Publiziert am: Freitag, 6. April 2018

Die Realität erstmals testen

DIE NACHT DER LEHRE – Das Speed-Dating-Format, um eine Lehrstelle zu finden, funktioniert. ­
Die Bilanz nach Ausgabe vier im Kanton Waadt: Die Besucherzahlen steigen weiter an.

Eine Wolke von kleinen Tischen steht in einer grossen Halle. Auf der einen Seite ein zukünftiger Auszubildender auf der Suche nach der bestmöglichen Stelle – auf der anderen Seite ein KMU-Chef oder Personalverantwortlicher, der sich darauf freut, einen guten, motivierten Lernenden zu finden. Beide haben noch 15 Minuten Zeit.

Neue Erfolgsformel

Die Nacht der Lehre gibt es auch in den Kantonen Neuenburg und Genf. Aber im Kanton Waadt blüht sie jetzt so richtig auf. Die Formel wurde nach drei Jahren erneuert – mit Erfolg.

«Im Februar begrüsste das Departement für Bildung, Jugend und Kultur (DFJC), dem die Industrie- und Handelskammer Waadt CVCI, der Waadtländer Unternehmerverband FVE und die Fédération patronale vaudoise FPV angeschlossen sind, deutlich mehr junge Menschen», freut sich Eugénie Sayad, Leiterin des kantonalen Büros für Bildungs- und Berufsberatung (OCOSP). In diesem Jahr haben sich 1700 junge Menschen angemeldet (2015: 1000) und die Zahl der teilnehmenden Unternehmen ist stabil.

Die Interviews finden von 17 Uhr ­
bis 20.30 Uhr an vier Berufsschulen in Lausanne, Morges, Vevey und ­Yverdon-les-Bains statt. Jugendliche melden sich im Internet an und interessierte Eltern sind eingeladen, den Prozess vor Ort zu verfolgen.

Nervosität, Ängste und Chancen

«Als der Tag kam – es war der 13. Februar – war die Spannung spürbar. Für diese jungen Leute steht viel auf dem Spiel, auch das Format Speed-Dating sorgt für einen gewissen Stress», sagt Anne-Claude Kuenzi,Leiterin der Infodoc Unit am OCOSP und Mitveranstalterin der ersten Stunde, also seit 2015. «Sie kommen mit einem Bewerbungsschreiben und einem Lebenslauf zu den Interviews», fährt sie fort. Einige haben sogar die Gelegenheit genutzt, sich durch ein fiktives Interview im Rahmen der Schulorientierung vorzubereiten.

«All diese Erfahrungen machen es möglich, Ängste zu überwinden, sich selbst schätzen zu lernen. Sich bewusst zu werden, was man persönlich tun kann, um sich zu verbessern und mit konkreten Fragen zu einem Bewerbungsgespräch zu kommen», sagt Sayad.

Was hat sich seit der ersten Ausgabe geändert? «Die Jugendlichen sind viel besser vorbereitet. Sie wissen jetzt, was sie erwartet», sagt Anne-Claude Kuenzi. «Fast 80 Prozent der Unternehmen stellten das auch fest, wie die von uns durchgeführte Zufriedenheitsumfrage zeigt.»

Neu erfolgen die Anmeldungen nach Berufsgruppen. Einige Berufe sind nicht vertreten, weil sie ohnehin schon viele Auszubildende finden. Andere Berufsfelder fallen durch ­Abwesenheit auf, zum Beispiel im Bereich Catering. Vielleicht, weil es da schwieriger ist, während der Arbeitszeit frei zu sein.

Viel Vorarbeit nötig

Um grosse und kleine Unternehmen zu motivieren, sich für die Veranstaltung anzumelden (siehe Link) – bis zur letzten Minute auch per Hotline möglich –, ist es notwendig, eine gute Beteiligung ankündigen zu können. Ist dies der Fall, kann ein Unternehmen an einem Abend gut und gerne zwanzig Interessierte treffen. «Um Termine zu garantieren, ist die Arbeit, die wir im Vorfeld leisten, um das richtige Matching zu erreichen, enorm», sagt Eugénie Sayad. «Wir versuchen möglichst, den Unternehmen Menschen mit dem geeignetsten Profil anzubieten.»

Lärm beruhigt sie

«Der zukünftige Arbeitgeber gewinnt. Er kann die Gesichter seiner neuen Mitarbeiter sehen. Die Chefs, die hierherkommen, sind offen und bereit, junge Leute zu treffen, die vielleicht ein anderes Profil haben als erwartet», sagt Anne-Claude Kuenzi. «Im Gegensatz zu dem, was manchmal gesagt wird, leiden junge Menschen nicht unter einem Mangel an Motivation.» Manchmal müssten sie ein wenig an der Hand gehalten werden, um sie zu führen. Sie kommen in kleinen Gruppen, Trubel und Lärm stören sie nicht – im Gegenteil, es beruhigt sie.

Für sie ist es ein Test der Realität und für einige die Möglichkeit, ihre Motivation zum ersten Mal zum Ausdruck zu bringen. «Auf jeden Fall eine Chance, die es ihnen erlaubt, zu handeln anstatt zu zögern», fügt Kuenzi an. «Und manchmal», das betonen sowohl Kuenzi als auch Sayad, «ist es die Gelegenheit zu sehr schönen Begegnungen, die uns mit Stolz erfüllen für das, was wir tun.»

François Othenin-Girard