Publiziert am: Freitag, 19. September 2014

«Eltern früh ansprechen»

MARGRIT STAMM – Für die Bildungsforscherin ist klar, dass der Einfluss der Eltern, ein starker ­sozialer Druck sowie der «Image-Faktor» eine wesentliche Rolle bei der Berufswahl spielen.

Schweizerische Gewerbezeitung: Die ersten nationalen Berufsmeisterschaften SwissSkills Bern 2014 mit 1000 jungen Berufsleuten sind in vollem Gang. Wieso dürfen Jugendliche im Berufswahlalter und ihre Eltern sowie Lehrer diesen Megaevent nicht verpassen?

Margrit Stamm: SwissSkills Bern 2014 ist die beste Werbung für eine Berufslehre. Ich kann diesen Berufsbildungsevent nur empfehlen und raten hinzugehen (er dauert noch bis am 21. September)! Die Jugendlichen und ihre Eltern können direkt in den beruflichen Alltag der jungen Berufsleute eintauchen. Es wird ihnen in der Praxis vorgeführt, was eine Lehre alles beinhaltet. Das ist besser und wichtiger als jede Hochglanzbroschüre.

Welchen Einfluss haben Eltern bei der Berufswahl?

Eltern sind die wichtigsten und entscheidendsten Meinungsmacher bei der Berufswahl. Diese Tatsache wurde bis jetzt bei der Berufsbildung viel zu wenig bis gar nicht berücksichtigt. Vordergründig lassen Eltern ihrem Nachwuchs zwar die Freiheit in der Berufswahl, doch in Tat und Wahrheit haben sie bereits ab der 4. Klasse eine konkrete Vorstellung, was aus ihren Kindern einmal werden soll. Dabei bevorzugen sie die sogenannten «Image-Berufe», welche das Ansehen in der Gesellschaft steigern.

«SwissSkills Bern 2014 ist die beste 
Werbung für die 
Berufsbildung.»

Wie kann man Eltern als Promotoren für die Berufsbildung gewinnen?

Eltern müssen früh und gezielt auf die Berufsbildung angesprochen werden – Berufswahlunterlagen als Informationsquelle reichen bei weitem nicht aus. Wichtig ist, die verschiedenen Elterngruppen zu unterscheiden und entsprechend abzuholen: Bildungsambitionierte Eltern finden die Informationen im Internet, ihnen muss man jedoch die Attraktivität der Berufslehre aufzeigen und verkaufen. Migranten oder weniger interessierte Eltern hingegen müssen grundlegend und möglichst verständlich über eine Berufslehre orientiert werden.

Weshalb hat der akademische Bildungsweg nach wie vor eine derart grosse Anziehungskraft?

In unserem Berufsalltag sind der Wettbewerb, die Wissensgesellschaft und die Akademisierung ständig präsent. Diese Erfahrung machen Eltern tagtäglich selbst. Unsere Schullandschaft und Gesellschaft fordert von den Eltern, dass sie sich um eine gute ­Ausbildung für ihre Kinder bemühen. Viele wählen da die scheinbar sicherste Lösung, indem sie den vermeintlich bestmöglichen Weg anstreben – die Matura. Der soziale Druck spielt bei der Berufswahl eine grosse Rolle, so dass viel zu wenig auf die eigent­lichen Bedürfnisse der Jugendlichen geachtet wird. Heute wird viel stärker mit dem Umfeld, Freunden, Nachbarn usw. verglichen. Der Nachwuchs muss das Bildungs­niveau der «Konkurrenz» halten, wenn nicht sogar übertrumpfen.

Trotz aller gegenteiligen Bemühungen verhalten sich Jugendliche bei der Berufswahl den Geschlechter-Klischees entsprechend. Kann und soll man diese stereotype Berufswahl beeinflussen?

In anderen Ländern ist der Anteil an Frauen in technischen Berufen im Vergleich zur Schweiz hoch. Dies sollte auch bei uns möglich sein. In der Primarschule sind die Lernerfolge in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) etwa gleich. Erst in der 7. Klasse wenden sich Mädchen von den MINT-Fächern ab. Dies ist auf kulturelle Überzeu­gungen und eine geringe Selbsteinschätzung vieler Mädchen zurückzuführen. Eltern und Lehrkräfte haben einen starken geschlechterspezifischen Einfluss auf die Berufswahl. In den Schulen werden Mädchen zu wenig unterstützt, einen «atypischen» Beruf zu ergreifen. Aber auch bei den Betrieben muss man ansetzen. Hier ­bestehen grosse Entwicklungspotenziale, indem Betriebe gezielt junge Frauen für Bewerbungen einladen, Betriebspraktika für sie einrichten, früh schon in Schulen und bei Eltern werben und dabei signalisieren, dass gerade diese Branche für Frauen ein attraktives Berufsumfeld darstellen.

