Publiziert am: 04.09.2020

«Der Mittelstand wird profitieren»

KINDERBETREUUNGSKOSTEN – «Wir verlieren Talente, weil die Kosten für die Kinderbetreuung zu hoch sind», sagt Ständerätin Johanna Gapany (FDP/FR). Sie setzt sich für ein JA ein, damit Mütter arbeiten können – und auch etwas davon haben.

Schweizerische Gewerbezeitung:

Steuerliche Progression und höhere Kitakosten: Irgendwann ist für Mütter der Punkt erreicht, wo mehr arbeiten sogar zum Verlustgeschäft wird. Wie kommen wir weg von diesem Teufelskreis?

Johanna Gapany: Die Realität zeigt, dass Eltern tatsächlich gezwungen sind, sich zwischen Familien- und Berufsleben zu entscheiden. Und die Zahlen belegen, dass es häufig Frauen sind, die ihre Arbeitszeit reduzieren: heute arbeiten 6 von 10 Frauen Teilzeit, gegenüber 1,8 von 10 Männern.

Wir könnten nun einfach mit dieser Tatsache leben, aber das Problem ist, dass wir uns so einen Teil unserer inländischen Arbeitskräfte selbst vorenthalten. Die meisten von ihnen sind gut ausgebildete Mütter, einige haben ein Hochschulstudium oder die Universität besucht. Diese Entwicklung fördern wir mit unserem aktuellen Steuersystem auch noch. Es liegt daher im Interesse der Gesellschaft, dass auch diese Arbeitskräfte in den Arbeitsmarkt zurückkehren und zum wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes beitragen.

«Es profitieren Familien, bei denen beide Elternteile arbeiten.»

Wer wird am ehesten von der steuerlichen Entlastung durch die Erhöhung der Kinderabzüge profitieren?

In erster Linie Familien des Mittelstandes, in denen beide Elternteile arbeiten und Steuern zahlen. Im Grunde jeder, der heute selbst für die Kosten der Kindererziehung aufkommt. Das sind mehr als die Hälfte aller Haushalte.

Zweitens wird die gesamte Gesellschaft davon profitieren. Die Rückkehr der Eltern in den Arbeitsmarkt wird zu einer besseren Ressourcennutzung in unserem Land führen, und die Tatsache, dass Eltern in ihrer beruflichen Laufbahn weiter vorankommen, kann die Steuereinnahmen langfristig nur erhöhen und die Sozialkosten senken.

Eine Erhöhung der steuerlichen Abzüge für die Kinderbetreuung soll mithelfen, den Fachkräftemangel zu bremsen. Wie können berufliches Engagement beider Elternteile und das Familienleben insgesamt besser gefördert werden?

Durch die Unterstützung von konkreten Massnahmen, die beide Elternteile ermutigen, ihre berufliche Laufbahn fortzusetzen. Wir haben das Glück, ein ausgeglichenes und diversifiziertes Ausbildungssystem zu haben, welches jedem die Chance gibt, seine Ausbildung und Fähigkeiten in den Arbeitsmarkt einbringen zu können.

Aber wenn sich diese Investition lohnen soll, ist es unerlässlich, eine bessere Vereinbarkeit von Familien- und Berufsleben zu ermöglichen. Sonst verlieren wir Talente und deren beruflichen Fähigkeiten, weil die Kosten für die Kinderbetreuung zu hoch sind.

Sind höhere Abzüge für Kinderbetreuungskosten durch Dritte tatsächlich nur ein Bonus für «reiche Familien», wie es die SP und die Grünen behaupten?

Sicher nicht. Und diejenigen, die glauben, dass Kinder zu haben ein Weg ist, um reich zu werden, liegen völlig falsch.

Die Kinderbetreuungskosten stellen für die Eltern häufig eine zusätzliche Belastung dar. Von den erhöhten Abzügen profitieren Familien, bei denen beide Elternteile arbeiten, Steuern bezahlen und welche oft die kinderbezogenen Ausgaben selbst tragen.

Diejenigen, die keine Steuern zahlen, werden nicht profitieren, aber es gibt ja zahlreiche andere Massnahmen zur Unterstützung dieser Familien, wie zum Beispiel Verbilligungen bei Krankenversicherungsprämien, genossenschaftliches Wohnen oder Kinderbetreuungsplätze zu ermässigten Tarifen.

Statt auf höhere Abzüge für die Kinderbetreuung zu setzen, verlangen bürgerliche Gegner der Initiative, dass die Ehepartner einzeln besteuert werden. Ist dies ein Grund, am 27. September Nein zu sagen?

Die Individualbesteuerung ist wirklich notwendig. Sie würde die finanzielle Unabhängigkeit beider Elternteile garantieren und die Steuereskalation verhindern, die manche Eltern zu einer falschen Entscheidung zwingt. Aber über die Individualbesteuerung sind sich nicht alle einig, sie braucht noch Zeit. In der Zwischenzeit schrumpft die Kaufkraft der Mittelschicht. Deshalb ist es jetzt an der Zeit, zu handeln und in der aktuellen Frage mit Ja zu stimmen.

Was bedeutet ein JA zu dieser Initiative für die Bundeskasse?

Kurzfristig handelt es sich um eine Verringerung der Steuereinnahmen um geschätzt 350 Millionen Franken. Aber diese Berechnung ist verzerrt, denn der Verlust ist heute viel grösser: Wir berauben uns selbst eines Teils der Arbeitskräfte unseres Landes, weil es uns nicht gelungen ist, ein stabiles und effektives System zu schaffen, damit die Eltern ihre berufliche Laufbahn fortsetzen können. Wir berauben uns selbst der Steuereinnahmen, wenn beide Elternteile ihre beruflichen Fähigkeiten nicht voll ausschöpfen. Über unsere Steuern finanzieren wir auch die Sozialhilfe für Eltern, die sich scheiden lassen und ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können, da ein Elternteil die Entscheidung treffen musste, zu Hause zu bleiben, anstatt beruflich aktiv zu bleiben.

Es stimmt, dass es zu weniger Steuereinnahmen kommt. Aber wir müssen auch alle finanziellen Folgen einer schlechten Familienpolitik mitberücksichtigen. Meiner Meinung nach liegt es in unserem Interesse, das Arbeitskräftepotenzial in diesem Land voll auszuschöpfen, und bei 1,5 Kindern pro Haushalt werden die Einnahmen langfristig grösser sein als die Ausgaben.

Die Vorlage kostet Steuereinnahmen, aber sie generiert auch Mehreinnahmen. Inwiefern kann sie zur Vitalisierung der Wirtschaft beitragen?

Heute machen mehr Frauen als Männer ihren Abschluss an Universitäten und Hochschulen. All diese Ressourcen werden geopfert, wenn wir keine gute Politik für die Vereinbarkeit von Familien- und Berufsleben betreiben.

Ich bin die Erste, die anerkennt, dass die Gründung einer Familie – diese grosse Entscheidung – in der Verantwortung der Eltern liegt. Aber niemand kann die Tatsache ignorieren, dass dies auch im Interesse der Gesellschaft als Ganzes liegt. Sie braucht unsere künftigen Generationen – um zu arbeiten, Steuern zu zahlen, die Renten zu finanzieren und die Nachhaltigkeit unserer Gesellschaft zu gewährleisten.

Interview: François Othenin-Girard

www.ja-fuer-familien.ch

ZUR PERSON

Johanna Gapany (32) ist Betriebsökonomin und schaffte für die Freiburger FDP bei den Wahlen 2019 auf Anhieb den Sprung in den Ständerat.

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