Publiziert am: 19.09.2014

Eigene Stärken ausloben

NAHRUNGSMITTEL – Die Wahlen 2015 lassen grüssen: Gleich zwei Vorstösse aus dem Nationalrat fordern, Importe zu erschweren, die nicht exakt den Schweizer Vorschriften entsprechen.

Importe sind schlecht – einheimische Produkte sind gut: Wenn man gewisse Volksinitiativen oder parlamentarische Vorstösse genauer analysiert, könnte man meinen, dass die Welt effektiv so simpel funktioniert. Doch eben: Im nächsten Jahr finden Wahlen statt, und Heimatschutz-Themen eignen sich vorzüglich, um Emotionen zu wecken und auf Stimmenfang zu gehen. Kein Wunder, dass zum Beispiel die Motion von Nationalrat Albert Rösti (SVP/BE) «gleich lange Spiesse für die inländische Nahrungsmittelproduktion und Nahrungsmittelimporte» über alle Parteien hinweg breite Unterstützung gefunden hat. Eine ähnliche Parlamentarische Initiative von Nationalrat Pierre Rusconi (SVP/TI) ist in der vorberatenden Kommission sogar mit 17 zu 6 Stimmen bei 2 Enthaltungen angenommen worden.

Notwendige Importe

Die Schweiz als kleine offene Volkswirtschaft ist auf den Aussenhandel angewiesen – auch im Agrarbereich. Jeder zweite Franken wird bekanntlich im Ausland verdient, und viele Produkte können in der Schweiz gar nicht oder höchstens zu extrem hohen Kosten produziert werden. Ein möglichst freier Handelsaustausch ist daher wohlstandsfördernd für alle.

Um den Besonderheiten der Landwirtschaft Rechnung zu tragen, gibt es für die Agrarprodukte ein ausgeklügeltes Grenzschutzsystem mit zum Teil sehr hohen Schutzzöllen und nichttarifären Handelshemmnissen. Eine weitere Diskriminierung oder gar Verteufelung der Importprodukte ist schädlich für unsere Volkswirtschaft – und schadet damit auch der Landwirtschaft, die auf die Unterstützung durch die übrige Wirtschaft angewiesen ist.

Doch der Trend geht – leider – in eine andere Richtung: Mit der im Mai 2014 von den Grünen lancierten Fair-Food-Initiative sollen Importe, die nicht den schweizerischen Produktionsstandards entsprechen, erschwert oder sogar verboten werden. Damit würde das geltende WTO-Recht klar verletzt, und auch mit der EU wären Handelskonflikte vorprogrammiert. Etwas moderater sind die beiden eingangs erwähnten Vorstösse: die Motion Rösti, die importierte tierische Produkte, die unseren Standards nicht entsprechen, mit «aus in der Schweiz verbotener Produktionsmethode stammend» deklarieren möchte, sowie die Parlamentarische Initiative Rusconi. Aber auch hier geht es in letzter Konsequenz darum, alles, was nicht unseren Standards entspricht, schlecht zu machen.

Positives herausstreichen

Wäre es nicht besser, die eigenen Stärken anzupreisen? Eigenschaften auszuloben, die über die gesetzlichen Minimalvorschriften hinausgehen? Sich von der Masse abzuheben? Fleisch aus besonders artgerechter Tierhaltung? Erdbeeren von Hand gelesen, aus dem sonnigen Wallis? Oder Käse, auf einer Alp über 1800 Metern über Meer hergestellt? Selbstverständlich alles auf freiwilliger Basis, als Unterstützung der Qualitätsstrategie im Rahmen der Agrarpolitik 2014–2017.

«Die Schweiz ist auf den Aussenhandel angewiesen – auch im Agrarbereich.»

SWISS LABEL, die Gesellschaft zur Promotion von Schweizer Produkten und Dienstleistungen mit ihrem Markenzeichen, der Armbrust, macht es vor.

Die mündigen Konsumentinnen und Konsumenten müssen selber entscheiden können, wann, was und wie viel sie kaufen wollen. Qualität und die guten Argumente sollen matchentscheidend sein, nicht der Staat mit Lenkungsmassnahmen, Bevormundung und Verboten. Einfache und saubere Deklarationsvorschriften genügen, es braucht keine Verteufelung der Importprodukte. Deshalb ist auch das Cassis-de-Dijon-Prinzip eine gute Sache; langfristig wird sich ohnehin die Qualität durchsetzen. Und Hand aufs Herz: Ist die einfache Formel «Schweiz = gut, Ausland = schlecht» nicht etwas gar zu einfach? Könnte es nicht sein, dass auch einmal ein Importprodukt jenes aus dem Inland punkto Nachhaltigkeit übertrifft?

Ruedi Horber,

Ressortleiter sgv