Publiziert am: 08.05.2015

Engagement auf allen Ebenen

TESSINER Wirtschaft – Die 1917 gegründete Camera di commercio dell’industria, dell’artigianato e dei servizi del Cantone ­Ticino (Cc-Ti) ist unter der Leitung von Direktor Luca Albertoni zur wichtigsten Stimme der Wirtschaft im Südkanton geworden.

Die Bedeutung der Cc-Ti ist kein Zufall, vertritt der bald hundertjährige Verband heute doch 900 Einzelmitglieder sowie 43 Berufsorganisationen mit rund 6000 Unternehmen. Diese wiederum stellen über zwei Drittel der etwa 200 000 Arbeitsplätze im Kanton Tessin. «Unser Verband engagiert sich auf vielfältige Art und Weise in zahlreichen Sektoren mittels Lobbying auf kantonaler, regionaler und eidgenössischer Ebene», erklärt Direktor Luca Albertoni. «Um unseren Mitgliedern gute Rahmenbedingungen zu bieten, damit sie zum Wohl der ganzen Region erfolgreich wirtschaften können, stellt die Cc-Ti ihnen zudem eine breite Palette von Dienstleistungen und Möglichkeiten zu Erleichterung bzw. Optimierung ihrer Tätigkeit zur Verfügung.»

Zusätzlich führt die Kammer für diverse Mitgliedsverbände deren Sekretariate. Ein Beispiel dafür ist TicinoModa, der Zusammenschluss von Unternehmen der Tessiner Modebranche. Albertoni betont, dass dieser Bereich für die Region sehr wichtig sei. «Es gibt zwar nur noch zwei Firmen, die hier direkt produzieren, die anderen haben die Herstellung nach Ost- oder Südostasien verlagert. Doch im Tessin geblieben sind die General Services, also vor allem die Administration und die Logistik.»

«Wir verfügen über einen leistungsfähigen Pharmasektor mit 
international tätigen Unternehmen.»

Besonders stolz sind die Cc-Ti-Verantwortlichen auf die Tatsache, dass auch einige «Branchenstars», wie beispielsweise Gucci, Hugo Boss, die VF-Gruppe sowie Consitex einen Teil ihrer Tätigkeit vom Tessin aus betreiben. «Dieser Sektor bringt unserem Kanton zahlreiche Stellen und wichtige Einnahmen», freut sich Albertoni. Die Zahlen bestätigen das: Rund 4500 Personen fänden gute Jobs, und die Umsätze erreichten fast zehn Milliarden Franken, was dem Kanton 90 Millionen Steuerfranken einbringe. Für den Cc-Ti-Direktor ist klar, dass «das Tessin damit auch ein Industriestandort ist». Diese Entwicklung widerspreche «eindeutig dem geläufigen Image, wonach die Südschweizer Wirtschaft hauptsächlich vom Tourismus und den Finanzdienstleistungen lebt.» Zudem sei die industrielle Landschaft sehr vielfältig. «Wir verfügen über einen leistungsfähigen Pharmasektor mit international tätigen Unternehmen wie Helsinn und Zambon.» Ähnlich sehe es in der Präzisionsmechanik aus, wo Mikron und Precicast herausragen; auch andere Sparten wie etwa der Biotech-Bereich seien erfolgreich.

Wichtiges Gewerbe

Unter den Trümpfen der regionalen Wirtschaft fehlt selbstredend auch das Gewerbe nicht, vorab die mit dem Bau verbundenen Berufe. Das Baugewerbe wird durch die Tessiner Sektion des Schweizerischen Baumeisterverbandes repräsentiert, die seit je ein wichtiges Mitglied der Cc-Ti ist. Ungeachtet der grossen Krisen der Jahre 2003 und 2009 bleibt für die Region der Finanzsektor – insbesondere das Banking – von grösster Bedeutung. Er wird durch die seit 1920 bestehende Associazione Bancaria Ticinese vertreten, ebenfalls ein schwergewichtiges Mitglied der Cc-Ti. Die Anliegen von Tourismus, Beherbergung und Gastronomie, alles Branchen, die fürs Tessin immer noch enorm wichtig sind, werden durch die kantonalen Sektionen der grossen nationalen Verbände hotelleriesuisse und GastroSuisse wahrgenommen.

