Publiziert am: Freitag, 17. Januar 2014

Chance für das Handwerk

BERUFSBILDUNG - Der erste Themenblock der Gewerblichen Winterkonferenz widmete sich dem sgv-Kernthema Berufsbildung. Dabei wurden verschiedene Unterthemen ins Zentrum gerückt.

Im Jahr der Berufsbildung wurde auch in Klosters die Bildung als Standortvorteil der Schweiz hervor gestrichen. Dabei zeigte Beat Kläy, Direktor der Schweizer Bäcker-Confiseure SBC, anhand seines Verbandes auf, mit welch grossem Engagement sich die einzelnen Branchen für Berufsbildung einsetzen. An den Anfang seines Referates «In Bildung investieren statt Arbeitslosigkeit finanzieren» stellte er die provokative Frage «Wieso benachteiligt der Staat unsere Branche beim wichtigen Thema Höhere Berufsbildung?» Die Aus- Weiterbildung gehört beim SBC der mit der Richemont Fachschule über ein national und international bestens vernetztes Bildungs- und Kompetenzzentrum mit über 200`000 Schülertagen verfügt, zur Hauptaufgabe. «In der Qualität bilden wir genügend Nachwuchs aus. Jährlich treten rund 1500 Jugendliche eine Lehrstelle in unserer Branche an», so Kläy. Allerdings verliessen die gelernten Berufsleute und potenziellen Kandidaten für eine Weiterbildung tendenziell die Branche frühzeitig, was die Weiterbildungsquote senke. «Die Weiterbildung wird so teurer und die Kaderleute sowie Unternehmer fehlen uns langfristig», betont Kläy.

«Höhere Beiträge dämpfen die Lust auf Weiterbildung.»

Dabei spiele auch die finanzielle Situation eine wesentliche Rolle. Die Änderung in der Bildungsfinanzierung respektive im Vollzug durch die Kantone hätte dazu geführt, dass Finanzierungslücken entstanden seien. Die berufsorientierten Bildungsbeiträge an die Trägerverbände respektive ans das nationale Ausbildungszentrum seinen massiv gesunken. «Der Verlust entspricht 75 Prozent der bisher zugesprochenen Beiträge. Dies brachte uns in arge Schwierigkeiten, weshalb wird die Mitgliederbeiträge zugunsten der Aus- und Weiterbildung um rund 85 Prozent erhöhen mussten», sagte Kläy und ergänzte: «Höhere Preise für die Kurse haben höhere Beiträge für die Unternehmen und somit einem Attraktivitätsverlust in unserer Brache für die Aus- und Weiterbildung zur Folge.»

Gleichwertigkeit der Systeme

Anhand dieses Beispiels aus dem Verbandsalltag schlug Kläy den Bogen zur Politik. Für den SBC steht die Erhaltung des dualen Berufbildungssystems mit den Weiterbildungsmöglichkeiten in der praxisorientierten Höheren Berufsbildung und den Fachhochschulen. «Besonders am Herzen liegt uns dabei die Gleichbehandlung von akademischer und berufsbildungsbezogener Bildung. Hier muss endlich gehandelt werden», unterstrich Kläy. Beim Übergang von der Volksschule in die berufliche Grundausbildung kämpft der SBC zusammen mit dem sgv für messbare Bildungsstandards sowie für die Minimierung von Lehrabbrüchen durch die Verbesserung der Berufswahlvorbereitung. «Auch die negative Entwicklung in der Höheren Berufsbildung sowie der beruflichen Weiterbildung muss dringend gestoppt werden», forderte Kläy. «Die Absicht, Höhere Fachprüfungen (HF) auf der einen Seite und Berufs- und höhere Fachprüfung (BP/HFP) auf der anderen Seite unterschiedlich zu behandeln und insbesondere die Vorbereitungskurse zu diesen Prüfungen sowie die berufliche Weiterbildung nicht mehr zu subventionieren, kann auf keinen Fall akzeptiert werden.» Als wichtigste Weiterbildungsmöglichkeit für KMU sei die Höhere Berufsbildung und die berufliche Weiterbildung als Ganzes zu fördern und im Bildungsgesetz besser zu positionieren.

Schweizer Arbeitsmarkt ist Weltklasse

Professor Dr. Aymo Brunetti stellte die Berufsbildung als einen Trumpf der Schweiz im internationalen Standortwettbewerb in einen globalen Kontext. Der Schweizer Arbeitsmarkt sei Weltklasse und führe zusammen mit attraktiven Rahmenbedingungen zu einer widerstandsfähigen Schweizer Wirtschaft. «Die Schweiz steht heute makroökonomisch gut da. Solide Staatsfinanzen, eine tiefe Arbeitslosigkeit, eine stabilisierende Zuwanderung sowie günstige Exportstrukturen führen dazu, dass unser Land im internationalen Vergleich eine Position an der Spitze einnimmt», betonte Brunetti.

Bezüglich Arbeitsmarkt hätte sich die Schweiz im internationalen Vergleich mit einer ausserordentlich hohen Erwerbsbeteiligung eine optimale Ausgangslage geschaffen. «Wir verfügen über eine Erwerbstätigkeitsquote von 80 Prozent während unsere Nachbarländer Frankreich und Deutschland 60 respektive 70 Prozent aufweisen», so Brunetti. Ein nicht überregulierter Arbeitsmarkt mit einem nicht sehr restriktiven Kündigungsschutz, dezentralisierten Lohnverhandlungen, kombiniert mit wenig verzerrender sozialer Sicherheit sowie unserem praxisnahen, dualen Berufsbildungssystem mit starken Universitäten und Fachhochschulen stärkten unseren Arbeitsmarkt weiter und führten mit weiteren Standortvorteilen zu einem Spitzenplatz in der Wettbewerbsfähigkeit.

