Publiziert am: 06.06.2014

Ein beeindruckendes Werk

REZENSION – Wirtschaftsgeschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert.

Beeindruckend. Das ist wohl das beste Wort für die Beschreibung des 2012 erschienenen Buches «Wirtschaftsgeschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert». Man hätte auch andere Qualifikationen nehmen können, beispielsweise umfassend, gründlich, empirisch und theoretisch fundiert, lesenswert, grundlegend, spannend, aktuell und bisweilen sogar grossartig. «Beeindruckend» fasst dies alles zusammen.

Die Wirtschaftsgeschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert zu beschreiben, ist kein einfaches Projekt. Umso beeindruckender ist es, dass dieses Gemeinschaftswerk von 21 Autorinnen und Autoren nicht nur inhaltlich stimmig ist, sondern seine Teile gut aufeinander abgestimmt wurden. Die verschiedenen Kapitel und Sinnabschnitte hängen zusammen und bilden eine Einheit.

Offenheit, Flexibilität...

Das Werk besteht neben einer allgemeinen Einleitung aus fünf Teilen. Im Ersten werden gesamtwirtschaftliche Entwicklungen wie Wohlstand, Wachstum, Demographie und Technologie geschildert. Im Zweiten geht es um die Einbettung der Schweiz in die Globalisierung. Dazu gehören nicht nur die Industrie und der Finanzplatz, sondern gerade auch die Binnenwirtschaft, der Tourismus und die Landwirtschaft. Die Wohlstandseffekte und seine demographische und geographische Verteilung werden im dritten Teil analysiert. Der Vierte setzt eine Art wirtschaftlichen Schlusspunkt und untersucht, ob und wie es eine eigene schweizerische Spielart des Kapitalismus gibt. Der fünfte und letzte Teil schliesslich widmet sich den Wechselbeziehungen von Wirtschaft und Politik.

Was ist das Fazit des Buchs? Offenheit und Flexibilität sind die wesentlichen Erfolgsfaktoren der Schweiz. Ebenso wichtig für die Schweiz ist das Erkennen von Trends und die Anpassung an sich verändernden Umwelten. Dafür ist eine besonders flexible und pragmatische Wirtschaftspolitik mitverantwortlich, so die Autoren.

...und Sicherheit

Ein weiterer interessanter Befund ist, dass die Sicherheit zu den wesentlichen Erfolgsfaktoren der Schweiz zählt. Sicherheit wird dabei als stabilitätsorientierte Wirtschaftspolitik verstanden, welche trotz Spezialisierung eine diversifizierte Wirtschaft ermöglicht, in der Kantone im Wettbewerb zueinander stehen und Einkommen, Renten und Ersparnisse «garantiert» werden, d.h. keinen Brüchen, Usurpationen, Stürzen u.a. unterstehen. Ökonomisch bedeutend ist der Hinweis auf den «gesamtheitlichen» Charakter des Wirtschaftsstandortes. Es sind nicht Einzelmassnahmen, welche die Schweiz attraktiv machen, sondern ein Politik-Setting, das erst noch pragmatisch bedient wird.

Es war höchste Zeit für dieses gelungene Gemeinschaftswerk, das sowohl historisch als auch ökonomisch gelesen werden kann; das sowohl Referenz als auch Erzählung ist; das sowohl grundlegend als auch kurzweilig ist; das sowohl geschichtlich als auch aktuell ist. Es war höchste Zeit für ein solch beeindruckendes Werk. Sc

Patrick Halbeisen∕Margrit Müller∕
Béatrice Veyrassat (Hrsg.). Wirtschaftsgeschichte der Schweiz im 
20. Jahrhundert. 2012. 1234 Seiten, 
mit zahlreichen z.T. farbigen Graphiken und Tabellen. Gebunden. CHF 98.– ∕€ (D) 
82.– ∕ € (A) 84.50. ISBN 978-3-7965-2815-6.