«Die internationalen Aktivitäten sind stark gestiegen.»

Zu den Dienstleistungen der Cc-Ti gehört auch die Hilfe für Exporteure. «Dieses Angebot gewinnt laufend an Bedeutung», hält Luca Albertoni fest, «die Zahl der Firmen, der Beschäftigten und der Leistungen in Zusammenhang mit Exporten ist stark gestiegen.» Dieser Entwicklung hat der Verband Rechnung getragen mit der Gründung einer Abteilung, die sich ausschliesslich mit internationalen Aktivitäten befasst und den Tessiner Exporteuren als Kompetenzzentrum dient. «Unsere Abteilung Export nimmt auch offizielle amtliche Aufgaben wahr, etwa bei der Beglaubigung des nichtpräferenziellen Ursprungs von Waren», erläutert Luca Albertoni. Diese Dienstleistung steht allen Tessiner Unternehmen offen, Cc-Ti-Mitgliedsfirmen können zusätzlich einen Beratungsservice in Anspruch nehmen. Zudem werden regelmässig Weiterbildungskurse und Tagungen zu aktuellen Themen durchgeführt. Viermal jährlich sind «Länder-Specials» angesagt. In Zusammenarbeit mit Switzerland Global Enterprise werden neue Märkte vorgestellt. Erfahrene Experten erläutern die geschäftlichen Möglichkeiten und Vertreter von Tessiner Firmen berichten von konkreten Erfahrungen, die ihre Unternehmungen vor Ort gemacht haben. 2015 stehen die Maghreb-Staaten, Hongkong, Südkorea und Australien auf dem Programm.

«International Desk»

In Partnerschaft mit den kantonalen Behörden und dem Tessiner Indus­trieverband AITI ist die Kammer auch am «International Desk» beteiligt. «Das Projekt hat die Initiierung des Austausches von Informationen und Dienstleitungen zum Ziel, es sollen Anstösse zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Tessiner und ausländischen Firmen gegeben werden», so Albertoni. Konkret heisst dies, dass die Cc-Ti Wirtschaftsexkursionen in Länder organisiert, die für Tessiner Unternehmer als mögliche Handelspartner infrage kommen. Im Mai wird eine Studienreise nach Russland für Vertreter der Nahrungsmittelbranche durchgeführt.

Einer der Schwerpunkte der Tätigkeit von Cc-Ti ist die Arbitrage. Ihre Schlichtungsstelle ist (neben Zürich und Genf) eine der drei Einrichtungen dieser Art in der Schweiz. Neben juristischer Beratung wird auch Mediation angeboten. Bei der Weiterbildung gibt es längere Diplomlehrgänge, wie etwa jene für Unternehmensleiter. Kürzere Kurse – ein- bis viertägig – sind Themen wie Arbeitsrecht, Sozialversicherungen oder Auftreten am Telefon gewidmet. Interessenten steht zudem eine Reihe von aktuellen Informationsanlässen mit namhaften Experten zur Verfügung.

«Der starke Franken verschläft die 
Problematik der Grenzregion.»

Man versuche stets, den Mitgliedern bei der Verbesserung ihrer Aktivitäten und bei der Umsetzung neuer Ideen zu helfen, sagt Albertoni. Auch das Ungewöhnliche hat seinen Platz: Kürzlich wurde an einem Anlass über Vorteile und Risiken von Bitcoin diskutiert, der virtuellen Währung, die für viel Gesprächsstoff gesorgt hat.

Jeden Monat publiziert Cc-Ti eine Wirtschaftszeitschrift mit dem 
Titel «Ticinobusiness». Darin werden primär regionale Themen behandelt und vertieft sowie Stellungnahmen zu Fragen veröffentlicht, mit 
denen sich der Verband konfrontiert sieht.

