Publiziert am: Freitag, 6. Oktober 2017

Der Verdrängungskampf geht weiter

GEWERBE IN DER STADT – Der Schweizerische Städteverband hat eine Studie über die Perspektiven und die Entwicklung 
des sekundären Sektors in den Stadtzentren veröffentlicht – mit alarmierenden Ergebnissen.

Die Stadt ist seit jeher ein Ort, an dem produziert wird. Obwohl in zahlreichen Städten die Kreativwirtschaft geradezu explodiert, stehen die kleinen und mittleren Unternehmen weiterhin unter Druck. Die Vielzahl der Vorschriften, die komplizierten administrativen Verfahren sowie die mangelnde Flexibilität bei der Raumplanung führen für KMU zur Einschränkung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten. Dies zwingt sie nach und nach, sich in die Randgebiete der Stadt zurückzuziehen, um ihren Betrieb nicht aufgeben zu müssen.

Alarmierende Situation

Der Schweizerische Städteverband (SSV) hat eine Studie über die Perspektiven und die Entwicklung des sekundären Sektors in den Stadtzentren veröffentlicht. Gegenwärtig sind in der gewerblich-industriellen Produktion auf dem Werkplatz rund 700 000 Personen beschäftigt. Das sind 24 Prozent der insgesamt Beschäftigten, was ungefähr den Zahlen aus dem Jahr 1995 entspricht. Angesichts der Tatsache, dass die Beschäftigung in den letzten 22 Jahren stark gestiegen ist, kommt dies einem Rückgang gegen 30 Prozent gleich. Den höchsten Beschäftigungsrückgang verzeichnet das Gewerbe. Es gilt deshalb, dieser alarmierenden Situation entgegenzutreten und das Gewerbe in den Stadtzentren zu erhalten.

Aus den Städten verdrängt

Der Detailhandel und die Handwerker sind einige der wichtigsten Triebfedern für die Attraktivität der Stadtzentren. Sobald eine Gesellschaft ihre Industrie und ihr Handwerk verliert, kann auf längere Sicht gesehen die gesamte Dienstleistungstätigkeit gefährdet sein. Dennoch wurden im Laufe der letzten Jahrzehnte sowohl die handwerkliche als auch die industrielle Produktion nach und nach aus den Städten verdrängt. Aufgrund des Platzmangels und der Flächenkosten gibt es immer mehr Gewerbegebiete ausserhalb der Zentren, mit den entsprechenden Folgen für die Entwicklung – oder besser gesagt: die Nichtentwicklung – der Stadt- und Ortszentren.

«Das Herz der Städte verliert an Reiz, zum Nachteil des Gewerbes und des Detailhandels.»

Mit dem Aussterben des Detailhandels sind die Stadtzentren mit einem tiefen strukturellen Wandel konfrontiert, welcher Folgen für die Entwicklung der Städte und Gemeinden hat: Geschäfte und Familien ziehen um, Handwerker und Arbeitsplätze verschwinden.

Es ist wichtig, den Zentren der Städte und Ortschaften wieder ihre Rolle als Treffpunkt und als Versorgungszentrum für die Bevölkerung zurückzugeben. Die Entwicklung muss daher auf Diversifizierung und Flexibilisierung ausgerichtet werden, um den Wohlstand des industriellen und handwerklichen Standorts der schweizerischen Städte zu gewährleisten.

Diversifizierung als Widerstand gegen die Krise

Die Gestaltung und die Entwicklung eines soliden gewerblich-industriellen Werkplatzes führen nicht nur dazu, dass die Städte lebendig und attraktiv werden, sondern machen sie dank der grossen Vielfalt von Tätigkeitsbereichen auch widerstandsfähig gegenüber wirtschaftlichen Krisen. Es handelt sich daher um ein wichtiges Anliegen. Die Stärkung attraktiver und lebendiger Stadtzentren zur Ermöglichung einer nachhaltigen wirtschaftlichen, sozialen und räumlichen Entwicklung, muss ein vorrangiges politisches Ziel sei. Daher ist es entscheidend, dass die unterschiedlichen Massnahmen einer globalen Strategie folgen, und dass die wirtschaftlichen Akteure, die Hochschulen, die Städte und die Kantone sich untereinander abstimmen. Nur ein übergreifender Ansatz, der die verschiedenen Anforderungen der unterschiedlichen beteiligten Akteure berücksichtigt, kann die Ausarbeitung gemeinsamer und effizienter Entwicklungsziele ermöglichen.

Unternehmen unter Druck

Die Studie des Büros INFRAS zeigt, dass der Wandel noch nicht geschafft ist. Die hauptsächlichen Einflussgrössen sind mannigfaltig, wie zum Beispiel die Digitalisierung, die Globalisierung oder auch die Konsumgewohnheiten der Bevölkerung. Obwohl die digitale Vernetzung und die Industrie 4.0 neue Möglichkeiten eröffnen, wird die industriell-gewerbliche Produktion weiterhin unter Druck bleiben, vor allen Dingen in den grossen Städten.

Aus diesen Gründen gilt es, eine sektorbezogene Vielfalt zu kultivieren und die Hindernisse der Entwicklung aus dem Weg zu räumen. Die Studie beleuchtet die vom Schweizerischen Gewerbeverband sgv immer wieder betonte Bedeutung der Einrichtung von flexibel abgegrenzten Gebieten für die Unternehmen sowie eine Erleichterung der Vorschriften und der administrativen Verfahren. Es ist nicht länger akzeptabel, dass die Bürokratie kleine und mittlere Unternehmen erdrückt und in ihrer Gründungsphase entmutigt.

Hélène Noirjean, 
Ressortleiterin sgv