Publiziert am: 22.08.2014

Diese Vorschläge sind völlig abstrus

HYPOTHEKARMARKT – Die vermeintliche Gefahr einer Immobilienblase, wie sie die Ritter der Sicherheit heraufbeschwören, ­entspricht nicht der Realität.

1.

Immer wieder wird sie in den vergangenen Monaten heraufbeschworen: Die vermeintliche Gefahr einer Immobilienblase. Zurückgeführt wird sie auf die – nicht weniger vermeintlich – tiefen Zinsen. Und alsbald traben die Ritter der Sicherheit (Finma und SNB) an und schlagen allerlei Mittel vor, um die Hypotheken zu verteuern. So sollen zum Beispiel Hypothekarschuldner während Tiefzins­phasen nicht nur den normalen Zins auf ihre Hypothek bezahlen, sondern zusätzlich satte fünf Prozent!

«MÄRKTE SIND FREI – STAATSEINGRIFFE haben NIE FUNKTIONIERt.»

Aus der Sicht des Schweizerischen Gewerbeverband sgv sind diese Vorschläge abstrus. Sie sind deshalb falsch, weil sie nicht alle Dimensionen der Realität berücksichtigen.

Sieben Thesen

Folgende sieben Thesen sollen diese Fehleinschätzung korrigieren:

Entscheidend ist die Qualität der einzelnen Hypotheken, nicht ihr Preis oder die Gesamtmenge der vergebenen Kredite. Die Diskussion der letzten Monate dreht sich ausschliesslich um die Gesamtsumme, also den Totalbestand der vergebenen Hypotheken. Wenn der Zins thematisiert wird, dann nur, weil dieser angeblich «zu tief» sei. Gerade bei Immobilien-gesicherten Krediten sind aber andere Zahlen viel wichtiger: Die Vermögensakkumulation der Schuldner, ihr Einkommen, ihre Ersparnisse, die Qualität der Immobiliensub­stanz, die Preisentwicklungen im Immobilienmarkt und die Pünktlichkeit der Zinszahlungen, um nur einige zu nennen. Hinsichtlich dieser Kriterien stehen der Schweizer Markt und die Hypothekennehmer in der Schweiz sehr gut da.

Durch die Selbstregulierung der Banken ist die ohnehin hohe Qualität der Hypotheken weiter markant angestiegen. Zu einem frühen Zeitpunkt haben die Banken bereits die Qualitätsbasis der Hypotheken erhöht. Sie haben beispielsweise durchgesetzt, dass nicht mehr lediglich Pensionskassengelder als Einlage der Hypothekenbezüger gelten dürfen. Auch wurden die Anforderungen betreffend Sparquote und Pünktlichkeit erhöht.

Hypothekarkredite sind Produkte in einem Markt, und der Markt reagiert dynamisch auf seine Akteure. So erreichte beispielsweise im Kanton Zürich die Bautätigkeit für neue Wohnungen im Jahr 2012 ihren Höhepunkt, der Trend ist seither rückläufig. Auch die Baubewilligungen für neue Wohnungen lagen im letzten Jahr mit 8300 Einheiten leicht tiefer als im Vorjahr und deutlich unter dem Wert von 2011 (9500 Einheiten). Als Folge dieser Marktentwicklung und der noch höheren Qualitätsanforderungen war bei der Marktleaderin, der Zürcher Kantonalbank, ein deutlicher Rückgang des Wachstums vergebener Hypotheken in den letzten vier Quartalen zu verzeichnen. Im März 2014 war sogar eine Abnahme des Bestandes zu verzeichnen.

Günstige Hypotheken haben positive Auswirkungen auf Mieterinnen und Mieter und auf Eigentümerinnen und Eigentümer und erhöhen die Ersparnisse. Die Schweiz ist allgemein als Hochpreisinsel bekannt. Einer der wenigen Effekte, welche den Preisdruck in einem dicht besiedelten Land dämmen, sind günstige Hypothekarzinsen. Sollten diese nun in die Höhe schnellen, wie einige Vorschläge es wollen, schlägt sich das sofort in höheren Mietzinsen und höheren Kosten nieder. Schlimmer noch: Durch den Preisschub verringern sich die Ersparnisse, d. h. die vorgeschlagene Massnahme bewirkt das genaue Gegenteil von dem, was sie erreichen soll.

Hypotheken sind das wichtigste Mittel für die Finanzierung von KMU. Die Diskus­sion um Hypotheken wird ausschliesslich im Lichte der Wohnimmobilien geführt; das lässt einen wichtigen Aspekt ausser Acht. KMU brauchen Kredite, um Forschung, Innovation, Auslandtätigkeit und Expansionen zu finanzieren. Sie sind auf qualitativ gute, aber administrativ einfache und günstige Kredite angewiesen. Die Hypotheken sind in diesem Zusammenhang das ideale Vehikel. So machen sie heute auch mehr als 70 Prozent der Kredite an KMU aus. Ihre Verteuerung und Verknappung würde die Wettbewerbsfähigkeit der KMU mit einem Schlag erheblich beeinträchtigen.

Staatlich diktierte Preise funktionieren nicht. Märkte sind frei und dynamisch. Wenn der Staat in einen Markt eingreift und versucht, seine Ergebnisse festzulegen, setzt er den Markt ausser Kraft. Das hat zur Folge, dass es zu riesigen Verzerrungen oder zu nicht beabsichtigten Folgen kommt. Es können sich auch parallele oder gar klandestine Märkte als Antwort auf den Staatseingriff etablieren.

Eine Geldpolitik kann nicht gleichzeitig locker und streng sein. Die Versorgung der Schweiz mit Krediten ist eine der Konsequenzen einer lockeren Geldpolitik, welche bisher politisch wiederholt goutiert wurde. Sollte nun der politische Wille in Richtung einer strengeren Geldpolitik gehen, dann ist es folgerichtig, wenn sich diese Strenge auf alle Bereich der Geldpolitik überträgt und nicht nur auf ­einen spezifischen Markt eingeschränkt wird.

Aus all den genannten Gründen ist auf einen Eingriff in den Hypothe­karmarkt zu verzichten. Die Ritter der Sicherheit dürfen weiter reiten – am besten gleich nach Hause.

Henrique Schneider,

Ressortleiter sgv