Publiziert am: 07.09.2018

«Das Fuder nicht überladen»

DIANA GUTJAHR – Die Thurgauer SVP-Nationalrätin und Vizepräsidentin des kantonalen Gewerbe­verbands ist vor allem eines: Unternehmerin. Und als solche fordert sie mehr Praxisbezug in der Politik.

Schweizerische Gewerbezeitung: Seit bald einem Jahr sitzen Sie – als Nachfolgerin von Hansjörg Walter – im Nationalrat. Wie haben Sie sich im Parlament eingelebt?

Diana Gutjahr: Die Zeitspanne bis zur ersten Kommissionssitzung war ziemlich lange, so dass ich erst in diesem Jahr so richtig durchgestartet bin. Aber heute kann ich sagen, dass ich mich sehr gut eingelebt 
habe und mich heimisch fühle.

Mit Ihnen und Hansjörg Brunner arbeiten nun gleich zwei Thurgauer KMU-Vertreter im Nationalrat mit. Was wollen Sie für die KMU erreichen?

Da ich selbst aktiv in unserem Familienbetrieb mitarbeite, kenne ich die Sorgen und Nöte von der Pike auf. KMUler ärgern sich immer wieder über formalistische Kleinigkeiten, die den Alltag erschweren und keinen Mehrwert generieren. Diese Hürden gilt es gezielt zu beseitigen, um so Schritt um Schritt dem Ziel eines einfacheren Ablaufs näher zu kommen. Mir ist deshalb wichtig, dass ich sozusagen als festes Bindeglied zwischen Wirtschaft und Politik agieren kann. Deshalb habe ich für alle Anliegen und Vorschläge ein offenes Ohr – oder dann eben eine Mailbox für Meldungen.

Im Übrigen habe ich gerade mit Hansjörg Brunner eine parlamentarische Begleit­gruppe «Arbeitgeber» gegründet, um diese Anliegen glaubwürdig und praxis­be­zogen aus den KMU ins Parlament zu tragen. Die Arbeit nehmen wir in der kommenden Session auf.

«Die solidarhaftung bringt vor allem eines: sehr viel mehr Bürokratie für die kmu.» 

Welches sind Ihre wichtigsten Anliegen in der Politik?

Mein Steckenpferd ist sicher die 
Bildung, hauptsächlich die duale 
Berufsbildung, eines der Erfolgsmodelle in der Schweiz. Wir bilden in unserem Betrieb selbst laufend rund zwölf Lernende in den verschiedensten Bereichen aus, somit erlebe 
ich diese Thematik hautnah. Aktuell 
haben wir einen Lernenden, der sich für die SwissSkills 2018 qualifiziert hat; das macht mich persönlich und unseren Familienbetrieb sehr stolz. Und zeigt, dass es sich lohnt, 
Jugendliche in jeglicher Hinsicht zu fördern und auszubilden.

Ganz oben auf meiner Agenda steht auch die Aufgabe, mitzuhelfen, Antworten im Bereich der verschiedenen Sozialfragen wie ALV, IV und UVG zu suchen. Damit verbunden natürlich auch alle wirtschaftlichen Themen, die unsere KMU direkt betreffen und uns nicht nur finanziell immer stärker belasten.

Wie bringen Sie Ihr politisches Mandat und Ihre Pflichten als Unternehmerin unter einen Hut?

Das ist leider nicht immer ganz so einfach und bedeutet auch bewussten Verzicht. Aber ich kann privat wie auch geschäftlich auf ein tolles, mir nahestehendes Team zählen. Ohne das Verständnis und deren grosse Unterstützung wäre all das gar nicht möglich. Trotzdem ist für mich ganz klar, dass ich in erster 
Linie Unter­nehmerin bin und damit verbunden eine grosse Verantwortung für unsere rund 85 Mitarbeitenden und Lernenden trage. Aus diesem täglichen Kontakt mit der Wirtschaft und der Gesellschaft trage ich den für meine Arbeit wichtigen «Stall­geruch» in der Nase mit. Das wiederum prägt mein politisches Gedankengut und Handeln. Den Bezug zur Basis und die Kenntnisse der unterschiedlichsten Abläufe in den Betrieben lässt das Parlament mit den vielen Berufspolitikern leider zunehmend vermissen. Es ist für mich kein zu diskutierendes Thema – ich halte unser Milizsystem für elementar, und dieses gilt es zu 
verteidigen. Dafür stehe ich ein, und ich möchte mit meinem Einsatz auch andere Menschen für ein politisches Amt begeistern – für unsere Schweiz.

Als Unternehmerin und Politikerin stossen Sie sich an Exzessen bei den Flan­kie­renden Massnahmen (FlaM) und bei der Solidarhaftung. Was stört Sie an diesen beiden Instrumenten?

Stören ist das falsche Wort. Ich bin der Meinung, dass die Solidarhaftung gut gemeint war, aber im Alltag zu einem reinen Papiertiger geworden ist. Hier bin ich auch der felsenfesten Überzeugung, dass die meisten nicht unternehmerisch tätigen Parlamentarier sich kein Bild davon machen können, was das am Bürotisch für den KMUler bedeutet. Wir Schweizer Unternehmungen halten uns an 
Mindestlöhne und an die entsprechenden Vorschriften, deshalb sind auch ausländische Unter­nehmungen angehalten, dies zu tun. Aber eine genaue Kontrolle und eine Ahndung der Verstösse sind durch den Sitz der Unternehmungen im Ausland nur 
bedingt möglich. Es müssen für alle am Markt tätigen Anbieter die gleich langen Spiesse gelten.

Können Sie ein Beispiel aus Ihrem Unternehmen nennen?

