Publiziert am: 20.03.2020

Die Ökobilanz muss stimmen

SÄNTIS PACKAGING AG – Das KMU ist auf die Entwicklung und Herstellung von kompletten Verpackungslösungen aus Thermoplasten für die Lebensmittelbranche spezialisiert. Dabei spielen Umwelt und Nachhaltigkeit eine grosse Rolle. Mit Weitsicht und cleveren Strategien stellt sich das Unternehmen den zahlreichen Herausforderungen und überzeugt immer wieder mit innovativen Produkten.

Kaffeekapseln kennen wir alle, wir benützen sie täglich, wenn wir uns eine Kaffeepause gönnen. Damit halten wir ein wichtiges Verpackungsprodukt der Säntis Packaging AG in den Händen. Ein jährlicher Output von fast zwei Milliarden Kapseln macht das Unternehmen in Rüthi/SG zum unangefochtenen Profi dieser Branche. Nebst Kaffeekapseln mit Aromaschutz werden Gebinde, Becher, Schalen und Verschlüsse für die Lebensmittel- und für die Non-Food-Industrie entwickelt und hergestellt. Das KMU im Rheintal zählt sich zu den Marktführern in Europa für coextrudierte Mehrschichtfolien mit Barriereeigenschaften. «Solche Barrierefolien werden eingesetzt für die Verpackung von licht- oder sauerstoffempfindlichen Produkten und schützen so Lebensmittel vor vorzeitigem Verderb. Damit leisten wir auch einen wertvollen Beitrag zur Reduzierung von Food Waste», erklärt Bettina Fleisch. Seit 2005 ist sie Inhaberin und CEO der Säntis Packaging AG, deren Anfänge auf die 1922 gegründete Batteriefabrik Säntis J. Göldi AG zurückgehen. Seit der Übernahme von ihrem Onkel hat Fleisch das Unternehmen neu ausgerichtet. «Wir sind nicht einfach nur ein Verpackungshersteller, wir verstehen uns als Technologieunternehmen, denn wir gehen an die Grenzen der Machbarkeit, um unseren Kunden die Voraussetzung für eine stetige Weiterentwicklung zu schaffen», bringt sie den Zweck ihrer Unternehmung auf den Punkt. Mit rund 100 Mitarbeitern produziert das nach dem höchsten Ostschweizer Berg benannte Familienunternehmen heute innovative Verpackungen und greift dafür auf drei Technologien zurück: Tiefziehen, Folien­extrusion und Spritzgiessen. Zu den Kunden gehören Firmen aus den Fleisch, Milch, Convenience- und Pet-Food verarbeitenden Industrien sowie Genussmittelhersteller.

«Wir entwickeln unsere Verpackungen ressourcenschonend, kreislauffähig und schadstoffarm.»

Die eigene Verpackungsentwicklung ist ein wesentlicher Erfolgsbaustein. «Innovative und effiziente Verpackungslösungen entstehen nur, wenn wir den Markt und die Bedürfnisse unserer Kunden verstehen», betont Fleisch. Wichtig ist ein individuelles und attraktives Design, mit dem der Konsument am Point of Sale angesprochen werden soll. Eine gute Verpackung muss in erster Linie das Produkt schützen und hinsichtlich Kosten, Logistik und Nachhaltigkeit optimiert sein. Eine effiziente Verpackungslösung soll gemäss Fleisch möglichst leicht – denn wenig Gewicht bedeutet einen guten CO2-Abdruck –, recycelbar, funktional und gut stapelbar sein, damit grosse Mengen auf einmal transportiert werden können. Am Anfang der Entwicklung der Verpackung steht die Überlegung, wo das Produkt nach Gebrauch entsorgt werden soll – in der Verbrennung, in der Wiederverwertung oder allenfalls sogar auf dem Komposthaufen. «Wir verfolgen das grosse Ziel, gemeinsam mit den Kunden Verpackungen zu kreieren, bei denen innovative Erneuerungen mit höchster Kosteneffizienz vereinbart werden», so Fleisch. Dabei spielt die Umwelt eine bedeutende Rolle: «Wir entwickeln unsere Verpackungen nach den Standards des Eco-­Designs, ressourcenschonend, kreislauffähig und schadstoffarm.»

Spagat zwischen Funktionalität und Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit und Umweltschutz hat im gesamten Betrieb einen hohen Stellenwert, sowohl beim Produktdesign als auch im Herstellungsprozess. «Wir versuchen bei der Herstellung so wenig Energie wie nötig aufzuwenden und achten darauf, dass wir den Grossteil des Ausschusses wieder intern weiterverarbeiten können. Nachhaltigkeit heisst bei uns aber auch, dass wir die erzeugte Energie rückgewinnen, indem wir mit der Kompressorabwärme unsere Hallen heizen.» Mit sogenannten Bioverpackungen gelingt dem innovativen KMU der Spagat zwischen Funktionalität und Nachhaltigkeit. Allerdings können Bioverpackungen, die grösstenteils aus Stärke bestehen und daher wasserempfindlich sind, nicht überall eingesetzt werden. «Zurzeit entwickeln wir Lösungen für dieses Problem.»

