie auch über meinen Besuch. Vor allem ältere Kundinnen schätzen ein Schwätzchen und bedanken sich mit einem grosszügigen Trinkgeld», meint er schmunzelnd.

Vom Gipser zum Gemüsehändler

Not macht aber auch in anderen Branchen erfinderisch. So zum Beispiel in der Berner Länggasse, wo ein selbstständiger Maler und Gipser die Baustelle mit dem Gemüseladen eintauscht und im Quartier regionale Produkte verkauft. Unter dem Motto «Gemeinsam gegen Corona» unterstützt auch ein Zentralschweizer Immobilienverwalter Mieter, die zur Risikogruppe gehören, beim Einkaufen. Er nutzt dabei sein grosses Netzwerk und holt innert kürzerer Zeit zahlreich andere Unternehmungen für sein «wohltätiges Projekt» ins Boot.

Corinne Remund

Das FORDERT DER SFGV

Schnellstmögliche Öffnung

Die Fitnessbranche kann den Entscheid des Bundesrates nicht nachvollziehen. Vor allem die eklatante Ungleichbehandlung innerhalb der Betriebe mit personenbezogenen Dienstleistungen stösst sauer auf. Deshalb fordert sie in einem offenen Brief an den Bundesrat – ganz im Sinne des sgv – eine schnellstmögliche Öffnung der Betriebe. Dazu haben der Schweizerische Fitness- und Gesundheitscenter-Verband SFGV sowie IG Fitness Schweiz ein Schutzkonzept ausgearbeitet. Im Gegensatz zu öffentlich zugänglichen Einrichtungen könnten die Besucherfrequenzen im Einklang mit dem Schutzkonzept steuern und kontrolliert werden, argumentieren die beiden Verbände unter anderem. Die Fitnessbranche ist ein wichtigen Wirtschaftsfaktor, beschäftigt sie doch knapp 30 000 Mitarbeitende und erzielt einen Jahresumsatz von rund einer Milliarde Franken. Bei den 1100 Fitnesscentern handelt es sich um KMU und inhaberbetriebene Einzelunternehmen.CR

www.sfgv.ch

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