Publiziert am: Freitag, 18. Mai 2018

Den Fuss im Süden stärken

MERCOSUR – Die Schweiz strebt ein Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen Staaten Brasilien, Paraguay, 
Uruguay und Argentinien an. Dessen Früchte sollen auch den Bauern zugute kommen.
Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann erwartet Zolleinsparungen von mehr als 200 Millionen Franken.

Das Mercosur ist die abgekürzte Bezeichnung für den «gemeinsamen Markt Südamerikas», die spanische Abkürzung für «Mercado Común del Sur». Die circa 270 Millionen Einwohner verantworten eine Wertschöpfung von etwa 3000 Milliarden US-Dollar im Jahr. Kein Wunder, ist die Schweiz interessiert an einem Zugang zu diesem grossen Markt.

Das Ziel heisst Freihandel

Bundesrat Johann Schneider-Ammann besuchte kürzlich sämtliche Staaten des Mercosur. Vom 29. April bis 5. Mai 2018 führte der Bundesrat Gespräche mit Brasilien, Paraguay, Uruguay und Argentinien zum Thema Freihandel. Das Hauptziel des Besuchs war es, den Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen zwischen den Staaten der Efta und des Mercosur Schub zu verleihen.

Für Bundesrat Schneider-Ammann ist der Mercosur mit seinen 260 Millionen Konsumentinnen und Konsumenten für die Schweiz ein sehr attraktiver Markt. Der Wirtschaftsminister ist überzeugt, dass ein Freihandelsabkommen zwischen dem Mercosur und der Europäischen Freihandelsassoziation (Efta) zur Entwicklung der Handels- und Investitionstätigkeiten der Schweiz in dieser Region beitragen kann. «Mit einem solchen Abkommen», so der Vorsteher des Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung, «können insbesondere die Zölle verringert werden, die heute bei sieben Prozent liegen, mit Höchstwerten von 35 Prozent auf gewissen Produkten. Für die Schweiz würde dies zu Zolleinsparungen von bis zu 
206 Millionen Franken führen.»

EU schon einen Schritt voraus

Begleitet wurde Schneider-Ammann von einer Wirtschafts-, Wissenschafts-, Landwirtschafts- und parlamentarischen Delegation sowie von Regierungsräten. Der Einbe­zug weiter Kreise ist notwendig, um auch in der Schweiz Verständnis 
für die Notwendigkeit eines Frei­handelsabkommens zu schaffen. Schliesslich ist die Schweiz sehr erfolgreich mit ihrer Strategie, mit möglichst vielen Ländern solche 
Abkommen zu schliessen.

Das ist auch bitter nötig. Denn die Europäische Union schliesst ein Freihandelsabkommen nach dem anderen ab. Sowohl mit Mexiko als auch mit dem Mercosur hat die wichtigste Konkurrentin der Schweiz entsprechende Einverständniserklärungen erreicht. Die EU und Mercosur verhandeln zwar schon seit 1999 über ein Freihandelsabkommen, aber für die südamerikanischen Staaten ist ein besserer Zugang zu einem der grössten und reichsten Märkte der Welt wieder interessanter geworden. Denn bei dem geplanten Abkommen geht es um den Zollabbau für 90 Prozent der Waren, die zwischen beiden Regionen gehandelt werden.

Freihandel 
weiterentwickeln …

Ein Freihandelsabkommen ist nie frei von Stolpersteinen. Insbesondere nicht, wenn es um eines mit dem Mercosur geht. Aber es lohnt sich trotzdem, auf ein solches hinzuarbeiten. Denn die jüngst abgeschlossenen Abkommen gaben der Schweizer Wirtschaft wichtige Impulse. Das beste Beispiel ist wohl jenes mit 
China. Seit dem Abschluss steigert sich der bilaterale Handel jährlich um etwa sechs Prozent.

... ist auch für die Bauern wichtig

«Das Freihandelsabkommen mit ­China zeigt, wie wichtig solche Übereinkünfte für die Schweiz und die Schweizer KMU sind», sagt FDP-Nationalrat Hans-Ulrich Bigler. Mit Blick auf den Widerstand der Schweizer Bauernschaft gegen ein mögliches Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten sagt der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands sgv: «Bauern sind Teil der Schweizer Wirtschaft – die Früchte eines solchen Abkommens werden auch ihnen zugutekommen.»

Das scheint auch der Berner SVP-Nationalrat Andreas Aebi ähnlich zu sehen: Nach jetzigem Stand sei ein solches Abkommen und damit der Import von rund 2000 Tonnen Rindfleisch «verkraftbar», sagte Aebi nach der Mercosur-Reise gegenüber hiesigen Medien.

Die Schweizer Wirtschaft – ob gross oder klein – ist bestens inte­griert in der globalen Wertschöpfungskette. Mit Freihandelsabkommen schafft sie sich weitere Vorteile und diversifiziert ihre Beziehungen und damit ihre Zuliefer- und Kundenbasis. Das Schweizer Netz von Freihandelsabkommen ist schon heute sehr dicht. Grosse Flecken 
auf der Karte sind noch Indien, die USA – und eben der Mercosur.

Henrique Schneider,
stv. Direktor sgv

die Beziehungen der Schweiz mit dem Mercosur

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