«Wir müssen bei der Berufswahl viel mehr auf die Bedürfnisse der Jugendlichen achten.»

Das duale Bildungssystem mit dem Modell der Durchlässigkeit scheint trotz den enormen Entwicklungen im letzten Jahrzehnt noch immer zu wenig bekannt zu sein. Wo muss man da den Hebel ansetzen?

Auf allen Ebenen. Unser Bildungs­system mit den verschiedenen Durchlässigkeiten ist in seiner Darstellung mit Grafiken und Wording sehr komplex und kompliziert, und so gelangt es gar nicht an die Basis. Für einen durchschnittlich gebildeten Laien ist dieses System schwer zu begreifen. Die Höhere Berufsbildung beispielsweise hat nach wie vor eine ungenügende Reputation und ist bis jetzt in Kreisen, die nicht tagtäglich damit zu tun haben, ein unbekanntes Wesen geblieben. Das Modell der Durchlässigkeit muss als einfach erklärbare Werbemassnahme für Eltern, Lehrkräfte, Berufsleute usw. gehandelt werden.

«Aussagekräftige Titel geben der Höheren Berufsbildung die nötige Reputation.»

Der sgv fordert bei der Titelfrage konkrete Lösungen wie «Professional Bachelor» und «Professional Master»; der Bundesrat lehnt dies ab. Ihr Kommentar?

Die schweizerische Ausbildung ist ohne konkrete Titel gegenüber dem Ausland benachteiligt. Aussagekräftige und verständliche Titel geben der Höheren Berufsbildung die Reputation, die sie so dringend braucht. Auch die Absolventen, die ihre zusätzliche Ausbildung teuer bezahlen, sollten mit einem international anerkannten Abschluss belohnt werden. Diese Titel tragen zur Stärkung der Höheren Berufsbildung bei, die das Rückgrat unserer KMU ist.

Ist der Lehrlingsmangel nur eine Folge des Akademisierungstrends, oder gibt es noch andere Gründe?

Die Demographie spielt hier ebenso eine Rolle. So haben wir in den nächsten zehn Jahren acht Prozent weniger Jugendliche im Berufswahlalter. Viele Schulabgänger sind aus verschiedenen Gründen in einer Warteschlaufe. Hier müssen auch die Betriebe in die Verantwortung genommen werden. Sie sollten auch schulisch weniger starken Jugendlichen eine Chance geben. Dies ist auch ein berufsspezifisches Problem: Weniger attraktive Berufe sind davon stärker betroffen. Für einen jungen Menschen ist es zudem einfacher, ins Gymnasium überzutreten, als eine Berufslehre zu finden. Dieser Weg stellt an 16-jährige hohe Ansprüche, müssen sie sich doch bewerben, präsentieren und sich gut verkaufen.

Interview: Corinne Remund

ZUR PERSON

Initiantin von Swiss Education

Prof. Dr. Margrit Stamm war Lehrstuhlinhaberin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg und hat sich Ende 2012 frühzeitig emeritieren lassen, um sich ganz dem Aufbau ihres neuen Forschungsinstituts Swiss Education (Swiss Institute for Educational ­Issues) widmen zu können. Es hat den Sitz in Bern und ist in der nationalen und internationalen Bildungsforschung in verschiedenen Ländern tätig. Zudem ist die Bildungsforscherin Gastprofessorin an diversen Universitäten im In- und Ausland sowie in verschiedenen wissenschaftlichen Beiräten von nationalen und internationalen Organisationen.

Bis Ende 2011 war sie Mitglied des Rats des Eidgenössischen Instituts für Berufsbildung EHB sowie Präsidentin des Departements Erziehungswissenschaften. Von 2011 bis 2012 baute sie das Leading House «Qualität der beruflichen Bildung» an der Universität Fribourg im Auftrag des BBT (heute: SBFI) auf. Zudem gründete sie im Jahr 2011 das Universitäre Zentrum für frühkind­liche Bildung Fribourg ZeFF.

Margrit Stamm ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Sie lebt in Aarau.