Publiziert am: Freitag, 4. Mai 2018

Ein Marschhalt tut tatsächlich Not! «Ein Marschhalt ist nötig», sgz vom 6. April.

ECHO DER WOCHE

Unser Schweizer duales Berufsbildungssystem geniesst weltweit einen vorzüglichen Ruf, ist ein wichtiges Standbein unserer Wirtschaft. Dieses ist aber mehr als ein Bildungssystem; vielmehr ist es Ausdruck gesellschaftskultureller Grundwerte wie bspw. Genauigkeit, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Beharrlichkeit. Jüngst war in einer Sonderbeilage zur NZZ zu lesen, das Erfolgsmodell Berufsbildung bekomme den Druck der Zukunft zu spüren, den Königsweg der Bildung gebe es nicht mehr. Zweifellos zutreffend. Nachdem der grundsätzlich berechtigte Ruf nach Weiterentwicklung der Berufsbildung zwecks deren Stärkung unüberhörbar und denn auch bald täglich Thema in den Medien ist, gilt es aber darauf zu achten, dass dabei nicht das Kind mit dem Bad ausgeschüttet wird; zu wichtig bleiben nämlich die vorgenannten Grundwerte, welche Garant für die so ­wichtige Praxisnähe unserer Berufsbildung sind.

Nicht gegeneinander ausspielen

Heute ist die Durchlässigkeit der Bildung von der Lehre bis zu den Fachhochschulen gewährleistet und wird auch gelebt. Fataler Weise wird dabei das eine Bildungssystem, die Berufsbildung, gegen das andere, die akademische, ausgespielt, was nicht zielführend sein kann. Vielmehr sollte im Sinn kreativ kombinierter Systeme und zur Stärkung des Schweizer Bildungssystems überhaupt nebst der heute vertikal gewährleisteten auch die horizontale Durchlässigkeit zwischen dem akademischen und dem Berufs-Bildungssystem gelebt werden.

Merkwürdig muten da Stimmen 
wie jüngst in der NZZ an, welche Fachhochschulen zu Hochschulen 
zweiter Klasse deklassiert sehen wollen, was auf ein falsches Verständnis der Funktion der Fachhochschulen schliessen lässt, denn Fachhochschulen haben den Bezug zur Praxis zu gewährleisten.

Es ist ein Faktum, dass die Aus­zubildenden sich künftig immer mehr mit digitalen Errungenschaften, dem Internet der Dinge und Robotik konfrontiert sehen, eine neue Konkurrenz am «Arbeitsmarkt», eine nicht zu unterschätzende Herausforderung für alle also. Da auch das ­Bildungswesen von Transaktionen bestimmt ist, liegt es nur in der Natur der Sache, dass gewisse starre Bildungsinstitutionen in Frage gestellt werden dürften; denn was das Internet für die Kommunikation, ist die Blockchain für die Transak­tionen.

Klar ist nur: Alles ist im Fluss und im Umbruch, die vorgenannten Grundwerte aber müssen bleiben!

Lage umfassend beurteilen

Wenn sich wie heute vom SBFI in Auftrag gegebene Gutachten widersprechen, mag dies ein symptomatisches Zeichen für die herrschende Verunsicherung bezüglich des Wegs in die Zukunft für die Berufsbildung sein. So besehen tut der vom sgv ­geforderte Marschhalt zwingend Not! Es bedarf indes einer einlässlichen Auslegeordnung und Lagebeurteilung nicht isoliert nur des Berufsbildungswesens, vielmehr des Schweizer Bildungswesens überhaupt, wozu der Schweizerische Gewerbeverband mutig die Initiative ergreifen möge.

Hans-Jacob Heitz, Anwalt, 
Bundesverwaltungsrichter, 
Präsident vorberatende 
Kommission zum Zürcher 
Fachhochschulgesetz 
und Mitglied der Gewerbe-
gruppe Männedorf/ZH