Publiziert am: Freitag, 7. Juli 2017

Es ist wie mit der Zahnpflege

STRASSENUNTERHALT – Die Sicherheit der Gemeindestrassen ist für viele Kommunen ein Kraftakt. Modernste Technologie hilft jetzt beim Aufspüren von Schwachstellen.

Was eigentlich selbstverständlich klingt, ist leider im Alltag vieler Schweizer Gemeinden eine grosse Herausforderung: trotz knapper Finanzen den schleichenden Verfall ihres Strassennetzes aufzuhalten. Dabei sind sich Strassenfachleute einig: Viele Gemeinden leben heute von der Substanz, und es werden erhebliche Probleme mit anstehenden Sanierungen immer weiter in die Zukunft verschoben. Es ist wie mit der Zahnpflege: Eine regelmässige Kontrolle und das Flicken kleiner, kariöser Bereiche schützt vor grossen Eingriffen und Implantaten! Genauso verhält sich eine asphaltierte Strasse. Ihre Deckschicht hat eine begrenzte Lebensdauer. Wird diese Deckschicht durch Risse und Löcher undicht, beginnt ein verhängnisvoller Kreislauf. Wasser dringt ein, gefriert im Winter und zerstört weitere Substanz. Eine Sanierung wird so immer teurer. Am Ende steht der komplette oder teilweise Neubau einer Strasse.

Theorie und Praxis

Alle Betroffenen und Verantwortlichen wissen: Es wird heute zu wenig getan, um den Verfall der Gemeindestrassen wirksam aufzuhalten. Für den reinen Werterhalt müssten jährlich ca. zwei Prozent des Wiederbeschaffungswertes von stolzen 98 Milliarden Franken für gut 52 000 Kilometer Gemeindestrassen bereitgestellt werden. Umfragen bei den Gemeinden zeigen, dass in der Regel deutlich weniger als ein Prozent zur Verfügung steht. Eine einfache Rechnung: Die Sanierungsrückstände werden immer grösser und auch teurer.

Eine schadhafte Strassenoberfläche ist auch eine Gefahr für den Verkehr. Hier haften die Eigentümer, also auch die Gemeinde für Unfälle. Denn Risse führen zu Löchern und diese sind für alle Verkehrsteilnehmer ein Unfallrisiko.

Unterstützung für die Gemeinden

Während die Kantone und grossen Städte eigene Teams von Fachleuten haben, ist die Gemeinde oft auf Hilfe von aussen angewiesen. Auch sind viele technische Hilfsmittel und Werkzeuge, welche für ein effizientes Strassenmanagement entwickelt wurden, für das Milizsystem einer Gemeinde zu kompliziert. Dazu findet der Präsident des Schweizer Gemeindeverbandes, der Schaffhauser SVP-Ständerat Hannes Germann, klare Worte: «Die Gemeinden müssen mit praxis- und miliztauglichen Werkzeugen, Anleitungen und Dienstleistungen unterstützt werden.»

Entscheidgrundlagen schaffen

Eine erste wichtige Etappe hin zu einem effizienten Strassenmanagement ist die regelmässige Kontrolle des Strassennetzes und seiner aktuellen Schäden. Auch hier – ähnlich wie der Zahnarzt bei der Zahnkontrolle – werden die wichtigsten Schadensbilder lokalisiert und ihr Ausmass dokumentiert. Dieser Schritt muss einfach, schnell und flexibel durchführbar sein. Das zurzeit attraktivste Verfahren ist die Videoaufnahme aus einem rollenden Fahrzeug. Damit können je nach Verfahren täglich einige hundert Kilometer Strasse erfasst werden.

Doch wie geeignet sind solche Videoerfassungen für kleinere und mittlere Gemeinden? Wie erwähnt können Städte und grosse Gemeinden auf interne Fachleute zurückgreifen, wenn es um die Auswertung der Videodaten geht. Die beachtlichen Datenmengen müssen mit Hilfe spezieller Computerprogramme ausgewertet werden. Die Gemeinde erhält dann entweder Zugang zu diesen Daten, oder sie bekommt eine detaillierte gedruckte Dokumentation. Der ganze Prozess ist so aufwändig, dass er in der Regel nur alle paar Jahre zum Einsatz kommen kann.

In den Händen der Gemeinde?

Dank modernster Technologie kann dieses Verfahren nun auch massiv vereinfacht und damit sehr flexibel und kostengünstig durchgeführt werden.

Gemeinsam mit Strassenspezialisten der Groupe PRODO, Domdidier, dem Satellitenspezialisten Trimble und der Allnav AG hat die webconsult GmbH aus dem bernischen Kiesen «StreetTrace» entwickelt. Sie nützt dabei eine Handy-App, welche mit einem leistungsfähigen Satellitenempfänger verbunden ist. Ergänzt wird diese mobile Erfassung mit einer Hochleistungskamera. Diese nimmt aus dem Auto die Strasse auf und speichert gleichzeitig den GPS-Pfad der gefahrenen Strecke. Damit lassen sich an einem Tag 50 bis 75 Kilometer Gemeindestrasse erfassen. Ein ausführlicher Praxistest mit der Gemeinde Lenk und ihren 140 Kilometern Strassen zeigt: Nur wenn das ganze Verfahren einfach und alltagstauglich ist, wird es eingesetzt. An der Lenk ist man zuversichtlich, bis im Herbst die komplette Erfassung mit StreetTrace gemacht zu haben.

Prioritäten und effiziente 
Budgetplanung

Dank StreetTrace kann die Gemeinde zügig ein Informationssystem aufbauen. Dieses zeigt die aktuellen Schadstellen geolokalisiert. Mit einem GIS-System lassen sich alle via App und Video erhobenen Informationen visualisieren. Ein weiterer Vorteil: Das System bietet durch seine hohe Flexibilität auch die Möglichkeit, nach strengen Frost-/Tauperioden oder starken Regenfällen den Zustand der Strasse und der sehr wichtigen Entwässerung sofort aufzunehmen.pd

StrassenINFRASTRUKTUR

Ausbau und Unterhalt

Neben der Engpassbeseitigung ist auch der Erhalt der bestehenden Strassen unerlässlich. Denn rund 80 Prozent der Güter werden auf der Strasse transportiert und zur Kundschaft angeliefert. Die Strasse ist deshalb der wichtigste Verkehrsträger für das Gewerbe (vgl. auch Seite 6).

Neben der raschen Schliessung von Lücken im Nationalstrassennetz und der Engpassbeseitigung auf den Nationalstrassen gibt es aber auch Unterhalts- und Ausbaubedarf bei den Gemeinde- und Kantonsstrassen. Viele Gemeinden leben heute von der Substanz und sanieren ihre Strassen meist nur mit Verzögerung oder leben gar von der Substanz (vgl. Hauptartikel). Für das Gewerbe sind aber einwandfreie und sichere Kantons- und Gemeindestrassen ebenso von grosser Bedeutung wie ein gut funktionierendes Nationalstrassennetz.
Dieter Kläy, Ressortleiter sgv