Publiziert am: 09.11.2018

Chancen für Schwächere

BERUFSBILDUNG – Wer aufgrund einer Lern- oder Leistungsbeeinträchtigung (noch) keine Attestlehre schafft, soll sich dennoch bewerben können. Mit einem Papier, das Arbeitgebern aufzeigt, welche Fähigkeiten bisher erworben wurden.

Das Wort ist ein Zungenbrecher – wie so manches in der Welt der Berufsbildung. Doch der «Individuelle Kompetenznachweis» (IKN) hat es in sich. Er soll es Menschen mit einer Lernschwäche ermöglichen, zu zeigen, was sie beruflich draufhaben – auch wenn es bisher nicht zum Abschluss einer zweijährigen Attestlehre (EBA) gereicht hat. Und der IKN hilft auch Arbeitgebern: Sie können damit einschätzen, was sie von einer Bewerberin, einem Bewerber erwarten dürfen und was nicht. «Eine Win-win-Situation», sagt der Zürcher FDP-Nationalrat Hans-Ulrich Bigler. Der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands sgv hat sich seit Jahren für den IKN eingesetzt.

«Praktische Ausbildung» ab 2007

Bis 2007 gab es kein schweizweit einheitliches Berufsbildungsangebot für junge Menschen mit Beeinträchtigung. In diesem Jahr rief der Nationale Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Behinderung (INSOS) zusammen mit der Invalidenversicherung IV und dem Bundesamt für Sozialversicherungen die «Praktische Ausbildung» (PrA) ins Leben. Gärtner-, Hauswirtschafts- oder Küchengehilfen schlossen eine praktische Ausbildung ab und erhielten dafür einen Titel, z. B. «Gärtner PrA».

Das Problem dieser Ausbildungen: Sie waren mit den Berufs- und Branchenverbänden nicht abgesprochen. Entsprechend intervenierten die Verantwortlichen der Berufsbildungswelt – Dachverbände wie der sgv, Berufsverbände und Kantone. «Um im ersten Arbeitsmarkt anerkannt zu sein, müssen diese Abschlüsse mit den Verbänden koordiniert sein», fordert Gewerbedirektor Bigler.

Gewerbeverband als Mittler

«Wir wollten Nägel mit Köpfen machen», erinnert sich sgv-Bildungs­expertin Christine Davatz. «Deshalb nahm der sgv die Sache – zusammen mit den bereits Involvierten – an die Hand.» Mit dem Ziel, für alle Beteiligten klare Verhältnisse zu schaffen, brachte der sgv die beiden Welten zusammen und motivierte die Berufsverbände, ihre EBA-Ausbildungen mit dem IKN auszutesten und den IKN anzuerkennen. Dies, indem sichergestellt wird, dass «ihre» Berufsbilder nicht verwässert und ihr Nachwuchs auch auf niederer Stufe so ausgebildet wird, dass die erlernten Fähigkeiten den Anforderungen im Berufsalltag auch wirklich entsprechen.

Klare Vorgaben

«Die Zulassung einer Ausbildung zum IKN ist an klare Vorgaben gebunden», sagt Davatz. Die Ausbildung muss zwei Jahre dauern, über einen standardisierten Bildungsplan verfügen und sich an den Handlungskompetenzen einer der über 50 EBA-Grundbildungen orientieren. Verlangt wird zudem, dass die vermittelten Kompetenzen mithilfe einer Lern- und Leistungsdokumentation strukturiert erfasst und beurteilt werden. Letztlich entscheidet die nationale Organisation der Arbeitswelt als Trägerin der jeweiligen EBA-Grundbildung über die Zulassung einer Ausbildung zum IKN.

Klarheit auch für Unternehmen

Eine von den Verbundpartnern (Organisationen der Arbeitswelt, Bund, Kantone) verabschiedete Orientierungshilfe zum Individuellen Kompetenznachweis beschreibt nicht nur, welches Anforderungsprofil eine Ausbildung erfüllen muss, sondern auch, in welchen Bereichen der IKN Anwendung findet, wie der Zulassungsprozess zu strukturieren ist und wie die Verantwortlichkeiten ­geregelt sind. Das Papier richtet sich an Organisationen der Arbeitswelt, welche Trägerinnen einer zweijährigen beruflichen Grundbildung mit eidgenössischem Berufsattest (EBA) sind, sowie an Trägerschaften von zweijährigen standardisierten Ausbildungen ausserhalb der beruflichen Grundbildung, welche eine Zulassung zum IKN beantragen wollen.

«Der IKN fördert den Einstieg von Jugendlichen ohne Abschluss in den Arbeitsmarkt und erleichtert das Bewerten von Bewerbungen», sagt sgv-Direktor Bigler. «Damit kommen wir der politischen Forderung nach Integration und Inklusion nach und schaffen gleichzeitig Klarheit bei all jenen Unternehmen, die ihren Teil zur Akzeptanz von leistungsschwächeren Menschen im Wirtschafts­leben beitragen wollen.»

Gerhard Enggist

www.eba.berufsbildung.ch