Publiziert am: 19.03.2021

Einzelkämpfer erster Klasse

INHABER – Klaus J. Stöhlker über die Belastungen der inhabergeführten Kleinbetriebe. Und weshalb viele von ihnen der Politik und den Politikern gegenüber misstrauisch sind.

Wenn viele Gewerbebetriebe die Lockdowns bisher gut überstanden haben, dann nur deshalb, weil sie von Einzelkämpfern erster Klasse geführt werden: den Inhabern (oder Inhaberinnen).

Sie haben immer die Fähigkeit bewiesen, auch dann zu liefern, wenn andere schon abgeschaltet hatten. Sie nehmen die Telefone auch am Abend bis 22 Uhr an und lesen die letzten Bestellungen per E-mail noch vor Mitternacht.

Wenn die Mitarbeiter noch schlafen oder den Rasierapparat in der Hand halten, ist der Inhaber schon im Büro. Er kontrolliert die Abläufe des beginnenden Tages. Die ersten Telefone mit den Kunden beginnen, je nach Branche, spätestens um 8 Uhr morgens. Der Kunde freut sich, der Inhaber auch.

Hier entscheidet der Chef

Inhabergeführte Kleinbetriebe sind besser durch die jetzt 14 Monate währende Covid-Dauerkrise gekommen, weil sie individueller auf die Kundenbedürfnisse eingehen können als Grossbetriebe. Hier entscheidet der Chef selbst – und zwar sofort. Das ist ein unschlagbares Argument.

Die Kleinräumigkeit der Schweiz, die über 2000 Städte und Gemeinden in den Kantonen, sind ein grosser Vorteil für die kleineren Firmen. Hier kennt und vertraut man sich. Öffnet der Laden offiziell um 8 Uhr morgens, weiss der Stammkunde, wo schon eine halbe Stunde früher die Tür offen ist.

Jeder Inhaber wird seinen Lunch sofort verschieben, wenn ein Stammkunde sich anmeldet. Er freut sich wirklich über jeden Besuch in der Krise, und der Kunde spürt dies.

Eine wichtige Rolle spielten in den letzten zwölf Monaten auch die Lokalmedien. Diese förderten die Kleinfirmen, auch redaktionell, mit allen Mitteln. Sie wiesen darauf hin, wie die Inhaber um ihre Existenz kämpfen. Die Leser wussten, es geht jetzt um viel. Die kleinen Dienstleister in der Nachbarschaft mussten unter allen Umständen erhalten werden, sind sie doch unumgänglich für ein gutes Leben in ebendieser Nachbarschaft.

CEO der Grosskonzerne? Masslos überschätzt!

Viele Menschen mussten im Homeoffice leben. Aus eigener Erfahrung darf ich sagen: Das ist grässlich. Wer konzentriert arbeiten möchte, trifft auf die Forderungen der Ehefrau. Kommen die Enkel nur zwei Tage in der Woche, ist Unterhaltung angesagt. Wie soll man da konkurrenzfähig arbeiten können?

Seit einem Jahr weiss ich, dass die CEO der grossen Konzerne, auch medial, masslos überschätzt werden. Sie haben oft ganze Stäbe zur Verfügung, dazu Sekretariate, die ihnen jeden Wunsch von den Augen ablesen. Was ihnen gelingt, wird grossartig nach innen und aussen kommuniziert. Was ihnen misslingt, bleibt meist geheim; es sei denn, ein mutiger Journalist kommt ihnen auf die Spur.

Der Inhaber stand in den letzten zwölf Monaten meist unter grössten nervlichen Belastungen. Was machen meine Kunden? Wo bestellen sie? Bleiben sie mir treu oder wandern sie in die Onlinemedien ab, um dort zu bestellen?

Jetzt wissen wir: Wer sich diesen Herausforderungen stellt, auf Mails und Telefone rasch reagiert, hat in diesen Monaten eine neue Stammkundschaft herangezogen. In der Krise zeigen sich die wahren Helden der Marktwirtschaft.

Wer dies nicht schafft, wer untergeht, ist zu bedauern. Er (oder sie) hat vielleicht den falschen Beruf gewählt. Für Inhaber ist der Beruf eine Berufung. Geld ist wichtig, aber nicht die Hauptsache.

Der Bundesrat schenkt gar nichts

Daher beobachten echte Inhaber mit Misstrauen, wie ihre Steuerfranken vom Bund und von den Kantonen verteilt werden. Wenn im Kanton Zürich Tausende von Künstlern aller Art, DJs, Tänzerinnen, Klavierlehrer, Schauspieler der kleinsten Bühnen, mit Gratisgeld überschwemmt werden, weckt das Misstrauen. Wofür arbeite ich eigentlich? Wofür zahle ich Steuern?

Am Morgen lese ich in der Tageszeitung: «Der Bundesrat beschenkt das Volk mit einer Milliarde für Tests zu Hause.» Wie bitte? Der Bundesrat schenkt überhaupt nichts. Wir, die Steuerzahler, sind es, die unsere notleidenden Mitbürgerinnen und Mitbürger beschenken. Nicht ganz freiwillig.

Der Inhaber ist daher gegenüber der Politik und den Politikern misstrauisch. Was sind das für Menschen, die auf meine Kosten viel versprechen? Er traut diesen linken und grünen Studenten nicht, die jetzt im Begriff sind, auf seine Kosten die Macht zu erobern.

Der Inhaber arbeitet. Nicht zuletzt, weil er muss. Aber er weiss, wie man Ende Monat eine Rechnung stellt.

Klaus J. Stöhlker

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