Publiziert am: 06.07.2018

«Der Euro wird gestärkt»

INTERVIEWDie Ökonomin Sibille Duss rechnet damit, dass die Europäische Zentralbank Ende Jahr ihr Anleihenkaufprogramm beenden wird.

Schweizerische Gewerbezeitung: Italiens Krise ist doch eine politische. Warum wird die Zukunft des Euro wegen Italien erneut in Frage gestellt?

Sibille Duss: Die europäische Währungsunion war von Beginn an nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein politisches Projekt. Die In-tegration zu einem optimalen Währungsraum schreitet nur langsam voran und ist noch nicht abgeschlossen. Zudem wird, nachdem die beiden euroskeptischen Parteien Lega Nord und MS 5 die Regierung stellen, über den Austritt der drittgrössten Volkswirtschaft der Eurozone diskutiert. Die Kosten eines «Italian exit» wären vor allem für Italien zu hoch. Die möglichen Auswirkungen eines Exit sind: ein Sturm auf die italienischen Banken, eine Verknappung von Bargeld (da Geld drucken Zeit braucht), Zahlungsverzug vom Staat und einzelnen Unternehmen, Kreditprobleme von Importeuren und ein potenzieller Austritt Italiens aus der EU. Die neue Regierung hat aber klargestellt, dass ein Austritt Italiens aus der Währungsunion nicht zur Debatte steht. Nichtsdestotrotz sind die populistischen Strömungen in Europa eine Gefahr für die Europäische Union und die (währungspolitische) Stabilität in Europa.

Folgt wieder eine Frankenstärke bzw. Euroschwäche?

Wir gehen im Moment nicht von einer anhaltenden Euroschwäche aus, obwohl die Risiken in jüngster Zeit deutlich zugenommen haben. Wir rechnen nach wie vor damit, dass die Europäische Zentralbank Ende Jahr ihr Anleihenkaufprogramm beenden wird, was den Euro gegenüber dem Schweizer Franken wieder stärken dürfte. Wir haben aber wegen der Unsicherheiten nach der Bildung der neuen italienischen Regierung die Dreimonatsprognose von 1.19 auf 1.17 nach unten korrigiert. Über eine längere Frist von 6 und 12 Monaten sehen wir den EUR-CHF-Kurs immer noch bei 1.20 respektive bei 1.22.

Hatte die Frankenstärke positive Auswirkungen?

Zuerst einmal gilt es festzuhalten, dass die Frankenstärke der letzten Jahre vor allem negative Auswirkungen hatte. Zu den positiven Aspekten gehören die tieferen Importpreise. Das verhalf der Schweiz im Vergleich zum Ausland zu einem höheren verfügbaren Einkommen. Zudem hat der starke Schweizer Franken aufgrund des fortwährenden Kostendrucks auch Auswirkungen auf die Innovationsfähigkeit von Schweizer Unternehmen, da die Währungs­situation wie ein fortlaufendes «Fitnessprogramm» wirkt.