Publiziert am: 15.05.2020

ZUR PERSON

«Die Gesundheit hat Priorität»

ARBEITSMARKT – Nach der zweiten Lockerungswelle vom 11. Mai zeigt sich Boris Zürcher vom SECO vorsichtig optimistisch: «Im Inland sollten sich Konsum- und Investitionsausgaben in der zweiten Jahreshälfte erholen.» Bis zum Vorkrisenniveau sei es aber noch ein weiter Weg.

Schweizerische Gewerbezeitung: Die Auswirkungen des Coronavirus auf den Arbeitsmarkt seien beispiellos, das haben Sie mehrfach betont. Sind die ersten Lockerungen für die Schweizer Wirtschaft mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein?

Boris Zürcher: Die ersten Lockerungen geben der Bevölkerung sowie der Wirtschaft eine Perspektive. Es ist aber wichtig zu betonen, dass sämtliche wirtschaftspolitischen Massnahmen stark von den gesundheitspolitischen Entscheiden abhängen. Die Gesundheit der Bevölkerung hat oberste Priorität.

«Der Arbeitsmarkt braucht zwingend Unternehmen, die zuversichtlich sind und investieren.»

Ich glaube jedoch, dass wir uns mit den ersten Lockerungen auf den Weg hin zu einer allmählichen Normalisierung begeben. Diese neue Normalität wird aber nicht so aussehen wie vor der Krise. Die Produktivität wird wegen der erschwerten Arbeitsabläufe wohl nicht so schnell wieder das Vorkrisenniveau erreichen. Es bleibt wichtig, die Hygienevorschriften und Abstandsregelungen einzuhalten. Ich rechne aber mit einer bald einsetzenden moderaten Erholung.

Die Kurzarbeit dürfte noch schlimmere Auswirkungen vorerst verhindert haben. Aber wie lange kann dieses Instrument im heutigen Rahmen noch eingesetzt werden?

Kurzarbeitsentschädigung kann höchstens während zwölf Monaten innerhalb von zwei Jahren ausgerichtet werden und der Arbeitsausfall darf während längstens vier Bezugsmonaten 85 Prozent der normalen betrieblichen Arbeitszeit überschreiten. Bis zum 31. August 2020 dürfen Unternehmen gemäss Notverordnung jedoch mit einem Arbeitsausfall von über 85 Prozent vier Bezugsmonate überschreiten. Im Moment ging es um eine reine Stabilisierung der Beschäftigung und der Löhne. Es ist aber klar, dass trotz der aktuell erfolgreichen Stabilisierung und intensivem Gebrauch der Kurzarbeitsregel weitere Jobs verloren gehen werden. Und wenn die aktuelle Situation länger andauert, hilft wohl auch die Kurzarbeit nicht weiter.

«2021 dürfte sich die Arbeitslosenquote wieder langsam zurückbilden.»

In welchem Bereich könnte die Arbeitslosenquote zu stehen kommen?

Die Expertengruppe Konjunkturprognosen des Bundes rechnet im weiteren Jahresverlauf mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote auf 3,9 Prozent im Jahresdurchschnitt. Die Arbeitslosenquote käme gegen Ende Jahr somit deutlich über 4 Prozent zu liegen. Das sind mehr als 200 000 Arbeitslose! 2021 dürfte sich die Quote wieder langsam zurückbilden auf einen Jahresdurchschnitt von 4,1 Prozent. Dass nicht noch ein stärkerer Anstieg der Arbeitslosenquote erwartet wird, hängt damit zusammen, dass die Kurzarbeit einen grossen Teil des Produktionseinbruchs abfedert.

Davon abgesehen, dass eine zweite Welle und damit ein erneuter Lockdown natürlich verhindert werden muss: Was braucht der Schweizer Arbeitsmarkt, um wieder in Fahrt zu kommen?

Ein bedeutender Abbau der Kurzarbeit in den nächsten Monaten sollte für viele Unternehmen möglich sein. Der Arbeitsmarkt braucht aber zwingend wieder Unternehmen, die zuversichtlicher in die Zukunft blicken und entsprechend investieren. Für die traditionell offene Schweiz ist auch eine rasche Belebung der internationalen Konjunktur nötig.

«Die Corona-Krise macht uns letztlich alle etwas ärmer.»

Gibt es Branchen, die sich schon relativ rasch wieder erholen ­könnten?

Verschiedene Branchen haben nie aufgehört zu arbeiten, andere konnten ihre wirtschaftlichen Tätigkeiten bereits wieder aufnehmen. Dazu gehören persönliche Dienste wie z. B. Massagesalons, der Detailhandel oder auch die Gastronomie. In den kommenden Monaten sollte die Exportwirtschaft von einer langsamen Normalisierung der Auslandnachfrage profitieren, das liegt aber nicht wirklich in unserer Hand. Auch im Inland sollten sich Konsum- und Investitionsausgaben in der zweiten Jahreshälfte schrittweise weiter erholen. Eher länger dürfte es dauern, bis der internationale Tourismus wieder läuft und auch im Unterhaltungsbereich ist aus heutiger Sicht mit längeren Einschränkungen zu rechnen.

Wie lange werden wir die Auswirkungen der Corona-Krise spüren?

Die Auswirkungen der Pandemie werden uns noch lange beschäftigen. Einerseits ganz praktisch: Bis ein wirksamer Impfstoff verfügbar ist, wird das Virus unter uns sein. Das bedeutet kompliziertere Arbeitsabläufe. Anderseits geht die Basisprognose der Expertengruppe für Konjunkturprognosen von einer Erholung im kommenden Jahr aus. Wie schon gesagt, werden wir jedoch auch Ende 2021 noch nicht das Vorkrisenniveau erreichen. Die Auswirkungen auf den Staatshaushalt sind ebenfalls massiv. Je nach Verlauf der Pandemie gibt es noch pessimistischere Szenarien, welche das SECO ebenfalls publiziert hat. Unabhängig davon macht uns letztlich die Corona-Krise alle etwas ärmer.

Mit der Aufhebung des Lockdowns kommen Zuversicht und Hoffnung zurück. Was stimmt Sie in Bezug auf die Zukunft des Schweizer Arbeitsmarkts zuversichtlich?

Es dürfte sich bezahlt machen, dass der Bundesrat den Unternehmen und Erwerbstätigen in der virulenten Phase der Krise mit einem historisch einmaligen Massnahmenpaket zur Hilfe geeilt ist. Neben den Massnahmen im Bereich Arbeitslosenversicherung/Kurzarbeitsentschädigung ist hier an die Covid-19-Überbrückungskredite oder den Corona-Erwerbsersatz zu denken.

Zuversichtlich stimmen mich die guten und bewährten Instrumente der ALV sowie die Flexibilität unseres Arbeitsmarktes. Die Kurzarbeit stellt sicher, dass viele Stellen erhalten bleiben können. Jene Personen, welche arbeitslos werden, können dank der Arbeitslosenentschädigung Einnahmeausfälle überbrücken. Der flexible Arbeitsmarkt in der Schweiz hat schon in vergangenen Krisen dazu beigetragen, dass Unternehmen bei einem Aufschwung rasch reagieren und wieder Leute anstellen.

Interview:

Adrian Uhlmann

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