Publiziert am: Freitag, 24. Juni 2016

Die KMU-Wirtschaft ist längst grüner

Tribüne

Für die einen ist der Atomausstieg längst überfällig, für andere ist er utopisch. Unabhängig davon, welcher Fraktion man angehört: Die Energiewende und das Umsteigen auf erneuerbare Energien sind vor allem auch eine Chance für KMU. Und wissen Sie was? Zu dieser Einsicht gelangen die allermeisten KMU ganz von alleine.

I ch betone das aus folgendem Grund: Es scheint mir manchmal so, als hätten Bund und Kantone die fixe Überzeugung, dass sie die Wirtschaft auf den «richtigen» Weg zwingen müssten. Oder bildlich gesprochen: Dass sie den rückständigen KMU mit zahlreichen Wegweisern den Pfad zur Energiesparlampe zeigen müssten. Wobei «Wegweiser» für neue Reglemente, Vorschriften und Zwangsabgaben steht und «Energiesparlampe» für Ressourceneffizienz und erneuerbare Energien.

Das ist allerdings so, wie wenn man Wasser in den Rhein tragen würde. Denn viele Unternehmerinnen und Unternehmer engagieren sich schon heute stark in den Bereichen Ressourceneffizienz und Förderung von erneuerbaren Energien. Und zwar weit über die bestehenden gesetzlichen Vorschriften hinaus. Ja, man kann sagen: Die KMU-Wirtschaft ist längst grüner als die Politik. Und dies aus unternehmerischer Überzeugung. Denn Energieeffizienz und Ressourceneinsparungen sind nicht nur gut für die Umwelt, sondern auch gut fürs Portemonnaie. Energiesparen spart Geld, und für die meisten KMU gehört es selbstverständlich zum Service, der Kundschaft die ressourcenschonendste Variante anzubieten. Um diese Entwicklung weiterzuführen, braucht es nicht noch mehr Vorschriften, sondern mehr Handlungsspielraum für Unternehmerinnen und Unternehmer.

Leider macht der Bund das Gegenteil. Statt auf die Eigenverantwortung der Unternehmerinnen und Unternehmer zu vertrauen, hagelt es neue Reglemente und Richtlinien. Der bürokratische Aufwand und die Steuerbelastung für KMU nehmen stetig zu. Während der Bund mit Gesetzen mehr Ressourceneffizienz herbeiregulieren will, handeln die KMU. Zum Beispiel indem sie von sich aus ihren Fahrzeugpark auf effiziente und umweltschonende Antriebsarten umstellen, indem sie intelligente und energiesparende Logistikkonzepte umsetzen oder ihre Firmeninfrastruktur auf den neuesten Stand der Technik bringen. Auch ist es noch längst nicht überall so, dass solche freiwilligen Massnahmen vom Gesetzgeber honoriert werden, ganz im Gegenteil führen diese Investitionen oft zu einer höheren Besteuerung – aber das wäre ein Thema für sich.

E in anderes Beispiel: Früher wurde von Liegenschaftsbesitzern bei Sanierungen oder Neubauten oft nicht jene Variante gewählt, die am wenigsten Energie verbraucht und am umweltfreundlichsten ist. Der Grund war naheliegend: die Kosten. Denn oft war beispielsweise die wirksamste Fassadenisola­tion einfach zu teuer. Das ist heute nicht mehr so. Sei es bei Fenstern, Heizung, Warmwasseraufbereitung oder Dämmung – die aus der Perspektive der Ressourceneffizienz beste Variante erhält meist den Vorzug. Der Grund ist naheliegend: die Kosten. Denn die Hersteller von Fenstern, Solarpanels, intelligenten Gebäudesteuerungen und so weiter konnten die Produktionskosten massiv senken – ebenso gelang den Verarbeitern eine signifikante Effizienzsteigerung. Die Preisdifferenz zu den energieeffizientesten Varianten ist meistens so gering, dass der Blick getrost auf die langfristige Perspektive gelegt werden kann. Und dort zeigt sich, dass die einmaligen Mehrkosten durch die Energieersparnis schnell amortisiert sind.

Dieser Fortschritt ist der Innovationskraft und der Effizienzsteigerung der Wirtschaft – insbesondere der KMU – zu verdanken. Trotzdem wird aber immer wieder versucht, mit neuen Regeln, mit Geboten und Verboten in den Markt einzugreifen. Beispielsweise mit der Energiestrategie 2050. Zwar begrüsse ich grundsätzlich die Ausarbeitung einer nationalen Energiestrategie, die auf eine Erhöhung der Energieeffizienz und auf eine breitere Diversifikation der Energieproduktion setzt – allerdings mit Vorbehalten. Denn es gibt auch Risiken. Zahlreiche Massnahmen setzen zu fest auf starre Verbote, statt auf marktwirtschaftliche Anreize und freiwillige Lösungen. Die Überregulierung und die zentralistisch-planwirtschaftlichen Tendenzen sind auch nach den Beratungen in National- und Ständerat nicht massgeblich verbessert worden.

Und natürlich – ich habe das Wort schon mehrmals erwähnt: die Kosten. Diese werden mit der Energiestrategie in der vorliegenden Form aus dem Ruder laufen. Und auch das schadet dem Wirtschaftsstandort. Ich bin gespannt, ob die Räte in der Schlussberatung im Herbst noch in der Lage sind, der Energiestrategie 2050 mehr finanzpolitischen Realitätssinn und weniger Regulierungsmacht zu verleihen.

* Marcel Schweizer, Präsident des Gewerbeverbandes Basel-Stadt und Inhaber eines Gartenbau-Unternehmens

 

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