Publiziert am: 04.11.2016

Eine gefährliche Utopie der Grünen

Energy for Humanity – «Die Initiative sorgt indirekt dafür, dass wir die dreckige Kohleproduktion in Deutschland unterstützen»: Der erfolgreiche Financier Daniel Aegerter engagiert sich für ein NEIN zur Atomausstiegs-Initiative.

Schweizerische Gewerbezeitung: Weshalb setzen Sie sich für die Atomkraft und gegen die Ausstiegs-Initiative ein?

n Daniel Aegerter: Ich setze mich für eine emissionsfreie Stromerzeugung ein, weil die Luftverschmutzung und der Klimawandel weltweit sehr grose Probleme darstellen. Die Atomausstiegs-Initiative ist vor diesem Hintergrund heuchlerisch. Sie hat ein grünes Etikett, sorgt aber dafür, dass wir indirekt die dreckige Kohle­produktion in Deutschland unterstützen. Das kann es doch nicht sein! Die Initianten hantieren mit falschen Zahlen und verkaufen uns eine Utopie, wonach der sofortige Ausstieg geordnet möglich sei. Mit meiner Stiftung will ich auf genau solche Missstände und Fehlentwicklungen hinweisen.

«Ich will eine klima
Freundliche und 
sichere Energieversorgung.»

Zweifeln Sie denn am Erfolg der «Erneuerbaren»?

n Ich sehe ein grosses Potenzial. In der Schweiz trägt die Wasserkraft bereits ca. 60 Prozent zum Strommix bei, und die neuen Erneuerbaren wachsen auch. Laut dem World Energy Council hat die Schweiz den nachhaltigsten Energiemix der Welt. Das soll so bleiben. Aber dafür braucht es eine faktenbasierte Debatte. Ich bin dagegen, dass wir uns aus ideologischen Gründen zu einem chaotischen Ausstieg verleiten lassen und uns selbst ohne Not auf Verfassungsstufe ein absolutes Verbot diktieren.

Weltweit ist die Nuklearenergie im Aufwind. Weshalb gehen Europa und die Schweiz einen anderen Weg?

n Das Wachstum findet vor allem in Asien statt. Im Rest der Welt bestimmen Vorurteile, Emotionen und unser Wohlstand die Meinung. Wer sich heute noch für die Atomkraft einsetzt, wird rasch abgestempelt. Auf Strom und Wohlstand verzichten, will dann aber doch niemand. Darum braucht es eine ehrliche Debatte: Was wollen wir? Unsere Luft weiter verpesten und den Klimawandel beschleunigen oder die Vor- und Nachteile der verschiedenen Energieträger sachlich diskutieren? Die Schweiz kann den Versuch vielleicht wagen, auf teure Erneuerbare zu setzen. Im Ausland sieht die Situation leider oft anders aus. Polen setzt z.B. bei der Stromproduktion zu 90 Prozent auf Kohlekraft, Italien zu 75 Prozent auf fossile Energieträger, davon 55 Prozent Gas. Auch in Deutschland wird der Strom zurzeit übrigens noch über 50 Prozent fossil produziert. Das ist doch eine krasse Fehlentwicklung.

Wann wird in unserem Land wieder der Bau neuer Kernkraftwerke diskutiert?

n Diese Frage stellt sich zurzeit nicht. Der Atomaussieg ist beschlossen und zurzeit breit abgestützt. Bei der Atomausstiegs-Initiative geht es aber nicht darum, ob wir Kernkraftwerke wollen oder nicht. Die Frage lautet: Wollen wir einen chaotischen Ausstieg, bereits nächstes Jahr drei Kernreaktoren abschalten, unnötig Energie­engpässe riskieren und uns vom Ausland noch abhängiger machen? Langfristig bin ich aber sicher, und das belegen Berechnungen und Szenarien von Forschern und Experten, wir werden früher oder später feststellen, dass Klimaschutz mit modernen Kernkraftwerken besser funk-tioniert. Weltweit wird an neuen 
Reaktortypen geforscht und die 
Entwicklung ist vielversprechend. Bereits in 5 bis 10 Jahren werden im Ausland neue Reaktortypen in Betrieb genommen, welche auch für die Schweiz attraktiv sein könnten und bis 2050 einen wichtigen Beitrag zu Klima- und Entsorgungsproblematik leisten können.

Sie glauben also, dass die Kernkraft vor einer Renaissance steht?

n Ich kenne kein Land, welches die Ziele Klimaschutz und ausreichende Energieversorgung nur mit Erneuerbaren geschafft hat. Ich wünschte mir, es wäre anders. Aber wir sollten realistisch sein. Und wir sollten vor allem vernünftig sein. Zuerst ist es daher wichtig, dass wir am 27. November Nein sagen zu einer Initiative, die für mich ein Frontalangriff auf unsere Wirtschaft, aber vor allem auch auf unsere Umwelt ist.

Interview: Gerhard Enggist

ZUR PERSON

Daniel Aegerter (Jg. 1969) hat mit dem Verkauf seiner Softwarefirma Tradex im Jahr 2000 ein Vermögen gemacht. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz gründete er eine Investmentfirma. Er ist Mitgründer der Stiftung «Energy for Humanity», mit der er sich in der Schweiz und weltweit für eine klima­freundliche Energieerzeugung einsetzt und 
darum auch die Atomausstiegs-
Ini­tiative bekämpft, über die am 
27. November abgestimmt wird.