Publiziert am: 01.05.2020

«Die Flexibilität wird geschätzt»

HOME OFFICE: SO GEHT'S – Die Corona-Krise führt zu einem Digitalisierungsschub, sagt Green-CEO Roger Süess. Stolpersteine lauern bei ganz alltäglichen Fragestellungen. Wichtig ist, bewusst mit dem Home-Office umzugehen. Das heisst, bewusst in dieser für viele neuen Arbeitsform zu arbeiten – und dann wieder ins reale Zuhause zurückzukehren.

Schweizerische Gewerbezeitung:

Wie hat sich die Nachfrage nach digitalen Lösungen bei Green während der Corona-Krise verändert?

Roger Süess: Die Pandemie stellt viele Betriebe vor immense Herausforderungen, hat aber gleichzeitig auch zu einem starken Digitalisierungsschub in der Schweizer Wirtschaft geführt. Daraus ist viel Positives entstanden, etwa neue Geschäftsideen, neue Formen der Zusammenarbeit und eine Schärfung der Zulieferketten. Das «neue Normal» wird uns ab nun ­begleiten und weiter ausgebaut werden. Denn viele Unternehmer entdecken die Vorteile der Cloud, des virtuellen Büros und digitaler Infrastrukturen ganz generell.

Welche Produkte sind derzeit besonders beliebt?

Die ausserordentliche Lage hat in verschiedenen Bereichen mehr Nachfrage generiert. Einerseits haben wir sehr viele Nutzer, die ­vom kostenlosen Testangebot für ­die Chat-/Videokonferenz-Lösung Teams profitieren, sowie mehr Microsoft-365-Abonnenten, was speziell auch interessant ist in Kombination mit den virtuellen Telefonanlagen für ortsunabhängiges Arbeiten. Andererseits haben wir auch mehr Nachfrage im Bereich Webhosting/Website-Tools sowie bei den Internetangeboten. Hier spüren wir vor allem, dass höhere Bandbreiten nachgefragt werden, jetzt wo vielerorts die ganze Familie einen Zugang nutzt.

Was ist für Arbeitgeber wichtig, wenn ihre Angestellten im Home-Office arbeiten?

Die Aufrechterhaltung des Betriebs steht für KMU im Vordergrund. Das setzt voraus, dass die Mitarbeitenden vom Home-Office aus genauso gut arbeiten können wie im Büro. Stolpersteine lauern erstaunlicherweise bei ganz alltäglichen Fragestellungen. Etwa wie stellen wir die telefonische Erreichbarkeit sicher? Mit welchen Tools können Mitarbeitende zusammenarbeiten? Welche Sicherheitsmassnahmen können wir beim Fernzugriff oder in der Cloud umsetzen? Und wie unterschreiben wir schnell und rechtsgültig einen Vertrag, denn auch während einer solchen Krise kann man Verträge abschliessen.

Welche Vorteile schätzen die Mitarbeitenden im Home-Office?

Wer die Arbeit im Home-Office schon erlebt hat, schätzt in der Regel vor allem die Flexibilität. Ich kann mir besser einteilen, wann ich meine Arbeiten erledige. Die Teilnahme am Familienleben ist direkter möglich und ich kann durch die Ersparnis des Arbeitsweges auch mehr daran teilnehmen. Wichtig ist aber, dass man sich einen Arbeitsplatz schafft und auch die nötigen Strukturen. So kann ich dann auch effektiv und konzentriert arbeiten.

Diverse Streaminganbieter haben zu Beginn der Corona-Krise ihre Datenübermittlung gedrosselt. Hat die Schweiz ein Kapazitätsproblem?

Nein. Die Befürchtungen, dass es flächendeckend zu Engpässen kommen könnte, haben sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Gewisse empfundene Kapazitätsprobleme rührten eher von sehr klein gewählten Bandbreiten bei den Abos von Privatkunden her. Bei Green haben wir diesen Kunden allesamt ein kostenloses Upgrade gewährt und liefern mehr Bandbreite aus. Das wurde sehr geschätzt.

Gewinnt der (Daten-)Standort Schweiz durch die Corona-Krise an Bedeutung?

Die Schweiz gilt international als verlässlicher Datenstandort, nicht zuletzt wegen ihrer Versorgungssicherheit. Sicherlich trägt das gute Krisenmanagement der Provider während der Corona-Pandemie dazu bei, diesen Ruf zu stützen und weiter auszubauen.