«Der Mindestlohn gefährdet unseren flexiblen Arbeitsmarkt.»

Allerdings warnte Brunetti auf den Lorbeeren auszuruhen. «Wir dürfen jetzt nicht aufgrund unserer günstigen Wirtschaftslage selbstzufrieden zurücklehnen. Die Zukunft bringt noch einige Klippen, welche wir clever umschiffen müssen.» Als grosse Gefahren des Erfolgsmodells Schweiz bezeichnete er die Initiativen zur Arbeitsmarktregulierung wie die Mindestlohninitiative, Zuwanderungsinitiative sowie die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen. «Damit gefährden wir den einmaligen Standortvorteil des flexiblen Schweizer Arbeitsmarktes.» Als besonders gefährlich stufte er die Mindestlohninitiative ein: «Die Mindestlöhne wie sich beispielsweise in den USA und in Deutschland festgelegt wurden, können keineswegs mit unserem Vorhaben verglichen werden. Im internationalen Vergleich wären wir das Land mit dem höchsten Mindestlohn, was zum Teil auf unsere Kaufkraft zurückzuführen ist.» Die hervorragende Position der Schweiz müsse mit dauernd wirtschaftspolitischen Reformen immer wieder von Neuem gewonnen werden, was in der stabilitätsorientierten Schweiz ein nicht leichter Prozess sei. Doch man dürfe nicht vergessen, dass dank Reformen der letzten beiden Jahrzehnten die Schweiz heute gut dastände, zieht Brunetti abschliessend sein Fazit.

Flaggschiff der Weiterbildung im Gewerbe

Hans Peter Baumgartner, Vorsitzender der Geschäftsleitung des Schweizerischen Institutes für Unternehmerschulung SIU, stellte in seinem Referat die moderne Meisterprüfung in den Fokus. Sie sei die Grundlage eines erfolgreichen KMU- Unternehmertums und die Krönung einer gewerblichen Ausbildung. Er skizzierte kurz die Ausbildungswege bis zur Meisterprüfung. Dabei verwies er auf den Lehrgang «Fachleute Unternehmensführung KMU», mit eidg. Fachausweis. Darin würden alle notwendigen Kompetenzen vermittelt, um ein Kleinunternehmen alleinverantwortlich erfolgreich zu leiten oder in einem Mittelbetrieb Teilbereiche zu führen. «Sämtliche relevanten Kompetenzen in Unternehmensführung, Strategie, Personalführung und -entwicklung, Marketing, Finanzführung und Rechnungswesen, Organisation und Recht werden in diesem zweisemestrigen Lehrgang behandelt und vernetzt», so Baumgartner. Der Eidg. Fachausweis bestätige die erworbenen Kompetenzen und werde von vielen Berufsverbänden als obligatorischer Teil der Meisterprüfung gefordert.

Stärkung der Höheren Berufsbildung

Ein krönender Schlusspunkt der Debatte rund um die Berufsbildung war die Podiumsdiskussion unter dem provokativen Titel «Ist die Duale Berufsbildung ein Auslaufmodell?» Für alle Teilnehmenden - Mauro dell`Ambrogio, Staatssekretär des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI, sgv-Direktor Hans-Ulrich Bigler, Hans Ambühl von der Schweizerischen Konferenz der Kantonalen Erziehungsdirektoren EDK, Eva Desarzens-Wunderlin von der Schweizerischen Konferenz der Höheren Fachschulen und Gisela Meyer Stüssi, Vizepräsidentin des Gymnasiallehrer-Verbandes - war unbestritten, dass die duale Bildung eine grosse Stärke der Schweiz ist, die weiterhin gehegt und gepflegt werden muss. Dabei muss insbesondere das Augenmerk auf die Stärkung Höhen Berufsbildung sowie die finanzielle Gleichbehandlung der beruflichen und akademischen Bildung gelegt werden. Dazu Bigler: «Es ist Zeit, dass die Gleichwertigkeit politisch umgesetzt wird.» Diskutiert wurde ferner zum «Kulturkampf zwischen Berufslehre und Gymnasium». Dell `Ambrogio dazu: «Es darf keinen staatlichen Zwang geben bezüglich der Wal der Ausbildungswege. Für viele Eltern ist dies eine Prestigefrage, wir müssen da Überzeugungsarbeit leisten.» Auch Desarzens Wuderlin ist der Meinung, dass die beiden Systeme nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen: «Die Höhere Berufsbildung muss auf kantonaler Ebne gestärkt werden.» Ambühl hingegen beobachtet, «dass eine Berufslehre bei vielen Jugendlichen das Selbstbewusstsein fördert und ihnen so früh Verantwortung übertragen wird, was zu grosser Motivation der jungen Berufsleute führt, wiederum eine Stärke der Berufslehre». Für Meier Stüssi ist klar, «dass die jungen Leute darin bestärkt werden sollten, ihren Weg zu gehen, ganz ihren Fähigkeiten gemäss.» Angesprochen wurde auch der Lehrplan 21. Hier herrschte der einstimmige Tenor, man müsse aufhören, die Inhalte der Schule zu extrem zu politisieren. Ebenso war man sich mehrheitlich einig, dass die Jugendlichen frühzeitig und vertieft beim Übergang der Volksschule auf ihren künftigen beruflichen Werdegang vorbereitet werden müssen. Corinne Remund