Publiziert am: Freitag, 10. Juli 2015

Die Verstädterung nimmt weiter zu

CHINA IM WANDEL – Trotz herausragender Erfolge in der Vergangenheit erlahmt der Strukturwandel in China rapide, seit die Volkswirtschaft den Status eines Landes mit mittlerem Einkommen erreicht hat. Nun gibt die Regierung Gegensteuer.

China wandelt sich. Das Land ist längst nicht mehr nur die Werkbank der Welt und möchte das auch nicht sein. Stattdessen soll eine urbane Mittelschicht die Wirtschaft tragen. Das hat Konsequenzen, insbesondere für Firmen, die den Markt jetzt erst entdecken. Und auf dem Weg liegen diverse Stolpersteine.

Regierung forciert Strukturwandel

Die Ausgangslage: Trotz herausragender Erfolge in der Vergangenheit erlahmt der Strukturwandel in China rapide, seit die Volkswirtschaft den Status eines Landes mit mittlerem Einkommen erreicht hat und das Land den langen und steinigen Weg verfolgt, zu einer Volkswirtschaft mit einem höheren Einkommen zu werden. Der Überschuss an billigen Arbeitskräften geht zurück, die schnell umsetzbaren Aufholprozesse in der Technologie und in Bezug auf andere Kapazitäten sind bereits abgeschlossen und zusätzliche Investitionen nicht mehr so lohnend wie zuvor.

«CHINAS UMBAU BIETET CHANCEN FÜR SCHWEIZER QUALITÄT.»

Was nun folgt, ist der Strukturwandel. China wird städtisch-geprägt. Und die Mittelschicht wird viel grös­ser. Die Zentralregierung hat klar erkannt, dass umfangreiche Strukturreformen dringend erforderlich sind. Diese gestaltet sich entlang folgender drei Eckwerte:

Erstens: Ein weiteres durch Investitionen getriebenes Wachstum würde die Probleme des Landes im Hinblick auf Finanzen, Umwelt, Rohstoffe und andere Gebiete weiter verschärfen. Die Herausforderung liegt darin, die negativen Auswirkungen des Wachstumsrückgangs (wie Überkapazitäten und Arbeitslosigkeit) auszugleichen und gleichzeitig die Erwartungen an das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts herunterzuschrauben.

Zweitens: Die chinesische Regierung will sich davon lösen, den Markt direkt zu steuern. Um das zu erreichen, werden unter anderem die Anreizprogramme und Haushaltsvorgaben für die lokalen Regierungen verändert, die Führungsstrukturen in staatlichen Unternehmen verbessert und der Wettbewerb dosiert gesteigert werden. Darüber hinaus werden das Bankwesen liberalisiert, die Zinssätze freigegeben und die derzeitigen Beteiligungsstrukturen im Finanzsystem aufgebrochen.

Drittens: Ohne Frage hat sich der Konsum gesteigert. Es kommen aber noch mehr Veränderungen in der Einkommensgestaltung hinzu. Dazu gehört die Verbesserung von Sozialleistungen wie Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung oder die Reform des staatlichen Meldewesens und des Bodenrechts. Darüber hinaus ist der Dienstleistungssektor weiterzuentwickeln, was zu neuen Arbeitsplätzen und zu höheren verfügbaren Einkommen führen wird.

In der Konsequenz ist es unvermeidbar, dass Chinas Wachstum infolge solcher Massnahmen von durchschnittlich 10,5 Prozent in der Vergangenheit (zwischen 1978 und 2008) auf rund fünf Prozent bis zum Jahr 2020 zurückgehen wird.

Auch Unternehmen 
müssen sich anpassen

Firmen, die im urbanen China der Mittelschicht tätig sind oder sein wollen, sind gut beraten, Produkte speziell für die Mittelschicht zu positionieren. Unternehmen sollten ihre bestehenden Geschäftsmodelle so anpassen, dass sie auf die Mittelschicht ausgelegt sind. Konzentrieren sollten sie sich auf Verkaufspreise und kurzfristige Betriebskosten statt auf Produktivität und Kosten während des gesamten Lebenszyklus der Ware.

Es gibt einen Unterschied zwischen Billigversionen bestehender Produkte, die ursprünglich für Kunden in Industrienationen entwickelt wurden, und solchen Produkten, die speziell den oft ganz besonderen Anforderungen chinesischer Kunden angepasst wurden. Billigprodukte können nicht immer überzeugen. Es müssen einfachere Standardbauteile eingeführt und günstigere Materialien verwendet werden. Die Produkte müssen schliesslich im Interesse einer einfacheren Produktion und einer höheren Funktionalität umgestaltet werden. Genau hier tun sich massive Chancen für Schweizer Qualität auf.

Henrique Schneider,

Ressortleiter sgv

das sind CHINAS SCHLÜSSELINDUSTRIEN

Mit Blick auf von der Regierung angekündigte Optimierungen (vorab Liberalisierungen/Deregulierungen) und Investitionen (zunehmend auch aus der Privatwirtschaft) zählen in China folgende Bereiche zu den zukunftsträchtigen Wirtschaftszweigen:

Privatbanken: Stark steigende Nachfrage im Zug des Wirtschaftswachstums; weitere Liberalisierungsschritte im Finanzwesen zeichnen sich ab.

Eisenbahn: 128 Milliarden US-Dollar flies­sen in den nächsten Jahren in den Ausbau der Schiene; allein in diesem Jahr soll das Eisenbahnnetz um 8000 Streckenkilometer erweitert werden.

Wasser: Im laufenden Jahr ist der Bau von 84 grösseren Wasserreservoirs geplant; 131 Milliarden Dollar stehen dafür zur Verfügung. Die Investitionen in den Ausbau der Wasservorräte werden in den nächsten Jahren noch zunehmen.

Tourismus: Der Tourismus soll in den nächsten Jahren gezielt gefördert werden. Unter anderem über steuerliche Vergünstigungen und weitere Liberalisierungen beim Erwerb von Grundstücken.

Alterspflege und Gesundheit: Auch in China wird die Bevölkerung immer älter. Die Infrastruktur für eine adäquate Alterspflege (Seniorenresidenzen, Pflegeheime, medizinische Betreuung) muss allerdings erst noch aufgebaut werden. Auch in anderen Altersgruppen wird vermehrt in Gesundheit investiert.

Logistik: E-Commerce gewinnt zusehends an Bedeutung. Für Internet-basierte Zustelldienste zeichnet sich ein Boom ab.

IT: «Internet plus» ist auch in China angekommen. Kombinierte IT-Dienstleistungen von Mobile Internet über Cloud Computing bis zum Internet der Dinge erfreuen sich stark wachsender Nachfrage.

Produktion von «High-end equipment»: Die Fertigung von hochwertigen Produkten vor Ort wird intensiv gefördert. Unter anderem in den Bereichen: Informationsnetzwerke, integrierte Schaltung, alternative Energien, neue Materialien, Biomedizin, Ausrüstungen für die Luftfahrt und Gasturbinen.

Umweltschutz und Energieeffizienz: Diese beiden Industrien sollen in China zu tragenden Pfeilern der Wirtschaft ausgebaut werden. Viel Potenzial liegt noch brach. Auch bei den Fahrzeugen mit alternativen Antriebstechniken.