Publiziert am: Freitag, 24. Juni 2016

«Die Branche ist stark unternehmerisch geprägt»

MICHEL PERNET – Der Präsident des Verbandes Kreativwirtschaft sieht in der Branche noch viel Potenzial. Sie kann manchem KMU aus einer nichtkreativwirtschaftlichen Branche Hilfestellung geben und dort einen Innovationsschub auslösen.

Schweizerische Gewerbezeitung: Die Zürcher Hochschule der Künste ZHdK hat den Bericht zur Kreativwirtschaft 2016 publiziert. Was sind für Sie dabei die wichtigsten Aussagen?

Michel Pernet: Zentral ist, dass die Studie erstmals nicht nur die in den Creative Industries erwerbstätigen Personen erfasst, sondern auch die Personen, die einem kreativen Beruf ausserhalb der Creative Industries nachgehen. Also beispielsweise den Grafiker in einem KMU. Das erhöht die Zahl der kreativwirtschaftlich Erwerbstätigen auf 466 000 Personen, was rund zehn Prozent aller Erwerbstätigen in der Schweiz entspricht. Auch spricht ein Bericht einer Kunsthochschule klar von Creative Economies – und sieht die Akteure entsprechend nicht als Künstler, was einem althergebrachten Klischee entspräche, sondern als moderne Unternehmer, die weit digitaler und interna­tional vernetzter agieren als andere Branchen. Nicht von ungefähr gilt die Kreativwirtschaft als Zukunftsbranche und wächst weit schneller als die Gesamtwirtschaft.

Die Autoren sprechen von sogenannten Übertragungseffekten zwischen der Kreativwirtschaft und anderen Branchen.Wie kann hier die KMU-Wirtschaft von einem Austausch profitieren oder sogar Synergien nutzen?

In der Kreativwirtschaft arbeiten 275 000 Personen in 71 000 Betrieben, die eine Bruttowertschöpfung von 22 Milliarden Franken und einen Umsatz von 69 Milliarden Franken erwirtschaften. Die Kreativwirtschaft besteht also fast ausschliesslich selber aus KMU und ist stark unternehmerisch geprägt. Da die Branche sehr früh mit den Herausforderungen der Globalisierung und der Digitalisierung konfrontiert war, hat sie sich entsprechend früh darauf eingestellt und ihre Chancen gesucht. Heute ist die Kreativwirtschaft eine Branche, die sehr agil und kreativ der Digitalisierung begegnet. Sie kann darum manchem KMU aus einer nichtkreativwirtschaftlichen Branche Hilfestellung geben. Auch arbeiten kreativwirtschaftliche Betriebe an der Schnittstelle zwischen Kultur, Wirtschaft und Technologie. So entsteht Innovation. Es kann also auch für ein «normales» KMU durch eine Kooperation mit kreativwirtschaftlichen Betrieben ein Innovationsschub ausgelöst werden.

«Die Schweiz hat den WErt der Kreativen als Impulsgeber noch nicht erkannt.»

Warum kann die Schweiz ihre Kreativen zum Teil nicht halten und verliert sie oft an internationale Hotspots?

Die Politik und die Verwaltung operieren zwar immer mehr mit dem Begriff der Kreativwirtschaft und auch mit den Zahlen, für welche die Kreativwirtschaft steht. Inhaltlich haben beide aber noch ein antiquiertes Bild. Kreative sind sehr mobil, sehr flexibel, weil ihr Produkt oft immateriell ist und sie virtuell vernetzt sind. Es hält sie keine Produktionsstätte an einem Standort. Somit orientieren sie sich international. Sie gehen dahin, wo sie die besten Rahmenbedingungen vorfinden und sich mit den besten Leuten austauschen können. Es gibt viele Standorte – ich denke etwa an London, New York und Los Angeles – die sich sehr um die Kreativwirtschaft bemühen, auch weil sie den Wert der Kreativwirtschaft als Impulsgeberin und Innovationstreiberin erkannt haben. Die Schweiz hat diesen Wert noch nicht erkannt.

Wie wollen Sie ein kreativwirtschaftsfreundliches Klima in der Schweiz schaffen?

Die Kreativwirtschaft ist wahrscheinlich die Zukunftschance der rohstoffarmen Schweizer Wirtschaft. Weltweit generiert sie schon, so die 
CISAC, 2250 Milliarden Dollar Umsatz. Unsere Ausbildung ist top – was fehlt ist der Humus für innovative Kreativwirtschaftsbetriebe. Dies vor allem auch in der Metropole Zürich. Wir wollen darum ein Centre of Creative Economies schaffen, eine Art Creative Silicon Valley, das den Austausch der besten Unternehmen der Kreativwirtschaft ermöglicht, die Zusammenarbeit mit den besten Technologiefirmen fördert und den Wissenstransfer von den Hochschulen in die Wirtschaft sicherstellt. Ein Ort mit internationaler Ausstrahlung, der durch seine Innovationskraft auf die Welt ausstrahlt und auch die besten internationalen Firmen aus Kreativwirtschaft und Technologie in die Schweiz lockt. Interview: CR

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