Publiziert am: Freitag, 24. Februar 2017

Diesseits von Gut und Böse

EMPÖRUNGSBEWIRTSCHAFTUNG – Ein Beispiel aus der Schweizer Holzbranche belegt, nach welchen Mechanismen moralisch 
aufgeladene Medienarbeit funktioniert.

Es ist geradezu ein Musterbeispiel dafür, wie linker Empörungsjour­nalismus heute funktioniert: Der ­Zürcher «Tages-Anzeiger» nimmt mit Sylvia Flückiger eine Bürgerliche ins Visier. Das üble Vergehen: Die «Chef-Lobbyistin für Schweizer Holz» hat sich «pikanterweise» erfrecht, importiertes Holz zu verwenden. Nicht nur im eigenen Geschäft, nein: «Auch privat», sogar am eigenen Haus! Der kurze Prozess: Die Angeklagte wird als Umweltsünderin gebrandmarkt. Das vernichtende Urteil: Die Aargauer SVP-Nationalrätin und Präsidentin von Lignum, dem Verband der Schweizer Holzwirtschaft, wird in die Nähe jener gerückt, die mittels Brandrodung und Wilderei den Regenwald zerstören.

Hier gut, da böse

So weit, so ungut. In bekannter «Tagi»-Manier wird einmal mehr die Welt aufgeteilt. Hier die Guten – Umweltorganisationen wie der Bruno-Manser-Fonds, die sich gegen die «Urwaldzerstörung» einsetzen und deshalb wissen, was in der Schweizer Holzwirtschaft richtig und was falsch läuft. Und da die Böse, die – wider besseres Wissen – eigennützig handelt und Wein trinkt, während sie Wasser predigt. Die Holz aus Skandinavien und Russland importiert und sich zudem erdreistet, Restposten aus dem eigenen Betrieb zur Verkleidung ihrer Hausfassade zu verwenden. Und zwar nicht irgendein Holz, nein: Holz aus «tropischen Regenwäldern», die «nach wie vor stark bedroht» sind! Die geneigte Leserschaft ist betrübt – und weiss sich bestätigt: «Die da oben» können tun und lassen, wie ihnen beliebt. Hauptsache, das Geschäft floriert. Und damit ist das Ziel auch schon erreicht. Die Schuldige – sie bleibt «den finalen Beweis schuldig», dass ihr Tropenholz sauber ist – kann sich drehen und wenden, wie sie will. Etwas bleibt immer hängen...

Verboten oder erlaubt?

Die Geschichte wirft Fragen auf. Ist der Import von Tropenholz in die Schweiz gesetzlich verboten? Nein, das ist nicht der Fall. Gibt es ein moralisches Gebot, ein in der Schweiz erlaubtes Produkt nicht zu verwenden? Nein, ein solches existiert nicht. Macht es Sinn, unverkäufliche Restposten von Tropenholz zu zerhacken und zu verbrennen, statt sie am eigenen Haus zu verwenden? Wohl kaum, weder ökonomisch noch ökologisch. Ist der Import von ausländischem Holz generell verboten? Nein, das ist er nicht. Muss ein Schweizer Unternehmen sich nach seiner Kundschaft richten oder soll die kaufen, was ihr vom Lieferanten vorgesetzt wird? Bisher ist der Kunde noch immer König. Ist jemandem, der sich für die Belange der Schweizer Wirtschaft einsetzt, jegliches Auslandengagement untersagt? Bisher nicht – ein solches Verständnis von Ökonomie wäre auch etwas eindimensional. Ist eine Unternehmerin, der implizit ein Umweltfrevel unterstellt wird, verpflichtet, ihre Lieferantenbeziehungen offenzulegen und sich damit Nachteile gegenüber der Konkurrenz einzuhandeln? Nein, das ist sie nicht.

Verwalten statt bewirtschaften

Tatsache ist: Die Lignum-Präsidentin liess ihr Haus im aargauischen Schöftland zum grössten Teil aus Schweizer Holz bauen – Arve, Fichte, Eiche, zum Teil aus der allernächsten Umgebung. «Es wird sich wohl kaum ein Haus finden lassen, in dem so viel Holz verbaut wurde wie in unserem», sagt Flückiger und ergänzt: «Das Schwierigste bei einem Auftrag, bei dem Schweizer Holz verwendet werden soll, ist die Materialbeschaffung – aber das können sich Laien nicht vorstellen.»

«GIBT ES EIN MORALISCHES GEBOT, EIN ERLAUBTES PRODUKT NICHT ZU VERWENDEN?»

Ihr Engagement zugunsten von Wald und Schweizer Holz geht aufs Jahr 2000 und damit den Beginn ihrer Politkarriere zurück. «Nach dem Sturm Lothar wurde begonnen, den Wald zu verwalten, statt zu bewirtschaften», kritisiert die Unternehmerin. «Für das jahrzehntelange Liegenlassen von Holz – sogenannte ‹Altholz­inseln› – wird den Gemeinden seither viel Geld bezahlt. Doch daraus entstehen auch Brutstätten für Borkenkäfer, die wiederum gesunde Fichten befallen.» Das Resultat: «Alles wurde gefördert, nur nicht der ‹Brotbaum› der Holzindustrie, die Fichte oder Rottanne. Die Forstbetriebe kommen nicht mehr aus den roten Zahlen, gleichzeitig werden Millionen in Biodiversität gepumpt...»

Echte Probleme? Who cares?

Doch solche Zusammenhänge interessieren die medialen Empörungsbewirtschafter wenig. Denn schliesslich ist «Biodiversität» ja gut und «Alt­holzinseln» wertvoll – wen interessieren schon die paar «Hölzigen» und ihre läppischen Probleme? Die sind weit weg, irgendwo im Schweizer Wald. Und bestenfalls gut genug, ihnen die Moralkeule über die Rübe zu ziehen. Ansonsten gilt: Who cares? – 
gerade im schicken «Züri». Da liegen uns Afrika und der Regenwald doch so viel näher.Gerhard Enggist