Publiziert am: 23.03.2018

«Für Arbeitgeber zumutbar»

GÉRALDINE MARCHAND-BALET – Die CVP-Nationalrätin fordert, dass ein Verfahren zur Prävention und Früherkennung der Bedürfnisse von älteren Arbeitnehmenden eingeführt wird.

Schweizerische Gewerbezeitung: Wie viele über 50-jährige Arbeitslose kennen Sie?

n Géraldine Marchand-Balet: Ich kenne leider viele von ihnen. Die verschiedenen Partner und Daten des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigen einen deutlichen Anstieg der Zahl der Arbeitslosen über 50 Jahre seit 2015, wobei die Steigerungsraten je nach Region, Beruf und Wirtschaftszweig zwischen 10 und 20 Prozent liegen. Auf der anderen Seite zeigen die Zahlen der Sozialhilfe den gleichen Anstieg bei den über 50-Jährigen. Es ist wichtig, sich dieser starken Tendenz bewusst zu sein, sie zu identifizieren, mögliche Massnahmen zu analysieren und die wahrscheinliche Zunahme des Phänomens vorherzusehen. Als Gemeindepräsidentin sehe ich das jeden Tag.

Sie haben zum Thema Ü50 ein Postulat eingereicht. Was fordern Sie damit?

n Der Bundesrat ist zusammen mit den zuständigen Partnern für die ­Erstellung eines Berichts über den freien und erleichterten Zugang älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zur Kompetenzfeststellung zuständig. Ein Präventions- und Früherkennungsverfahren mit einer marktgerechten Analyse der Qualifikationen und Bedürfnisse älterer Arbeitnehmer und der Einrichtung eines Weiterbildungsprojekts sollte es ermöglichen, sowohl die Risiken der (oft langfristigen) Arbeitslosigkeit zu vermeiden als auch die Produktivität dieser qualifizierten und erfahrenen Arbeitnehmer zu steigern.

«Leider kenne ich viele arbeitslose, die älter als 50 Jahre sind. ihnen müssen wir helfen.»

Der Bundesrat beantragt, Ihr Postulat abzulehnen, da nebst derzeit laufenden Anstrengungen kein zusätzlicher Handlungs­bedarf bestehe. Trifft das nicht zu?

n Der Bundesrat teilt meine Ansicht, möchte aber heute keinen Bericht ­erstellen. Das neue Weiterbildungsgesetz wird diese Auswirkungen in naher Zukunft haben; es ist gerechtfertigt, dieses aktuelle Thema zu ­beleuchten und einen besonderen Schwerpunkt auf diese Altersgruppe zu legen. Es geht darum, sich mit einem aktuellen Problem zu befassen und ernsthaftere finanzielle und menschliche Entwicklungen vorwegzunehmen. Andererseits müssen die Auswirkungen der demografischen Alterung auf den Arbeitsmarkt antizipiert werden, wie die Ergebnisse einer von Credit Suisse veröffentlichten Studie zeigen.

Ist es nicht sinnvoller, die Weiterbildung den Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu überlassen, statt nach mehr Staat zu rufen?

n Das neue Weiterbildungsgesetz hat einen anderen Ansatz eröffnet als der von Ihnen erwähnte: Es bindet alle Partner in einen breiteren Dialog ein. Auch den Kommunen, die einen enormen Anstieg der Sozialhilfe­kosten verzeichnen, kommt eine grössere Rolle zu.

Arbeitgeber befürchten einen grossen Mehraufwand, sollte sich der Staat in die Weiterbildung einmischen. Können Sie diese Befürchtungen nachvollziehen?

n Die Verteilung dieser Kosten soll im Rahmen dieses neuen partnerschaftlichen Ansatzes behandelt ­werden, der es für die Arbeitgeber in vernünftigen Grenzen halten soll. Es bleibt jedoch klar, dass nicht alle Sektoren über die gleichen Kapazitäten verfügen, um in «Humankapital» ­
zu investieren. Wir müssen die ­Kosten für die Arbeitgeber im Auge behalten – das liegt auf der Hand.

Auf welchem Weg sehen Sie eine Umsetzung Ihres Anliegens: via Gesetzgebung oder über die Gesamtarbeitsverträge?

n Der Gesetzgeber muss den Rahmen vorgeben. Zuerst der Bund, später dann die Kantone müssen dafür sorgen, es so umzusetzen, dass es den Arbeitnehmenden tatsächlich hilft. Es ist nicht mehr vorstellbar, sich eine berufliche Tätigkeit ohne Weiterbildung oder ohne die Etablierung einer Kompetenzbilanz vorzustellen.

