Publiziert am: 08.02.2019

Der Widerstand ist breit abgestützt

REFERENZPREISE BEI MEDIKAMENTEN – Seit vergangenem Herbst liegen zwei Vorschläge des Bundesrates für ein Referenzpreissystem bei Medikamenten auf dem Tisch. Doch dieses schafft nur Verlierer – zuallererst bei den Patienten.

Bei der Eindämmung der steigenden Gesundheitskosten sind die Akteure im Gesundheitssystem gefordert. Das ist unbestritten. Bei den zu treffenden Massnahmen scheiden sich jedoch die Geister. Seit vergangenem Herbst liegen zwei Vorschläge des Bundesrates für ein Referenzpreissystem bei Medikamenten auf dem Tisch. «Doch dieses schafft nur Verlierer», sagt der Baselbieter SVP-Nationalrat Thomas de Courten, Präsident Intergenerika. «Der Widerstand dagegen ist breit abgestützt, von der Industrie über Apotheker und Ärzte bis zu den Patientenorganisationen – und er akzentuiert sich laufend.»

«Patienten als Verlierer»

Im vergangenen Herbst schlug der Bundesrat ein erstes Paket an Kostensenkungsmassnahmen im Gesundheitswesen vor. Darin eingepackt ist der Vorschlag für ein Referenzpreissystem bei patentabgelaufenen Arzneimitteln. Das zuständige Bundesamt hat zwei Modelle in die Vernehmlassung gegeben, obwohl Experten und führenden Akteure des Schweizer Gesundheitssystems, auch aufgrund von Praxiserfahrungen im Ausland, ein solches Billigst-Medizin-Konzept schon früher entschieden abgelehnt hatten. Auch weil die in den letzten Jahren zu Lasten der Pharmaindustrie bereits mehrfach massiv gesenkten Medi­kamentenpreise zu keiner signifi­kanten Prämienentlastung geführt haben.

Die Modelle des BAG schränkten nun aber die Wahlfreiheit der Patienten und die Therapiemöglichkeiten der Ärzte und Leistungserbringer erheblich ein, so de Courten. «Die Patienten wären zweifellos die grössten Verlierer in diesem System mit durch und durch unsozialen Folgen. Sie müssten nicht nur erhebliche Einbussen in der Therapiequalität hinnehmen. Je nach Wahl des Arzneimittels wären auch Zuzahlungen fällig, da die Versicherer nur noch bestimmte Arzneimittel vergüten müssten.»

Noch mehr Kosten für Patienten

Langzeitpatienten würden mit häufigen Medikamentenwechseln konfrontiert, wenn die Wirkstoffpreise in kurzen Abständen überprüft und angepasst werden und die Versicherer dann nur noch das billigste Arzneimittel vergüten. «Dass solche häufigen Medikamentenwechsel insbesondere bei Dauertherapien die Therapietreue (Compliance) negativ beeinflussen, ist hinlänglich bekannt», kritisiert de Courten weiter. Langfristig resultierten sogar höhere Kosten für die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP), weil sich die Krankheiten bei fehlender Compliance oder ungenügender Behandlung verschlimmerten. «Im Ergebnis müssen die betroffenen Patienten neben Franchisen und Selbstbehalt noch mehr bezahlen, zusätzlich zu ihren im internationalen Vergleich eh schon sehr hohen «Out-of-pocket»-Zahlungen.»

«Kleinere Hersteller bedroht»

Die heute bereits teilweise prekäre Versorgungssicherheit wäre weiter gefährdet – auch weil sich die Hersteller angesichts der stark gesenkten Preise auf weniger Produkte konzentrieren müssten und auch keine Zusatzleistungen mehr anbieten könnten. «Insbesondere kleinere Hersteller wären in ihrer Existenz bedroht», fürchtet de Courten.

Aus politischer Sicht höchst brisant: Die vorgesehenen Änderungen im KVG lassen nicht nur viele Fragen offen – die erforderlichen Detailregelungen in den Verordnungen würden kaum ausreichend durch das übergeordnete Gesetz abgedeckt sein. «Einem Systemwechsel fehlt also die demokratische Legitimierung! Er würde ein neues Bürokratiemonster schaffen.»

«DIE PATIENTEN WÄREN DIE GRÖSSTEN VERLIERER IN DIESEM SYSTEM – MIT DURCH UND DURCH UNSOZIALEN FOLGEN.»

Deshalb sei ein Referenzpreissystem bei Medikamenten klar abzulehnen, so de Courten. «Zumal ein Festhalten am bestehenden System des differenzierten Selbstbehaltes bereits heute Jahr für Jahr Einsparungen in Millionenhöhe einbringt.»

Kurt Gfeller, Vizedirektor sgv