Publiziert am: 06.04.2018

«Ein Marschhalt ist nötig»

BERUFSBILDUNG – Nachdem das SBFI ein anfänglich unter Verschluss gehaltenes Gutachten auf massiven Druck endlich doch veröffentlicht hat, stellen sich neue Fragen.

Die Geschichte rund um ein Gutachten, das vom Staatssekretariat für ­Bildung, Forschung und Innovation SBFI bestellt, dann aber nicht veröffentlicht worden war (vgl. sgz vom 9. und 23. März), ist um ein Kapitel reicher. Nachdem das ursprüng­lich unter Verschluss gehaltene Papier auf parlamentarischen Druck von sgv-Direktor und Nationalrat Hans-Ulrich Bigler überraschend doch auf der Website des SBFI aufgeschaltet wurde, stellen sich weitere Fragen.

«Korrekturen sind zwingend»

Zur Erinnerung: Zwecks Stärkung der Berufsbildung hatte das SBFI zusammen mit den Verbundpartnern ein Leitbild erarbeitet und dazu drei externe Gutachten bestellt. Davon wurden zwei publiziert. Das dritte sollte, weil «kein amtliches Dokument» und «nicht wissenschaftlich», zurückbehalten werden. Erst auf mehrmalige Nachfrage von Gewerbedirektor ­Bigler im Parlament rückte das SBFI das offenbar un(an)genehme Papier schliesslich doch heraus. Der Grund für das Versteckspiel war dann rasch klar: Die Gutachterinnen und Professorinnen Uschi Backes-Gellner und Ursula Renold attestierten den Verfassern des Hintergrund­berichts mangelnde Kenntnisse des Schweizer Berufsbildungssystems und insbe­sondere der verbundpartnerschaftlich organisierten Berufsbildung und kamen zum Schluss, Korrekturen seien zwingend.

«Irritierendes Vorgehen»

Für sgv-Direktor Bigler ist das Vorgehen des SBFI rund um dieses dritte Gutachten «doch einigermassen irritierend». Dies vor allem deshalb, weil bereits in der Ver­nehmlassung ganz ähnliche Zweifel an der Seriosität des Berichts geäussert worden waren. «Nun stellen wir fest, dass die beiden Gutachterinnen unsere Kritik offenbar teilen, die wir von Anfang an eingebracht haben», sagt Bigler und fährt fort: «Da sich sowohl das Leitbild als auch das weitere Vorgehen auf diesen Hinter­grund­bericht abstützen, muss nun die Frage gestellt werden, inwiefern das Leitbild ent­sprechend anzupassen ist. Es kann nicht angehen, dass wesent­liche Kritik unter­schlagen und erst nach Verabschiedung des Leitbildes publiziert wird.»

«Das Projekt droht 
aus dem Ruder zu laufen»

«Angesichts der gelinde gesagt ungewöhnlichen Projektführung droht das Projekt ‹Berufsbildung 2030› aus dem Ruder zu laufen», sorgt sich Bigler. Auch dass an der Verbundpartnertagung die 120 Teilnehmenden bereits an 14 «Projektskizzen» gearbeitet hätten, mache den Prozess nicht besser. Es brauche deshalb einen Marschhalt. Dieser solle genutzt werden, um endlich eine gemeinsame Ausgangs­lage sowie ein einheitliches Verständnis aller Beteiligten über die wichtigsten Punkte der «Vision Berufsbildung 2030» zu finden. «Erst die Schlussfolgerungen aus dieser Diskussion können als Grundlage für einen seriösen Prozess zur Vision Berufsbildung 2030 dienen.»

Die sgv-Spitze mit den Nationalräten Jean-François Rime und Hans-Ulrich Bigler will das weitere Vorgehen nun mit dem obersten Bildungsverantwortlichen im Land, Bundesrat Johann Schneider-Ammann, besprechen. Histoire à suivre also.

Gerhard Enggist