Publiziert am: Freitag, 10. August 2018

«Ein ständiger Kampf»

ROCCO CATTANEO – Der Tessiner FDP-Vertreter sitzt seit November 2017 – 
als Nachfolger von Bundesrat Ignazio Cassis – im Nationalrat. Der Unternehmer 
ist zudem Präsident des Europäischen Radsportverbands.

Schweizerische Gewerbezeitung: Sie sind ein Tessiner Unternehmer der zweiten Generation und haben im November 2017 die Nachfolge von Bundesrat Ignazio Cassis im Nationalrat angetreten. Was waren die Überraschungselemente, als Sie in Bern ankamen?

Rocco Cattaneo: Die beeindruckende Gesetzgebungsmaschinerie und ihre komplexe Bedienung. Auf der anderen Seite der Berner Rhythmus; er ist manchmal schwer zu akzeptieren für Unternehmer, die an schnelle, manchmal instinktive Entscheidungen gewöhnt sind. Geduld ist gefragt. Dazu kommen die vielen Menschen, die man hier treffen kann. Ich befinde mich tatsächlich in einem Lernprozess.

Sie stehen an der Spitze eines Familienunternehmens. Welche politischen Prioritäten haben Sie?

Ich setze viel Energie dafür ein, die Interessen der KMU zu verteidigen. Ich stehe in der Arena, um die KMU vor Angriffen von Parteien und Gruppen zu verteidigen, die immer mehr Regulierung fordern – und damit den Staat mit neuen Aufgaben überfordern.

«DER BERNER 
RHYTHMUS IST FÜR EINEN UNTERNEHMER OFT SCHWER ZU 
AKZEPTIEREN.»

Der Schutz unserer Freiheiten ist ein ständiger Kampf. Wichtig dabei sind die Verbesserung unserer Rahmenbedingungen, die Bildung, Steuerfragen, Infrastruktur, Mobilität, öffentliche Sicherheit, politische Stabilität und Energiekosten.

Sie kommen aus einer Grenz­region, dem Tessin, wo kleine Unternehmen einer starken italienischen Konkurrenz aus­gesetzt sind. Wie sehen Sie die Entwicklung der Situation?

Stark leiden vor allem der Handel und die Gastronomie, für deren Leistungen Sie in Italien im Durchschnitt bloss die Hälfte ausgeben müssen. Im Tessin, besonders in Sottoceneri, gibt es viele Geschäfte, die geschlossen haben oder schliessen müssen. Im Übrigen kann man sagen, dass die kantonale Wirtschaft, wie eine aktuelle Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts BAK Basel bestätigt, in den letzten Jahren dank einer umfassenden strukturellen Neuausrichtung deutlich gewachsen ist.

«STROMVERSORGUNG UND STROMPREISE 
bereiten den 
KMU SORGEN.»

Das Tessin konnte viele neue Arbeitsplätze schaffen, mehr als im Schweizer Durchschnitt. Heute haben wir eine Arbeitslosenquote von etwa 2,8 Prozent, und damit das gleiche Niveau wie vor der Einführung der Personenfreizügigkeit. Ich bin sehr optimistisch für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung des Kantons Tessin, denn wir investieren viel in die Ausbildung, insbesondere in die Fachhochschule im Kanton Tessin (SUPSI), in die Universität der italienischen Schweiz (USI) sowie in biomedizinische Forschungszentren. Darüber hinaus sehe ich eine gute Dynamik im sekundären Sektor. Im tertiären Sektor erleben wir nach der schwierigen Phase für den Finanzplatz Lugano eine neue strategische Ausrichtung, die Hoffnung für die Zukunft gibt.

Sind sich Politik und Öffentlichkeit der Anstrengungen der KMU in Ihrem Kanton ausreichend bewusst?

Nein! Während der Abstimmungskampagnen sind die KMU in aller Munde, alle Parteien sprechen 
davon. Doch schauen Sie, woher die Vorschläge kommen, wenn die Party einmal vorbei ist. Die starke Frankenkrise der letzten drei Jahre ist vorüber, da der Wechselkurs wieder günstiger geworden ist. Im sekundären Sektor haben viele in die 
Verbesserung der Produktivität investiert. Sie haben neue Maschinen gekauft, ihre Kosten rationalisiert oder neue Märkte erschlossen. Die grossen Anstrengungen, die sie unternehmen mussten, bringen nun sichtbare Vorteile. Kurzum, sie sind wieder wettbewerbsfähig. Die Krise hat sie dazu gebracht, neue Lösungen zu finden.

Und im Tourismus – einem Bereich, in dem Sie neben Logistik und Tankstellen über den Tamaro-Park auch aktiv sind –, wie sehen Sie dort die Situation?

Da die Schweiz teurer ist als das 
übrige Europa, sind regelmässige 
Investitionen zur Verbesserung der Qualität notwendig. Kurz gesagt, wir müssen das Angebot laufend verbessern, um wettbewerbsfähiger 
zu sein. Am Monte Tamaro zum 
Beispiel haben wir in neue Attraktionen wie den neuen Wasserpark Splash & Spa Tamaro am Fusse des Resorts investiert.

Was sind Ihre Prioritäten im Umweltbereich?

Wir müssen ein wachsames Auge auf die Entwicklung der Energiekosten halten. Vor uns liegt die Revision des CO2-Gesetzes, die für unsere KMU für alles, was das Bauen und Dämmen betrifft, sehr belastend sein könnte.

Was mir langfristig Angst macht, ist die Frage der Energieversorgung. In diesem Bereich sind wir zunehmend von der Aussenwelt abhängig. Wir werden die Kernkraftwerke abschalten, die uns eine kontinuierliche Produktion geliefert haben. Was also die Sicherheit der Stromversorgung und der Preise betrifft, so sehe ich mittelfristig einige Probleme auf die KMU zukommen.

Wie werden Sie als Tessiner Unternehmer mit den Problemen der Regulierungskosten konfrontiert?

Die Auswirkungen sind vielfältig. Bei den Skiliften sind die Kosten für die Anpassung an neue Vorschriften sehr hoch. Im Bereich Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz beispielsweise kommen wir jedes Jahr mit regulatorischen Neuerungen an, die, wenn man sie ganzheitlich betrachtet, erhebliche Investitionen bedeuten, insbesondere für unsere 
26 Tankstellen und Shoprestaurants. Was wir innert der letzten 
20 Jahre investieren mussten, um den Standards zu entsprechen, ist schier unglaublich!

«DER SCHWEIZER ­TOURISMUS MUSS SICH STÄNDIG VERBESSERN. NUR SO KÖNNEN 
WIR IM WETTBEWERB 
BESTEHEN.»

Als ehemaliger Radfahrer sind Sie seit September 2017 auch Präsident des Europäischen Radsportverbands UEC. Was bringt der Sport der Politik?

Wir haben gerade eine kleine Gruppe von Fahrrad-Parlamentariern gebildet. Nach diesem Interview unternehmen wir unseren ersten Ausflug. Radfahren ist eine gute Schulung in Arbeit und Disziplin. Man lernt, sich Ziele zu setzen und sich über Monate daran zu halten. Es geht auch um Freundschaft, und nicht zuletzt um Respekt vor dem Gegner.

Interview: François Othenin-Girard