Publiziert am: Freitag, 1. Juni 2018

Ein Stück Schweizer Handarbeit

FRÄULEIN ROSAROT  Bei der Designerin Stefanie Gehrig ist jedes Stück ein Unikat und von Hand gemacht. Die Jungunternehmerin hat sich einen Laden in Lenzburg sowie einen Onlineshop aufgebaut und managt von der Produktion bis zum Marketing alles selbst – eine Erfolgsgeschichte.

Betritt man die Boutique Rosarot an der Rathausgasse 30 in Lenzburg, so taucht man unweigerlich in die wunderbare Welt von Fräulein Rosarot ein. Sie besteht aus edlen Kleinigkeiten wie Clipbörsen aus Stoff oder weichem Nappaleder, Necessaires, Handyhüllen, Kosmetiktäschchen, Gymbags, kleinen Handtaschen und grossen Shoppern sowie Kissen, Plaids und Schals. «Jedes einzelne Stück ist handgemacht und ein Unikat», stellt Fräulein Rosarot alias Stefanie Gehrig fest. Einmal einge­treten, will man am liebsten gleich durch das ganze Farben- und Mustermeer ihrer Produkte wandern. Die 31-Jährige hat ihr Label «fräulein rosarot» 2009 gegründet. Ihr Künstlername ist aus dem Bauch heraus entstanden. «Er verkörpert für mich Fröhlichkeit und Verspieltheit. Die Farbe steht für mich für sanft, weiblich und lieblich», so die Jungunternehmerin.

 

«Ich verlange für meine Produkte, was ich haben muss.»

 

Kurz vor ihrem Studium zur Grafikdesignerin hätte sie mit dem Nähen ihrer Klein­ode begonnen. «Meiner Mutter ist Textillehrerein, ich bin von Kind auf mit der Nähmaschine aufgewachsen», sagt die gebürtige Dottikerin. Während des drei­jährigen Studiums hat die angehende Grafikdesignerin nebenbei immer weitere Modelle entworfen. «Meine ersten Produkte habe ich am Warenmarkt verkauft. 2012 habe ich mich dann mit dem Internetvertrieb selbstständig gemacht.» Im Mai 2014 hat sie ihren schicken Laden in Lenzburg eröffnet. Es ist ein Einfraubetrieb: Gehrig macht alles alleine – von Produktion, Vertrieb über Buchhaltung und Internetbetrieb bis hin zu Marketing und Materialbeschaffung. Kollektionsweise helfen zwei Schneiderinnen aus, und kleinere Kollektionen werden in einer sozialen Werkstätte von Menschen mit einem geschützten Arbeitsplatz gefertigt.

Heute kann die junge Freiämterin von ihren Kreationen leben. Sie arbeitet aber täglich zehn bis vierzehn Stunden, sechs Tage pro Woche. Es brauche Durch­halte­vermögen, Innovationen und Qualitätsbewusstsein, um in dieser Branche erfolgreich zu sein. «Wichtig ist, dass ich mich selber bleibe und auf die Wünsche und Bedürfnisse meiner Kundinnen eingehe», so Gehrig. «Man muss aus seinen Fehlern lernen, immer am Ball bleiben, Neues ausprobieren und mutig sein», hat die talentierte Näherin in den letzten vier Jahren die Erfahrung gemacht. Von einem Businessplan hält Gehrig nicht viel. «Bei mir basiert alles auf Beobachtungen, das hat sich bis jetzt bestens bewährt.» So entwirft sie einen Prototyp, sie achtet dabei beim Material nicht auf die Kosten. «Ich entwerfe ein Produkt, hinter dem ich stehen kann, und würde nie schlechtes Material aus Kostengründen nehmen.» 

Was ihre Preispolitik betreffe, so müsse man realistisch rechnen. «Ich verlange für meine Produkte, was ich haben muss. Dabei akzeptiere ich auch, dass es Leute gibt, die sich meine Kreationen nicht leisten können oder wollen», so Gehrig. Mit ihren hochwertigen Kreationen und der Schweizer Qualität gebe sie den Kunden ein Versprechen ab, «dass sie absolutes Vertrauen zu meinen Produkten haben können. Das ist für mich ganz wichtig.» Allerdings müssten die Kunden noch mehr
dafür sensibilisiert werden, wie und wo ein Produkt entstehe.

Inspiration aus der Natur

Die junge Frau war noch nie um Ideen verlegen. Sie fliegen ihr nur so zu: eine Pfütze im See oder ein Spritzer Kürbisöl in einer Suppe – sie sehe sofort, wenn sich ein Muster für ein Design eigene. «Ich sauge alles auf und muss mir manchmal selber einen Riegel vorschieben, dass es nicht überbordet.» Viel Inspiration holt sie sich auch auf Reisen, von fremden Kulturen oder in der Natur. «Man muss nur aufmerksam durchs Leben gehen, dann bekommt man Ideen in Hülle und Fülle», so Gehrig. 

Sie arbeite gerne mit natürlichen Materialien wie Leder, Seide, Baumwolle, Leinen und für Nasszellen Wachstuch. Als ausgebildete Grafikerin entwirft sie sämtliche Textildesigns, die sie auf Seide und Baumwolle drucken lässt. So entstehen Schals in Kleinstauflagen mit Seltenheitswert. Sie bringt ihre Musterkreationen auch als Siebdruck in schimmernden Gold- oder Roségoldtönen auf textile Untergründe. Die grafischen Muster werden am Computer gezeichnet und für den Druck aufbereitet. «Für ein Kosmetiktäschchen brauche ich etwa eine Stunde, danach kommt noch eine weitere Stunde hinzu, um es zu fotografieren und in meinen Webshop zu stellen», so Gehrig.

Immer wieder alles neu überdenken

Die grösste Herausforderung für die junge Frau ist Vielseitigkeit, Wirtschaftlichkeit, Kreativität und Zeitmanagement unter einen Hut zu bringen. «Man muss immer wieder alles neu überdenken und darf nicht betriebsblind werden.» Mit dem eigenen Geschäft sei schon ein grosser Wunsch in Erfüllung gegangen. «Nun hoffe ich, dass ich weiterhin davon leben kann.» Pläne hat Gehrig keine. «Die Richtung weist sich immer von selbst im Laufe der Zeit, man muss nur etwas Dynamik an den Tag legen.»

Corinne Remund

www.fraeuleinrosarot.ch

FRÄULEIN ROSAROT IM NETZ

Bevor Stefanie Gehrig ihr Geschäft in Lenzburg eröffnete, vertrieb sie ihre Kreationen im Onlineshop. «Mein Webshop läuft sehr gut und ist neben den Marktbesuchen ein wichtiges Standbein. Ich mache damit rund 30 bis 40 Prozent meines Umsatzes. Ebenso ist «fräulein rosarot» in den sozialen Medien vertreten. «Es ist wichtig, dass ich auf sämtlichen Onlineplattformen präsent bin. Die Bewirtschaftung ist aber sehr zeitintensiv», sagt Gehrig. Der Onlineshop sei so quasi ein Schaufenster, das immer verfügbar sei. «Doch meine Kundinnen wollen oft meine Produkte live sehen und kommen dafür in den Laden.» CR