Für die Solidarhaftung bzw. zur 
Bestätigung der Einhaltung der 
Mindestlöhne und der Arbeitsbedingungen sind auf der Bundesseite Mustervorlagen vorhanden. Diese auszufüllen bedeutet unter anderem, von jedem Mitarbeiter zusätzlich eine Unter­schrift einzuholen. Gleichzeitig sind diese auch von den Lieferanten einzufordern, was einen enormen Arbeits- und Kontrollaufwand auslöst – ohne jeden Mehrwert, versteht sich. Zudem erarbeiten einige Unternehmungen eigene Formulare, um dieser Bestätigung nachzukommen, so dass man ständig von vorne beginnt. Sie können sich vorstellen, was das für eine 
Bürokratie hervorruft. Dabei hätte es sicher bessere und damit praxisbezogenere Möglichkeiten gegeben, z. B. über die AHV-Meldung. Solche praxisfernen Auswüchse stören mich.

Wo sonst sehen Sie eine direkte Behinderung des Gewerbes durch die Bürokratie?

Wir, und damit meine ich die ganze Gesellschaft, dürfen nicht immer gleich bei jedem Verstoss nach einem neuen Gesetz oder einer 
dazu passenden Regle­men­tierung rufen. Jedes neue Gesetz bringt am Ende mehr Bürokratie mit sich – das Gegenteil konnte mir bis jetzt niemand beweisen. Es ist mir heute noch schleierhaft, wie ein Vorstoss, der verlangte, dass bei jedem neuen Gesetz zwei Gesetze abgebaut werden müssen, vom «bürgerlichen» Parlament nicht überwiesen werden konnte. Ich möchte deshalb UnternehmerInnen aufrufen, sich politisch zu engagieren, um in diesen bürokratischen, praxisfernen Tendenzen und den immer häufiger zu erwartenden, immer abstruseren 
Initiativen die Stirn zu bieten.

Sie bilden in Ihrem Stahl- und Metallbaubetrieb ein Dutzend Lernende aus. Mit welchen Herausforderungen ist das Gewerbe bei der Ausbildung des Nachwuchses konfrontiert?

Es wird immer schwieriger, Lernende für eine praktische Berufsausbildung zu finden, die nebst dem handwerklichen Geschick auch gute schulische Leistungen mit­bringen. Zudem ist der zeitliche Aufwand im Betrieb, den eine qualitativ hoch­stehende Ausbildung mit sich bringt, in den letzten Jahren nochmals 
erheblich gestiegen. Nebst der fachlichen Betreuung kommen auch immer mehr sozial­politische Themen hinzu, welche im Betrieb mitgelöst werden müssen. Es ist aber auch wichtig, dass die Fachverbände über die Bücher gehen und die Ausbil­dungs­inhalte entschlacken und zukunftsgerichtete Inhalte definieren. Eine Lehre ist eine Grundausbildung. Deshalb: Überladen wir das Fuder nicht!

Sie sind mit 34 Jahren noch relativ jung. Wie beeinflusst Ihr Alter Ihr Verhältnis zu Ihren Lernenden?

Das ist gar kein Thema. Ein gutes Verhältnis hat nichts mit meinem «jungen» Alter zu tun, sondern 
damit, dass ich jedem Lernenden grossen Respekt entgegenbringe. Ehrlichkeit, Pünktlichkeit und 
Zuverlässigkeit sind die wichtigsten Lebens­eigen­schaften für eine erfolgreiche Zukunft. Diese Grundvoraussetzungen fürs ganze Leben vermittle ich gleich vom ersten Tag an – ohne Wenn und Aber. Meine Türe steht zudem immer offen, allen Mitarbeitenden. Ob jung, ob alt, alle wissen, dass sie mit jedem Anliegen zu mir kommen können und ich helfend beistehe, egal wo der Schuh drückt. Diese Hilfe geht bis zum Wunsch zur kontrollierten Gewichtsabnahme (lacht). Da ich zudem selber eine dreijährige KV-Grundausbildung genossen habe, weiss ich aus eigener Erfahrung, wie es den jungen Erwachsenen in dieser Ent­wick­lungsphase geht. Das ist sicher auch ein grosses Plus, um ein gegenseitiges Verständnis zu entwickeln.

In gut einem Jahr stehen natio­nale Wahlen an. Weshalb ist es wichtig, dass Kandidatinnen und Kandidaten mit «KMU-Stallgeruch» im nationalen Parlament sitzen?

Die zunehmende Bürokratie kann eine einzelne Person nicht verhindern. Es wird immer wichtiger, dass bei der Ausarbeitung von neuen Gesetzen/Vorlagen so viele Parlamentarier wie möglich mitarbeiten, die einen echten, tiefen Praxisbezug mitbringen und sich so mit ihrem fachlich praxistauglichen und bodenständigen vernünftigen Wissen einbringen. Das braucht unsere Schweiz, um auch weiterhin nicht nur wirtschaftliche Erfolge ausweisen zu können.

Interview: Gerhard Enggist

ZUR PERSON

Diana Gutjahr (34) hat das KV mit Berufsmatura absolviert, studierte danach Betriebswirtschaft und arbeitete in einem Beratungs- und Wirtschafts­prüfungs­unternehmen, bevor sie in die elterliche Unternehmung zurückkehrte. Heute führt sie zusammen mit ihrem Ehemann die Ernst Fischer AG in Romanshorn. Der Stahl- und Metallbaubetrieb ist ein klassisches Familienunternehmen und beschäftigt rund 85 Mitarbeitende, davon ein Dutzend Lernende.

www.diana-gutjahr.ch