Publiziert am: Freitag, 6. November 2015

Ein Aushängeschild des WIR-Systems

WIR-Messe Zürich, 19.– 22. November 2015

Die WIR-Messe Zürich war schon immer die grösste aller WIR-Messen. Nachdem die WIR-Messe Luzern ihre Tore für immer geschlossen hat, ist sie nun auch die einzige. Roland Hartmann blickt auf 10 Jahre Erfahrung als Messeleiter zurück und blickt mit Zuversicht in die Zukunft – vorausgesetzt, alle Anspruchsgruppen machen ihre Hausaufgaben.

Die WIR-Messen Bern und Luzern sind Vergangenheit, die WIR-Messe Zürich ist nun die WIR-Messe. Was bedeutet dies für ihre Positionierung?

Innerhalb des WIR-Systems muss sich die WIR-Messe Zürich als starker Marktplatz, als grosses Einkaufszentrum positionieren. Mit heute 190 Ausstellern und 30 besetzten Plätzen an der Tischmesse sowie 14 000 Besuchern sind die nötigen Voraussetzungen gegeben. Auch für die WIR Bank selbst dürfte die WIR-Messe Zürich eine neue Bedeutung erhalten, denn sie ist nun der einzige Anlass, an dem Tausende ihrer Firmenkunden gleichzeitig an einem Ort vereint sind.

In den letzten 10 Jahren ist die Zahl der Aussteller und die Zahl der Besucher auch an der WIR-Messe Zürich zurückgegangen. Haben Sie keine Angst, dass Ihre Messe dasselbe Schicksal ereilt wie die anderen WIR-Messen?

Natürlich besteht ein Risiko, dass auch die WIR-Messe Zürich nicht überlebt. Wenn wir beispielsweise jedes Jahr einige Aussteller weniger vorzeigen können, dann gibt es die WIR-Messe Zürich in fünf Jahren nicht mehr. Ich hoffe, dass die geplante Vereinfachung des WIR-Systems auch der WIR-Messe Zürich frische Impulse verleihen wird.

Wie sichern Sie als Messeleiter die Weiterexistenz der WIR-Messe Zürich?

Die Aufgabe der Messeleitung bleibt es, überall das Optimum herauszuholen, Neues anzubieten, zu erklären, jederzeit für Auskünfte zur Verfügung zu stehen und Überzeugungsarbeit zu leisten. Dazu besuche ich auch Aussteller in ihrer Firma in jeder Ecke der Schweiz.

Dieses Jahr sind die Neuerungen nicht nur hinter den Kulissen, sondern auch im Grundkonzept sichtbar: Um Kosten zu sparen und Leerstände zu vermeiden, haben wir die Anzahl Hallen von vier auf drei reduziert. Die Messe bleibt viertägig, aber wir haben den Montag aufgrund der letztjährigen Umsatz- und Besucherzahlen gestrichen. Dafür starten wir bereits am Donnerstagnachmittag um 16 Uhr. Während der Eröffnung und für das Podium setzen wir neu weniger auf Politik und mehr auf Forschung, Entwicklung und Nachhaltigkeit – kurz: auf Wissensvermittlung und auf Networking.

Die Halle 7, die wir neu belegen, ist für Kleinaussteller ideal und die eigentliche «Gastro-Halle». Dort ist im Messerestaurant auch eine Raucherlounge auf dem Balkon angesiedelt, die ein grosses Bedürfnis war.

Haben Messen im Zeitalter von Onlineshops überhaupt noch eine Daseinsberechtigung?

Viele Messen – vor allem Publikumsmessen – sind am Kämpfen, man denke nur an die massiv rückläufigen Besucherzahlen der Olma oder der Muba dieses Jahr. Die Konkurrenz durch Internet und direkte Absatzkanäle wird jedes Jahr grösser. Aber es gibt starke Argumente, die für eine Messe sprechen: Nirgendwo sonst können innert weniger Tage so viele direkte Kontakte mit bestehenden oder potenziellen Kunden geknüpft werden. Ausserdem wird es immer Produkte geben, die man vor dem Kauf anschauen oder ausprobieren möchte – ich denke an Wein, Kleider oder Handwerksartikel.

Die WIR-Messe Zürich ist wegen ihrer Branchenvielfalt eine typische Universal- oder Publikumsmesse. Gleichzeitig hat sie mit «WIR» einen ausgeprägten Themenbezug, was sie auch zur Fachmesse macht. Ist diese Doppelfunktion ein Vor- oder ein Nachteil?

Wir sind in der Tat ein bisschen von beidem, also sowohl Fachmesse wie Publikumsmesse: Unser Fachpublikum sind die WIR-Teilnehmer, vom Angebot her haben wir den Charakter einer Publikumsmesse. Gegenwärtig boomen Fach- und Spezialmessen, während Publikumsmessen stagnieren oder rückläufig sind. Ich verstehe diese Doppelfunktion als Chance und als Alleinstellungsmerkmal, und darauf werden wir weiter bauen. Wir sind die nationale WIR-Messe für alle WIR-Teilnehmer in der ganzen Schweiz. Mit dem grössten Businessnetzwerk der Schweiz im Rücken können wir selbstbewusst und aus einer Posi­tion der Stärke operieren.

Viele Messebesucher schätzen ein reichhaltiges Rahmenprogramm, aber in den Augen vieler Aussteller zieht es die Besucher von den Ständen weg. Wo liegt das richtige Mass?

Es ist nicht einfach, die perfekte Mischung aus Angebot, Unterhaltung, Wissensvermittlung und Gastronomie zu finden. Sicher ist, dass einer Messe ohne Rahmenprogramm etwas fehlt. Als Besucher fühlt man sich dann nicht wohl; es fehlen Orte, an denen man eine halbe Stunde ausruhen kann, es fehlt das Einkaufserlebnis. Gleichzeitig sind wir uns bewusst, dass kaum jemand nur wegen einer Modeschau oder eines Fachvortrags extra eine Messe besucht. Dieses Jahr konzen­trieren wir unser Angebot auf die ersten drei Messetage mit je einem Event und auf eine Sonderausstellung zum Thema Nachhaltigkeit. So wird am Freitagabend die Berner Schlagersängerin Monique für Stimmung sorgen, und am Samstagnachmittag findet ein Podium statt: Die Besucher können sich auf Informatives und Überraschendes aus den Bereichen Solar-, Wind-, Wasser- und Atomenergie freuen!

Ein Teil der Messe nennt sich WIR-Dienstleistungspark. Was ist darunter zu verstehen?

Es handelt sich um eine spezielle Plattform für Dienstleister wie Druckereien, Werbeagenturen, Grafiker, Social-Media-Spezialisten, Treuhänder, Anwälte etc. Eine Messe ist zwar hauptsächlich ein Verkaufs-, aber eben auch ein Marketinginstrument: Nirgends erreicht man innert so kurzer Zeit so viele potenzielle Kunden. Leider machen sich das die Dienstleistungsfirmen noch viel zu wenig zunutze. Eine Tischmesse ist für Dienstleiter attraktiv, denn sonst kostet ein kleiner, konventioneller Stand bereits gegen 2000 Franken. Das ist viel, wenn nichts direkt verkauft wird. So aber lohnt sich das Investment für vier Tage Messepräsenz bereits dann, wenn auch nur ein einziger neuer Kunde gewonnen werden kann.

Interview: Daniel Flury