Publiziert am: Freitag, 21. Oktober 2016

«Die Schweiz ist exzellent positioniert»

DIGITALISIERUNG – Der Arbeitsmarkt wird sich mit der Industrie 4.0 nachhaltig verändern. Dabei wird sich das Angebot der 
Arbeitsplätze in den Sektoren verschieben, nicht aber zurückgehen. Und: Wichtiger denn je wird die Bildung sein.

Die vierte industrielle Revolution ist in der Schweiz auf gutem Wege, darin sind sich die Fachkräfte einig. Es bestehe kein Grund zur Panik betreffend Arbeitsplatzverlusten. Der Erfolg des Standortes Schweiz hänge massgeblich von der Qualität der (Aus-)Bildung ab – eine Stärke unseres Landes.

«Wir dürfen den 
Fokus auf den 
Menschen nicht 
verlieren.»

Nachholbedarf gibt es noch überall. Bis die Unternehmen komplett «IT-affin» sind, wird es noch eine Weile dauern. Oder um es in den Worten von E-Commerce-Experte Thomas Lang auszudrücken: «Das Problem einiger Firmen ist, dass sie heute die Probleme von morgen mit den Methoden von gestern zu lösen versuchen.»

Die Digitalisierung weckt viele Hoffnungen. «Unsere allergrösste Chance: Der Megatrend der Digitalisierung könnte die Lösung für das Megaproblem der demografischen Entwicklung sein», sagt etwa Myra Fischer-Rosinger, Direktorin des Arbeitgeberverbands swissstaffing. Mit dieser Hoffnung ist sie nicht allein. Auch gemäss Ursina Jud, Ressortleiterin Arbeitsmarktanalyse beim Staats-
sekretariat für Wirtschaft (Seco), sei die Digitalisierung «kein isolierter Prozess. Sie steht in enger Verbindung mit anderen Trends wie der 
Globalisierung oder dem demographischen Wandel.»

Im Zusammenhang mit der Arbeitsplatzthematik formuliert es der Fachspezialist für Arbeitsmarktökonomie vom Schweizerischen Arbeitgeberverband, Simon Wey, folgendermas-sen: «Analog zur sinkenden Arbeitsnachfrage, wird mittel- bis längerfristig auch das Arbeitsangebot als Folge der demografischen Entwicklung zurückgehen. Dadurch könnte im Falle von wegrationalisierten Stellen das Problem abgeschwächt oder behoben werden.» Bereits jetzt sei auf dem Arbeitsmarkt ein deutlicher Trend zu erkennen, wonach sich Arbeitsplätze vom zweiten in den dritten Sektor verschieben würden.

Die Schweiz ist gerüstet

Es sei davon auszugehen, dass ein Grossteil des im 2. Sektor abgebauten Personals so weit umgeschult und weitergebildet wurde, dass dieses im 3. Sektor den Wiedereinstieg schaffen kann, meint Simon Wey. Die Anforderungen würden in Zukunft aber steigen. «Die Schweiz ist dafür mit ihrem einzigartigen Bildungssystem und den exzellenten und agilen Hochschulen sehr gut positioniert.» Ursina Jud vom Seco doppelt nach: «Eine qualitativ hochstehende und arbeitsmarktnahe Bildung spielt eine entscheidende Rolle bei der erfolgreichen Bewältigung des Strukturwandels. In dieser Hinsicht ist die Schweiz sehr gut aufgestellt.»

«Die Digitalisierung könnte die Lösung für das Megaproblem der demografischen Entwicklung sein.»

Vor den höheren Anforderungen solle man sich aber nicht einschüchtern lassen. «Oft werden die negativen Auswirkungen der Digitalisierung über- und die positiven Auswirkungen unterschätzt», beruhigt Simon Wey, «zumal die Schweiz mit ihrem flexiblen Arbeitsmarkt exzellent positioniert ist.»

Um diese Positionierung nicht zu 
gefährden, sollte das regulatorische Mass tief gehalten werden. Die digitale Welt dürfte sowieso schwierig zu regulieren und kontrollieren sein, dennoch betont Myra Fischer-Rosinger: «Wir sollten den neuen Geschäfts- und Arbeitsformen offen gegenüberstehen und sie nicht durch Gesetze und Verordnungen ersticken, bevor sie sich richtig entwickeln konnten.»

Revolutionen gehören dazu

Wenn man die Digitalisierung unter dem Blickwinkel der vierten indus-triellen Revolution betrachtet, lohnt sich auch ein Blick in die Geschichtsbücher. «In der Vergangenheit gab es im Zuge des technischen Fortschrittes wiederholt Umbrüche, durch die verschiedene Tätigkeiten und Berufe wegfielen», so Ursina Jud vom Seco. Ihr Fazit: «Unter dem Strich waren die Beschäftigungsfolgen jedoch immer positiv.»

Flexibilität heisst der Trumpf der Zukunft, das kommt der Temporärbranche entgegen. «Die Temporärarbeit als Beschäftigungsform entspricht dem Bedürfnis von Arbeitnehmern und Unternehmen nach mehr Flexibilität», erklärt Fischer-Rosinger. Diese Flexibilität gehe nicht auf Kosten der sozialen Sicherheit – ein wichtiges Anliegen der Arbeitnehmer. Damit wären wir beim Menschen, der trotz digitaler Zukunft und IT-Gadgets en masse nicht in den Hintergrund rückt. Ganz im Gegenteil so-gar (siehe Nebenartikel). «Bei allen positiven Aspekten der Digitalisierung dürfen wir den Fokus auf den 
Menschen nicht verlieren», betont Fischer-Rosinger. Sie bleibt optimistisch: «Als Gesellschaft werden wir die Digitalisierung so gut meistern wie es uns gelingt, ein gesundes Gleichgewicht aus wirtschaftlichem Fortschritt, regulatorischem Mass und gesellschaftlicher Verantwortung herzustellen.»Adrian Uhlmann