Publiziert am: 10.07.2015

Bundesrat muss über die Bücher

HÖHERE BERUFSBILDUNG – Die Titelfrage in Englisch mit benutzerunfreundlichen und alltagsuntauglichen Berufsbezeichnungen ist für den sgv mehr als unbefriedigend. Daher fordert er vom SBFI mehr Zeit für eine Stellungnahme der Trägerorganisationen.

Seit Jahren verspricht der Bundesrat, die Höhere Berufsbildung attraktiver machen zu wollen. Das 2013 gestartete Projekt des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI zur Stärkung der Höheren Berufsbildung sieht als Schwerpunkte die bessere Finanzierung der Höheren Berufsbildung sowie die Klärung der Titelfrage in Englisch vor. Bei der Finanzierung liegt ein Entwurf vor und die Vernehmlassung dazu ist abgeschlossen. Vorgesehen ist ein doppelter Systemwechsel weg von der kantonal ausgerichteten Angebotsfinanzierung, hin zur Subjektfinanzierung durch den Bund. «Viele Fragen sind zwar noch offen. Ob damit weiterhin Berufsleute ihren Weg über eine Berufs- oder höhere Fachprüfung machen werden oder sich aus finanziellen und persönlichen Risiko-Überlegungen für einen Bildungsweg über höhere Fachschulen oder Fachhochschulen entscheiden, bleibt abzuwarten», sagt Christine Davatz, sgv-Vizedirektorin und Bildungsverantwortliche. Und sie gibt weiter zu bedenken: «Auch offen ist, ob wie angekündigt tatsächlich mehr Geld zu Gunsten der Höheren Berufsbildung fliessen wird, denn dies wird nur dann erfolgen, wenn die Teilnehmerzahl der Vorbereitungskurse stabil bleibt.»

Universitäten sträuben sich

Bei den Titelfragen hapert es aus Sicht des Schweizerischen Gewerbeverbandes sgv aber noch gewaltig. «Certified Electrician Advanced Federal Diploma of Higher Education» als Titel für einen eidgenössisch diplomierten Elektroinstallateur mit Meisterprüfung ist nicht besonders alltagstauglich und attraktiv. Da wäre doch «Professional Master in Electricity» um einiges kürzer und verständlicher. Eine Gruppe aus Verbundpartnern einigten sich jedoch am sogenannten Runden Tisch sowie an einer Informationsveranstaltung für die benutzerunfreundlichere Variante. Den Hauptgrund, der eine Vereinfachung ausschliesst, sieht Davatz darin, «dass sich Universitäten und Fachhochschulen dagegen wehren».

Ernüchternd war die Antwort auf die die Frage, was geschehen würde, wenn sich in den schriftlichen Stellungnahmen die Mehrheit für «Professional Bachelor» oder «Professional Master» aussprechen würde. Darauf könne man nicht eingehen, ausser das eidgenössische Parlament ändere seine Meinung. «Der Nationalrat hatte immerhin in der letzten Herbstsession noch dem ‹Professional Bachelor› und ‹Professional Master› für die englische Übersetzung zugestimmt», erinnert Davatz. Und auch bezüglich der äusserst kurzen Frist von sechs Wochen für die Möglichkeit zu einer schriftlichen Stellungnahme sei sie mit der lapidaren Antwort abgefertigt worden, eigentlich müsste man gar eine Anhörung (zwei Monate) oder Vernehmlassung (drei Monate) durchführen, denn es gäbe am Schluss einfach ein Merkblatt für die Organisationen der Arbeitswelt OdA. Diese seien ohnehin für die Titelbezeichnung zuständig, ärgert sich die Bildungsfachfrau. «Es bleibt das schale Gefühl, das SBFI macht ohnehin, was es will, ohne wirklich an die Aufwertung der Höheren Berufsbildung zu denken», folgert Davatz.

Klare Forderung des sgv

Ob dieser vielen Unsicherheiten und Unklarheiten fordert der sgv vom 
SBFI, dass einerseits den Trägerorganisationen bedeutend mehr Zeit – also mindestens drei Monate – zur Stellungnahme eingeräumt wird, und anderseits vom Bundesrat, dass er doch noch einmal betreffend die Titel über die Bücher geht. «Oder fänden es die Bundesräte attraktiv, wenn sich Partner oder Kinder als ‹Registered Expert for Accounting and Controlling, Advanced Federal Diploma of Higher Education› bezeichnen müssten, wenn sie als diplomierte Expertin oder Experte in Rechnungslegung und Controlling in England eine Stelle suchen?», bringt es Davatz mit einer provokativen Frage auf den Punkt. Corinne Remund

AUS DEM NATIONALRAT

Motion WBK – N wird ­unterstützt

Zusammen mit den Gewerkschaften hat der sgv erreicht, dass der Nationalrat die Motion seiner Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur WBK-N unterstützt. Diese verlangt, dass in der BFI-Botschaft 2017-2020 sowohl für die Unterstützung der Höheren Berufsbildung als auch für den akademischen Nachwuchs ein durchschnittliches jährliches Wachstum des Kredits von 3,9 Prozent einzuplanen ist und die beiden Bildungswege nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen.CR