Publiziert am: 19.06.2020

Explosion der Produktivität: Die Gründe

PRODUKTIVITÄT – Die Schweiz hat während des Lockdowns an Produktivität gewonnen. Dasselbe Phänomen lässt sich auch international beobachten.

Schon seit Jahrzehnten sinkt die Arbeitsproduktivität in entwickelten Wirtschaften. Die kapitalintensivsten Länder verzeichnen eine fallende Arbeitsproduktivität. «Das Rätsel der Produktivität» nennt man dieses Phänomen. Doch ein neues tut sich auf: Wie kann es sein, dass in der Krise diese Länder eine wahre Produktivitätsexplosion durchmachen?

Keine Frage: Im Nachgang zu den gesundheitspolitischen Massnahmen im Umgang mit dem Coronavirus sind alle entwickelten Länder in eine Rezession gefallen. Auch der entsprechende Arbeitseinsatz verringerte sich. Er ist stärker zurückgegangen als der Rückgang der Wertschöpfung. Das führt zu einem verblüffenden Effekt. In der Volkswirtschaftslehre wird die Produktivität als Bruttoinlandprodukt pro geleistete Arbeitsstunde berechnet. Wenn das BIP zurückgeht, aber die Anzahl der Arbeitsstunden noch stärker schrumpft, ist das Ergebnis der Division positiv. Der Zuwachs der Arbeitsproduktivität während der Krise fand nicht nur in der Schweiz statt (vgl. sgz vom 5. Juni). Verschiedene entwickelte Länder zeigten ein ähnliches Muster.

Die Abbildung in diesem Artikel vergleicht fünf entwickelte Volkswirtschaften und die Entwicklung des Bruttoinlandprodukts pro bezahlte Arbeitsstunde (BIP/h) in der jeweiligen Landeswährung (linke Skala). Verglichen wird die Zeit zwischen dem Ende des Jahres 2019 (4. Quartal 2019) und den ersten beiden Quartalen 2020.

Die rechte Skala zeigt die Steigerung der Produktivität. Der Durchschnitt für ihre jährliche Steigerung für die Jahre 2010–2018 betrug für diese Länder maximal 1 Prozent (gelber Punkt). In den 6 Krisenmonaten explodierte die Produktivität auf 10 bis fast 30 Prozent (blauer Punkt). Es ist dabei unerheblich, ob die Zahlen gesichert sind oder «lediglich» Schätzungen. Die Aussage ist unabhängig der Dimension der Explosion verblüffend. Warum erhöhte sich die Produktivität der entwickelten Wirtschaften derart?

Licht ins Dunkel

Eine klare Antwort gibt es nicht. Vier Ansätze – für sich oder miteinander kombiniert – bringen Licht ins Dunkel:

• Zumindest auf kurze Sicht haben Deregulierung und Digitalisierung die Produktivität in beispielloser Weise gesteigert. Während der Corona-Krise liessen die meisten Länder eine gewisse Flexibilität in ihren starren Arbeitsgesetzen zu. Gleichzeitig waren die Unternehmen offener dafür, Technologien wie Videokonferenzen oder Fernzugriff in die Arbeitsprozesse aller ihrer Mitarbeiter, nicht nur der ­Kader, zu integrieren. Es stellt sich nun die Frage, ob die Regulierungsbehörden und der private Sektor bereit sind, die Deregulierung und Digitalisierung fortzusetzen. Falls ja, wird die Produktivität weiter steigen – höchstwahrscheinlich nicht mit der gleichen Geschwindigkeit wie während der Krise, aber zumindest mit einer viel höheren Rate als zwischen 2010 und 2018.

• Die Kombination aus Rationalisierung von Prozessen, besser durchdachter Koordination und Konzentration auf selbstgesteuerte Arbeit führte zu einer Steigerung der Produktivität. Man beachte, dass in dieser Erklärung Technologie und Deregulierung keine Rolle spielen. Sie mögen bis zu einem gewissen Grad geholfen haben, aber der Grund für den Anstieg liegt im besseren (Selbst-)Management von Arbeitsprozessen. Wenn die Unternehmen diesen Weg fortsetzen – indem sie eine industrielle Logik auf den Dienstleistungssektor anwenden –, kann die Produktivität wachsen, auch wenn es keine Deregulierung oder Digitalisierung gibt.

• Der Produktivitätsschub ist auf einen Selektionsprozess auf dem Arbeitsmarkt zurückzuführen. Weniger produktive Arbeitskräfte haben ihren Arbeitsplatz verloren oder wurden zuerst in Kurzarbeit geschickt. Dies führt natürlich zu einer Steigerung der Effizienz. Sobald sie in die Arbeitsprozesse zurückkehren, sinkt die Produktivität wieder.

• Schliesslich ist der Produktivitätsschub die Frucht einer falschen Messung. Der Produktivitätsschub kam nur zustande, weil die Messgrössen die Externalitäten nicht berücksichtigen. In diesem Fall handelte es sich bei den Externalitäten um höhere Wahrscheinlichkeiten von Depressionen oder anderen psychologischen Auswirkungen auf die Menschen, die nicht oder weniger arbeiten, um mehr Stress für Menschen, die mit erhöhter Flexibilität oder aus der Ferne arbeiten, oder um den Verlust von sozialen Kontakten am Arbeitsplatz. Einige dieser Externalitäten bleiben auch dann bestehen, wenn die Menschen zu ihren Arbeitsroutinen zurückkehren. Was auf den ersten Blick wie ein Produktivitätsschub aussieht, entpuppt sich also alles in allem als ein noch grösserer Verlust als vor der Corona-Krise.

Mehr Lebensqualität

Und nun? Diese Ansätze sind nicht nur Erklärungen. Sie sind auch Handlungsoptionen. Wenn die Schweiz den Produktivitätsgewinn beibehalten will, setzt sie auf Digitalisierung, Flexibilisierung, den Abbau von Regulierungskosten und besseres Management. Kurz: Die Vitalisierung der Binnenwirtschaft führt zu Produktivitätsgewinnen. Und diese führen zu höherer Lebensqualität für alle.Sc

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