Publiziert am: 24.04.2015

Chancen für Schweizer KMU-Qualität

URBANISIERUNG – Der aufstrebende Mittelstand in Asien, der Sog der dortigen Städte und das Bedürfnis nach Schweizer Qualität haben sehr viel gemeinsam.

Im engsten Sinn bedeutet der Begriff «Urbanisierung» die Vergrös­serung jenes Bevölkerungsanteils, der in Städten lebt. In China und Indien, den bevölkerungsreichsten Ländern der Welt, werden im Verlauf der nächsten 20 Jahre über 600 Millionen Menschen vom Land in die Städte wandern. Im Jahr 2020 werden demnach in beiden Ländern über zwei Milliarden Menschen in Städten leben. Betrachtet man Ostasien insgesamt, dann sind es sogar über drei Milliarden.

Gleichzeitig weisen ostasiatische Länder ein hohes Wirtschaftswachstum auf. Das führt zur Vergrösserung der Mittelschicht. Während im Jahr 2009 die Mittelschicht in Ostasien aus etwa 550 Millionen Menschen bestand, wird diese im Jahr 2020 um die 1,8 Milliarden umfassen. Das entspricht mehr als der Hälfte der gesamten Mittelschicht weltweit.

Infrastruktur und Konsum

Dieses Zusammenfallen der beiden Phänomene Urbanisierung und Wirtschaftswachstum führt zu mehr Investitionen in Infrastruktur und zu höheren Konsumausgaben. Die urbane Mittelschicht hat ganz besondere Bedürfnisse, die es in Zukunft vermehrt zu bedienen gilt. Beispiel Infrastruktur: Die urbane Mittelschicht wohnt verdichtet, ist aber nicht bereit, auf Wohnqualität zu verzichten. Bauten mit höherwertigen Materialien, die vor Wärme und Kälte, aber auch vor Lärm isolieren, werden nachgefragt. Moderne Installa­tionstechniken, welche die Gebäude bedienerfreundlich, aber auch umweltschonend machen, sind auch im Trend. Die planerische Integration von Wohn- und Freizeitbereich, Telekommunikation, Mobilität und Versorgung (Schule, Supermarkt) stehen im Mittelpunkt.

«Die urbane Mittelschicht stellt immer höhere anforderungen an die Qualität.»

Auch im Konsum ist die neue urbane Mittelschicht Asiens fordernd: Es findet eine zusätzliche Differenzierung zwischen bisherigen Standardprodukten und «Premium» statt. Gesunde Ernährung rückt in den Mittelpunkt, ausländische Lebensmittelverarbeiter können punkten, weil sie sichere Produkte verkaufen. Mit steigenden Konsumausgaben werden auch vermehrt «exotische» Güter konsumiert, zum Beispiel Käse und Schokolade. Kosmetik und Gesundheit gewinnen an Bedeutung. Und in einer Gesellschaft, in der Prestige besonders wichtig ist, zählen Wohlstandsmarker wie Uhren besonders viel. Die urbane Mittelschicht bewegt sich in Richtung höherer Qualitätsanforderungen. Und diese gelten sowohl für die Infrastruktur als auch für Konsumgüter.

Chance für Schweizer KMU

Diese Bewegung in Richtung Qualität öffnet zusätzliche Chancen für Schweizer Qualität. Die Differenzierung kann durchaus auf zwei Ebenen stattfinden, auf der Ebene der technischen Merkmale und auf der Ebene der Marke. Als ein chinesischer Investor die Firma Swisssteel kaufte, war er an beidem interessiert. Zunächst einmal wollte er Materialien mit Schweizer Qualität in China verkaufen. Denn deren Lebensdauer ist länger und ihre Verarbeitung hochwertiger. Doch der Investor war auch am Prestige von «swiss made» interessiert. Beides ergänzt sich optimal.

Mit der gleichen Überlegung sind verschiedene Schweizer KMU in Ostasien tätig. Sie wissen, dass die dortigen Märkte sowohl die technische Hochwertigkeit als auch den guten Namen der Schweiz schätzen. Diese beiden Faktoren ergeben zusammen Qualität.

Chancen nicht ausgeschöpft

Aber die Chancen sind bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Im Gegenteil: Mit der Urbanisierung und dem wachsenden Mittelstand ergeben sich immer mehr und neue Chancen für Schweizer KMU. Sie entstehen sowohl in den Dienstleistungen als auch im Verkauf verarbeiteter Produkte. Beispiele dafür sind Städteplanung, Bau, Design, Gebäudeautomation, Umwelttechnik, Lebensmittel, Kosmetik, Pharma, Chemie und Biotechnologie. Und die Liste kann beliebig fortgesetzt werden.

Wie diese Chancen realisiert werden, hängt von den einzelnen Unternehmen ab. Ein allgemeines Rezept gibt es wohl nicht. Es kann sich aber lohnen, für detaillierte Abklärungen sich an die Exportorganisationen Swiss Export und Switzerland Global Enterprise zu wenden.

Henrique Schneider,

Ressortleiter sgv