Publiziert am: 05.02.2021

«Es gärt und brodelt»

CORONA-BLUES – Wegen des zweiten Lockdowns blicken gestandene Unter­nehmer auf die Scherben ihrer Exis­tenz; ganze Lebenswerke werden ver­nichtet. So darf das nicht weitergehen: Höchste Zeit, die Wirtschaft wieder arbeiten zu lassen, fordert der Schwei­ze­rische Gewerbeverband.

Wochen nach dem Beginn des zweiten Lockdowns ist die Stimmung in Schweizer KMU-Kreisen am Boden. «Es sind keine notorischen ‹Corona-Leugner› und auch sonst keine Lügner, die sich beklagen», sagt Werner Scherrer, Präsident des KMU- und Gewerbeverbands des Kantons Zürich und Vorstandsmitglied im Schweizerischen Gewerbeverband sgv. «Es sind gestandene Unter­nehmer, die heute vor den Scherben ihrer Existenz stehen und sagen: ‹Wir sind am Verrecken›.»

«KMU leiden grauenhaft»

Der Zürcher Unternehmer, beileibe nicht als Alarmist bekannt, fasst zusammen, was er von seinen Mitgliedern hört: «Es gärt und brodelt an allen Ecken und Enden – die Schweiz scheint bald zu explodieren.» Die Leute hätten «die Schnauze voll», manche – gerade wenn ihr Unternehmen bereits Konkurs gegangen ist – möchten schon gar nicht mehr reden. Andere fragten: «Was sollen wir denn noch tun? Und warum hört uns niemand zu?»

Härtefälle diskutieren, Entschädigungen in Aussicht stellen, auf den St. Nimmerleinstag vertrösten, während das Firmenkonto rapide leerläuft – «einst gemässigte KMU-Chefs fragen: Müssen wir jetzt auch auf die Strasse gehen?» Die Lage lässt Scherrer ans berühmte Pulverfass denken. Tatsache ist: «Viele unserer KMU leiden grauenhaft.»

Existenzielle Nöte

Werner Hotz, Präsident des Gewerbevereins Pfäffikon, stellt «ein starkes Gefühl der Ungerechtigkeit» fest. Manche KMU-Chefinnen und -Chefs litten unter existenziellen Nöten. «Normalerweise wollen die meisten Firmen ja vom Staat möglichst in Ruhe gelassen werden», weiss Hotz. «Wenn uns derselbe Staat aber ein eigentliches Berufsverbot auferlegt, dann muss er den Betrieben nun sehr rasch Entschädigungen zukommen lassen; sonst werden Firmen untergehen, die zuvor absolut überlebensfähig waren.»

Seine Mitglieder hörten in den Medien von Unterstützungsprogrammen – «aber es kommt einfach nichts an!» Dies festzustellen, sei emotional sehr schwierig zu ver­kraften. «Wir Selbstständigen sind uns Risiko gewöhnt und können damit umgehen. Aber hier haben wir doch nichts falsch gemacht!»

Missbraucht, im Stich gelassen

Getränkehändler Roger Bösch aus Nürensdorf sagt: «Einstige Kämpfertypen haben heute weder die Kraft noch die Energie, weiterzumachen. Sie sind daran, komplett den Mut zu verlieren.» Im ersten Lockdown vom vergangenen Frühling hätten sie sich in die behördlichen Massnahmen geschickt und versucht, das Beste daraus zu machen. «Heute ist dieser Elan weg, das Geld ebenfalls; vielerorts ist ganz einfach die Luft draussen.» In den lokalen Medien sei von «Konkurseröffnungen en masse» zu lesen, manch einem Unternehmer bleibe nur noch der Gang zum Sozialamt. «Viele Unternehmer, nicht nur in der Gastronomie, fühlen sich vom Staat missbraucht und im Stich gelassen.»

Ganze Lebenswerke vernichtet

Auch Thomas Kellersberger, Präsident des Handwerker- und Gewerbevereins Wädenswil, hat Ähnliches zu erzählen: «Was hier geschieht, ist eine Katastrophe.» Nicht einmal sein 89-jähriger Vater verstehe die von Bundesrat Alain Berset und dem Bundesamt für Gesundheit verordneten Massnahmen noch: «Schützt doch besser jene, die unsere AHV erarbeiten, als uns Alte», sage der.

Und Baugeschäftsinhaber Kellersberger selber stellt fest: «Jene, die daran sind, uns zu ruinieren, sitzen mit ihren fixen Löhnen im gemachten Nest und verdienen weiterhin wie blöd, während unsere Büetzer und die Chauffeure ‹a Ranze früüre› und nicht einmal wissen, wo sie einen warmen Zmittag bekommen sollen!» Er sehe Kollegen, «die sich an Strohhalmen festhalten, und andere, die geradeheraus ‹brüele›, weil sie nach jahrzehntelanger Arbeit ihr Lebenswerk vernichtet sehen.»

So geht das nicht weiter!

Für den Schweizerischen Gewerbeverband sgv und seinen Direktor Hans-Ulrich Bigler ist klar: «So kann es nicht weitergehen! Der Bund darf nicht zusehen, wie ganze Wirtschaftszweige vernichtet werden.» Der sgv erwartet deshalb eine Wiedereröffnung der Wirtschaft – «und zwar sehr rasch».

Gerhard Enggist

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