Die Frankenstärke 
als Herauforderung

Was hält die Cc-Ti von der Massnahme der Nationalbank, die Mindestgrenze des Eurokurses fallenzulassen? Die Antwort ist differenziert: «Wir sind gerade daran, die Situation zu analysieren, um besser zu erfassen, wie wir unserer Wirtschaft helfen können, damit sie nicht zu sehr leiden muss», erklärt der Direktor zurückhaltend. Die Hauptschwierigkeiten lägen beim Aussenhandel, denn die Schweizer Produkte seien teurer und deshalb wenig attraktiv geworden. Im Binnenmarkt stünden jene Unternehmer vor grossen Problemen, deren zu hohen Kosten eingekaufte Lagerbestände von einem Tag auf den anderen 20 Prozent an Wert eingebüsst haben. Es dürfte sehr schwierig sein, die Preise entsprechend zu erhöhen.

«Ohne den Tunnel werden wir vom Rest der Schweiz abgeschnitten sein.»

Dem Handel bereite die starke Konkurrenz der ausländischen Produkte am meisten Kopfzerbrechen, vorab jene, die in Grenznähe gekauft werden. «Um dies zu verhindern, haben gewisse Detailhändler ihre Preise gesenkt», weiss Albertoni. «Andere Unternehmen setzen hingegen auf die Karte Kostenreduktion. Unter den dabei gewählten Lösungen taucht unglücklicherweise auch die Frage der Löhne auf.» Ein Mittel sei dabei die Erhöhung der Arbeitszeit bei gleichem Lohn. Der Cc-Ti-Chef verlangt, dass bei solchen Überlegungen das bestehende Recht unbedingt eingehalten und allfällige Massnahmen von den Unternehmen nur als «ultima ratio» getroffen werden. «Wir müssen zudem beachten, dass das Tessin eine Grenzregion und deshalb mit der Problematik der ‹padroncini› und der ‹distaccati›, also mit Lohndumping durch Mini-KMU und Scheinselbstständigkeit von Entsendeten, fertig werden muss.» Es handle sich um italienische Firmen, die im Wettbewerb mit den lokalen gewerblichen KMU stehen und für viele Leistungen viel weniger Entschädigung verlangten. «Diese Situation droht sich wegen des starken Frankens noch zu verschlimmern.»

Das Tessin ist – zusammen mit Uri – von der Sanierung des Gotthardstrassentunnels am stärksten betroffen. «Ohne den Tunnel werden wir vom Rest der Schweiz abgeschnitten sein», erklärt Albertoni. Die Alternative zur zweiten Röhre, eine mehrjährige Schliessung und Verlegung des Verkehrs auf eine rollende Strasse zwischen der Leventina und Uri, zeichnet er schlicht als «Bastelei». Diese Lösung sei technisch riskant, und sowohl finanziell als auch verkehrsmässig nicht nachhaltig. «Es wäre aber auch ein katastrophales Signal für den nationalen Zusammenhalt», betont Albertoni. Deshalb unterstütze die Kammer «mit aller Kraft» den Vorschlag des Bundesrates, der für die Sanierung den Bau einer zweiten Tunnelröhre ohne Erhöhung der Kapazitäten vorsieht. JAM

ERBSCHAFTSSTEUER

«Neue Belastung 
für Vermögen»

«Eine Initiative, die auf Bundesebene eine Erbschaftssteuer einführen will, stellt einen Schritt zurück in der Ausgestaltung unseres liberalen und sozialen Staates dar», urteilt die Cc-Ti. Das Volksbegehren missachte die Resultate früherer kantonaler Abstimmungen zu dieser Frage. Es ermuntere die jüngeren Generationen, nicht mehr zu sparen und stattdessen zu verschwenden. «Die Initiative belastet die Vermögen, die heute schon kräftig besteuert werden. Ihre asoziale Ausrichtung demotiviert die Menschen, vielköpfige Familien zu gründen. Sie beeinträchtigt aber auch die Nachfolgeregelung bei Familienunternehmen, die noch weniger attraktiv und dafür noch schwieriger wird.»

BILLAG-MEDIENSTEUER

Klares NEIN

«Wir lehnen die Zahlung einer Billag-Steuer ab, weil es sich um eine neue Besteuerung für unsere Unternehmen handelt. Sie würden sich damit einer Doppelbesteuerung unterwerfen müssen: der ersten als Privatperson, der zweiten als Firma.»