Als Mitglied der Energieagentur EnAW Schweiz betreibt die Herstellerin von hochkomplexen Verpackungen ein aktives Energiemanagement. In einem Fünfjahresplan wird dabei festgelegt, welche Optimierungen jährlich realisiert werden, um das Gesamtziel zu erreichen. Für die Unternehmerin, die 2018 mit den 25. Rheintaler Wirtschaftspreis ausgezeichnet wurde, gehört es zum Alltag, sich immer wieder mit der Kritik von Kunststoffprodukten auseinanderzusetzen. «Plastik muss heute für jedes Fehlverhalten herhalten, aber Plastik ist nicht per se schlecht. Wir müssen das differenzieren und legen daher grossen Wert auf eine richtige Aufklärung», stellt Fleisch fest. «Wir produzieren Plastikverpackungen, um Lebensmittel länger haltbar zu machen. Diese Tatsache geht leider oftmals unter in den hitzigen und emotionalen Diskussionen. Wir hoffen, dass dank unserer Aufklärung die Erkenntnisse von seriösen Ökobilanzen für sich sprechen.» In der eigenen Entwicklungsabteilung und im Labor werden neue Ideen geboren, Tests und Messungen durchgeführt, neue Produkte analysiert und dann in die industrielle Fertigung überführt. Ständig kommen neue Produkte auf den Markt. Eine neue Kreation sind beispielsweise 100 Prozent recycelbare ­Kapseln.

Qualifizierte Fachkräfte ausbilden

Die Säntis Packaging AG legt nach dem Motto «Bildung macht stark» besonderes Augenmerk auf die Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden. «Wir bilden unsere Leute selbst aus, da nicht für jede Technologie in der Kunststoffbranche eine eigene Ausbildung besteht», sagt Fleisch. Der Anteil an Lernenden liegt bei zehn Prozent. Ausgebildet werden zahlreiche Berufe wie Kunststoffverarbeiter EFZ, Kunststofftechnologe EFZ, Logistiker EFZ, Poly­mechaniker EFZ, Konstrukteure EFZ. «Neu möchten wir noch einen Ausbildungsplatz für Automatiker EFZ bieten.»

Das Unternehmen ist bekannt für seine offene und professionell-kollegiale Firmenkultur. «Die Türen der Geschäftsleitung sind immer für alle Mitarbeitenden und ihre Anliegen offen. Teamorientiertes Arbeiten ist uns wichtig. Ebenso sollen unsere Leute Verantwortung übernehmen. Das macht sie stolz. Sie sind motiviert und sie identifizieren sich so mit dem Unternehmen. Mit zahlreichen Events fördern wir zudem den Zusammenhalt untereinander», so Fleisch. Für die Zukunft möchte die engagierte Firmenchefin weiterhin ein guter Arbeitgeber in der Region sein, am Standort Schweiz festhalten und zukunftsträchtige, innovative Produkte auf den Markt bringen. Eine grosse Aufgabe bei den zurzeit herausfordernden Rahmenbedingungen (siehe Kasten).

Corinne Remund

Die HerausfoRderungen sind grosssBegrenzungsinitiative hätte verheerende Folgen

«Wir müssen flexibel bleiben können»

Die Säntis Packaging AG steht mit den aktuellen Rahmenbedingungen vor grossen Herausforderungen. Das Unternehmen in Rüthi/SG liegt unmittelbar vor der österreichischen Grenze und ist zu 95 Prozent exportorientiert, das heisst, seine Kunden liegen mehrheitlich im EU-Raum. «Wir sind stark vom Euro abhängig, das bedeutet mit dem starken Schweizer Franken von 1.05 ist die Situation für uns sehr problematisch», konkretisiert Firmeninhaberin und Geschäftsführerin Bettina Fleisch. Durch ständige Automatisierungen und Optimierungen sowie eine starke Innovationskraft versucht das Unternehmen wettbewerbsfähig zu bleiben und den Standort Schweiz zu verteidigen.

Begrenzungsinitiative hätte verheerende Folgen

«Wir müssen flexibel und agil bleiben können.» Gerade beim Fachkräftemangel, der eine weitere grosse Herausforderung für die Herstellerin von hochkomplexen Verpackungen ist, ist eine maximale Flexibilität Voraussetzung. Dies würde jedoch von der Begrenzungsinitiative, worüber das Stimmvolk am 17. Mai abstimmen wird, arg beschnitten. «Wir beschäftigen zahlreiche Mitarbeitende aus dem benachbarten Österreich. Für uns hätte eine Annahme dieser Vorlage verheerende Folgen, denn ohne qualifizierte Mitarbeiter bleiben wir nicht wettbewerbsfähig», betont Fleisch. Alltägliche Hürden sind zahlreiche unnötige Regulierungen, die nur schwer zu bewältigen sind. «Fragwürdige Vorschriften und Gesetze kosten uns viel Zeit und Geld, die wir lieber in Innovationen und Marketing investieren würden.» Für Unsicherheit sorgen zudem sowohl die momentan akute Corona-Krise – der wichtigste Kunde kommt aus Norditalien – sowie der starke Linksrutsch im Parlament. «Als Unternehmen in der kunststoffverarbeitenden Branche hängen wir zudem von der Gesetzgebung der EU ab», ergänzt Fleisch. CR

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