Sie verlangen eine «kostenlose» Standortbestimmung. «Kostenlos» ist im Leben selten etwas. Wer soll denn Ihrer Ansicht nach bezahlen?

n Der Zugang zu Diensten zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit und die daraus resultierenden Kosten müssen gemeinsam angegangen werden, um die Beschäftigungsfähigkeit der älteren Arbeitnehmenden schrittweise zu steuern und die Produktivität der Unternehmen zu steigern. Die Ansätze und Praktiken sind derzeit sehr heterogen.

«das neue weiterbildungsgesetz bindet alle partner in einen breiteren dialog ein.»

Beispielsweise haben einige Kantone beschlossen, diese Dienste kostenlos zur Verfügung zu stellen, andere nicht oder weniger. Dasselbe gilt für Unternehmen, die diese Kosten auf unterschiedlichste Weise managen. Natürlich muss der Mitarbeiter auch an den zu diskutierenden Massnahmen teilnehmen. Wir müssen in der Tat auf eine neue Art und Weise mit diesen Leistungen im Bereich der Beschäftigungsfähigkeit umgehen, der wir uns nicht entziehen können.

«der ärger der aktiven firmen über die trittbrettfahrer, die bloss profitieren, ist für mich absolut verständlich.»

Wer sich weiterbildet, will entweder innerhalb seiner Organisation neue Aufgaben übernehmen, oder er orientiert sich nach aussen. Weshalb sollte der Arbeitgeber im zweiten Fall mitbezahlen?

n Vielleicht möchten sie auch einfach in ihrem bisherigen Unternehmen auf dem Laufenden bleiben und ihre Dienstleistungen verbessern, um das Risiko einer Kündigung zu vermeiden. Dennoch ist die Frage relevant: Die Unternehmen, die am meisten in die Weiterbildung investieren, geben denjenigen die Schuld, die sich daran nicht beteiligen und quasi als Trittbrettfahrer dennoch davon profitieren. Das ist verständlich. Ein bekannter Weg ist die Verwendung von ­Mitteln für Weiterbildung und dif­ferenzierte Förderung. Ein anderer Weg ist das Label «Ausbildungs­betrieb». Ein weiterer Weg nach vorn führt über Qualitätsstandards in Unternehmen. Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass der Ausbildungsbetrieb auch ein Anziehungspunkt für die Mitarbeiter ist, ein Plus bei den Kriterien des öffentlichen Beschaffungswesens, eine hochwertige Visitenkarte für die Kunden und eine Steigerung der Mitarbeiterleistung.

Die Linke verlangt, dass über 50-Jährige von einem stärkeren Kündigungsschutz profitieren können. Was halten Sie von dieser Idee?

n Insgesamt sind die Arbeitnehmer in der Schweiz gut geschützt. Ich teile diese Ansicht deshalb nicht.

Interview: 
François Othenin-Girard

POSITION DES SGV

...und ewig rollt die «Verpflichtungswelle»

Über 50-Jährige haben nach einem Stellenverlust überdurchschnittlich grosse Schwierigkeiten, wieder eine Anstellung zu finden. Da gibt es nichts zu beschönigen. Wer seinen Job verloren hat, sucht statistisch ­gesehen länger nach einer neuen ­Beschäftigung als jüngere Stellensuchende. Die Frage ist allerdings, was der erfolgversprechende Ansatz ist, diesen Personen eine bessere Perspektive zu bieten. Aktuell ist wieder einmal eine «Verpflichtungswelle» spürbar. Arbeitgeber sollen zu Lohngleichheitsanalysen verpflichtet werden. Arbeitgeber sollen zu Quoten verpflichtet werden und Arbeitgeber sollen zur Prävention und Früherkennung der Bedürfnisse von älteren Arbeitnehmenden verpflichtet werden...

Weiterbildung ist in erster Linie eine Angelegenheit zwischen Arbeitgeberin und Arbeitnehmer. Verantwortungsvolle Arbeitgeberinnen, die im Zuge einer zunehmenden Fachkräfteknappheit qualifizierte Mitarbeitende nicht verlieren wollen, investieren frühzeitig und in Absprache mit dem betroffenen Mitarbeitenden in die Weiterbildung ihres Personals. Dazu braucht es keine Verpflichtungen vom Staat. Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind gefordert, ihre Weiterbildungsideen darzulegen und den Dialog mit der Arbeitgeberin zu suchen. Spätestens beim nächsten Mitarbeitergespräch bietet sich eine Gelegenheit dazu.

Dieter Kläy, Ressortleiter sgv

ZUR PERSON

Die Walliser Christdemokratin Géraldine Marchand-Balet war bis 2013 im Grossen Rat und ist seit 2015 im Nationalrat aktiv, wo sie bis März 2018 Mitglied der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur war. Neu wird sie Mitglied der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie. Seit 2008 ist die gelernte Krankenschwester Präsidentin der Gemeinde Grimisuat/VS.