Wo orten Sie bei den Schweizer KMU den grössten Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung und Home-Office?

Nachholbedarf sehe ich vor allem beim Einsatz der Cloud – in allen Architekturvarianten – und der Virtualisierung der Telefonie. Vielen Unternehmen ist bewusst geworden, dass ein Eigenbetrieb herkömmlicher IT-Systeme nicht zielführend ist. Denn sonst muss ich mich vertieft damit befassen, wie ich die Betriebssicherheit jederzeit gewährleiste. Das bindet wertvolle personelle Ressourcen und Kapital. Durch professionelle Datacenter-Betreiber und den Cloud-Einsatz werden diese Fragen für mich gelöst. Nicht bloss bei Anwendungen, auch bei den Kernsystemen und der Telefonie.

«Zurzeit werden höhere Bandbreiten nachgefragt.»

Gibt es auch digitale Lösungen zur Unterstützung jener Handwerker, die nicht einfach ins Home-Office wechseln können?

Ja, sicherlich. Hier geht es dann mehr darum, komfortabler von unterwegs zu arbeiten, indem ich jederzeit Zugriff auf alle Informationen habe. Oder darum, digitale Lösungen für schlankere Prozessabläufe oder ein besseres Kundenerlebnis einzusetzen.

Haben Sie da aktuell Lösungen gesehen, die Sie beeindruckt haben?

Sehr spannend fand ich, wie rasch Gastronomiebetriebe auf Take-away-Angebote umgestellt und diese über ihre Websites angeboten haben. Oder auch Gärtnereien, die digitale Beratungsangebote per Webcam und mit digitalem Designer für die Gartenplanung lanciert haben. Das zeigt einmal mehr, wie viel kreativen Spirit unser Gewerbe hat und wie schnell es diesen zu nutzen weiss.

Wie können Sie digital weniger affinen Personen den Einstieg ins Home-Office erleichtern?

Viele der neuen Anwendungen sind recht intuitiv bedienbar. Teams etwa für die Zusammenarbeit lässt sich einfach nutzen, wenn Mitarbeitende bereits Erfahrungen mit WhatsApp oder Skype haben. Dann kommt es natürlich auch darauf an, dass Anwendungen richtig aufgesetzt werden und dass es Schulungen oder direkt zugänglichen Support gibt. Wenn wir Unternehmen unterstützen, ist das immer eine Frage, die wir aktiv klären und wo wir natürlich helfen können.

Wird sich Home-Office als Arbeitsnorm nach der Corona-­Krise generell durchsetzen, oder erleben wir derzeit bloss eine Phase, die vorübergehen wird?

Wenn ich das Feedback meiner Mitarbeitenden anschaue, so wollen viele künftig den einen oder anderen Tag von zu Hause aus arbeiten. Auch flexiblere Arbeitszeitmodelle dürften sich so durchsetzen. Ganz auf den persönlichen Kontakt im Büro möchte allerdings niemand verzichten, und speziell eine gesunde Firmenkultur ist kaum nur im Home-Office umsetzbar.

Was ändert sich bei Home-Office in der Beziehung zwischen dem Kunden und seinem Lieferanten? Laufen wir hier in Richtung einer 24/7-Arbeitsgesellschaft?

Natürlich birgt das Home-Office etwas die Gefahr vom dauernden ­Office at Home, von der 24/7-Erreichbarkeit. Dafür sollten Unternehmen klare Regeln aufstellen, im Sinne von wann sind Arbeitszeiten, wann Gleitzeiten, was liegt ausserhalb der Erreichbarkeit.

Wichtig scheint mir, dass wir bewusst mit dem Home-Office umgehen. Das heisst, dass wir bewusst im Home-Office arbeiten und dann wieder ins Zuhause zurückkehren. Damit bleibt man Herr über die digitalen Gadgets unserer Zeit.

Interview: Redaktion sgz

ZUR PERSON

Roger Süess (46) führt die Geschäfte des Internet- und Cloud-Providers Green und zeichnet verantwortlich für die fünf Rechenzentren des Unternehmens. Mit über zwanzig Jahren IT-Erfahrung in leitenden Funktionen bei den Grossbanken UBS und Credit Suisse bringt er einen grossen Rucksack an Digitalisierungserfahrung mit.

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