Publiziert am: Freitag, 9. März 2018

Für die richtige Stimmung in der Kirche

ORGELBAU GOLL – Jedes Stück ein Unikat: Die Herstellung von Orgeln ist ein Traditionshandwerk. Das Luzerner KMU strebt nach höchster Qualität in Sachen Technik, Klangbild und Ästhetik. Viel Wert legt der Betrieb auch auf die Ausbildung junger Orgelbauer.

Der Duft von frischem Holz durchströmt die Werkstatt. An den Wänden stehen silberne und graue Röhren aus Metall. Es sind Orgelpfeifen. Die kleinsten sind wenige Zentimeter lang und von so silbernem Glanz, dass sich die Umgebung darin spiegelt. Die grössten haben einen Grauton mit unregelmässigen Mustern auf der Oberfläche und passen nur ganz knapp in die mehrere Meter hohe Halle. Die Pfeifen bilden die Seele einer Orgel, die als «Königin der Instrumente» bezeichnet wird.

Simon Hebeisen, Geschäftsführer der Goll Orgelbau AG, trinkt gerade den Pausenkaffee mit seinen Mitarbeitern. Der Betrieb feiert dieses Jahr sein 150-jähriges Bestehen und zählt 15 Mitarbeiter, darunter zwei Lernende. Während der Blütezeit des Orgelbaus, Ende des 19. Jahrhunderts, waren es über 70. «Die Branche wird kleiner und die Nachfrage schwankt», sagt Hebeisen. «Ich bin aber überzeugt, dass ein Orgelbauer mit guter Qualität langfristig Zukunft hat.»

«Königinnen» werden sehr alt

Hebeisen nimmt den letzten Schluck Kaffee. Ein paar Schritte gegenüber der Werkstatt öffnet er die Tür. Bauteile aus Holz und Orgelpfeifen sind auf einer Seite des Raumes aufgestapelt, teilweise noch eingepackt. «Diese Orgel bauen wir für die evangelische Kirche in Klosters», sagt Simon Hebeisen und zeigt auf eine Art Holzgerüst, während seine Stimme durch Klopfgeräusche übertönt wird. Sie kommen von der Lernenden Nicole Kaiser, die gut zwei Meter über dem Boden im Inneren der Orgel arbeitet. Sechs bis acht Monate wird der Bau insgesamt dauern. Am Ende wird die Orgel fünfeinhalb bis sechs Tonnen wiegen. «Das sind drei Elefanten», sagt Hebeisen. 8000 Arbeitsstunden und ein Preis von 600 000 bis 800 000 Franken müssen für eine mittelgrosse Kirchenorgel wie diese aufgewendet werden. Dafür werden die «Königinnen» locker über 100 Jahre alt.

Pro Pfeife ein Ton

Zurück in der Werkstatt, bringt Lukas Goll, Nachfahre von Firmengründer Friedrich Goll, einen grossen Holzkoffer und klappt ihn auf. Ein Sortiment von Orgelpfeifen präsentiert sich darin. Simon Hebeisen nimmt eine nach der anderen sorgfältig heraus und bläst hinein, wie in eine gewöhnliche Blockflöte. Und so tönt sie auch. «Das ist eine Labialpfeife, auch Lippenpfeife genannt», erklärt Hebeisen.

Die zweite Grundform nennt sich Lingual- oder Zungenpfeife. Der Ton wird bei dieser Bauform durch eine schwingende Metallzunge erzeugt, ähnlich wie bei einer Klarinette. Die allermeisten Orgelpfeifen sind in der Lage, genau einen Ton zu erzeugen. Es ist die Summe aller Pfeifen, die aus einem Instrument ein ganzes ­Orchester werden lässt.

Die nächste Pfeife tönt heller und hat einen durchdringenden Klang. «Sie ist einer Querflöte nachempfunden», sagt Hebeisen und legt sie zurück. Die dritte Pfeife hat eine Art Trichter. Diese Zungenpfeife macht ein Geräusch wie die Fasnachtströten, die man aus Tischbomben kennt und eine Papierschlange ausrollen, wenn man hineinbläst.

Weil aber kein Organist mit dem Mund in seine Kirchenorgel bläst, sorgt modernste Mechanik für den richtigen Ton. Ein Motor erzeugt Luftdruck, der Orgelwind genannt wird.

Kleinste Holzteile, sie sehen aus wie Wäscheklammern, sind an Wellen aus Metall befestigt. Hebeisen drückt eine der «Wäscheklammern» mit dem Finger sanft nach unten. Ein Draht wird gezogen, Ventile öffnen sich. Der Orgelwind bläst durch die dahinterliegende Pfeife. Ein Ton entsteht.

Das «Sardinenbüchsen-Prinzip»

Noch gibt die Klosters-Orgel keine Töne von sich. Vor Ort werden nur noch circa neun Wochen benötigt, um die Orgel aufzubauen und zu ­«intonieren», wie es im Fachjargon heisst. Dabei wird der Klang der Pfeifen genau auf die Akustik der Kirche angepasst. Bei Labialpfeifen bestimmt die Länge der Pfeife direkt die Tonhöhe. Je länger die Pfeife, desto tiefer der Ton.

Die Labialpfeifen werden nach dem «Sardinenbüchsen-Prinzip» gestimmt. Hebeisen zeigt auf eine Pfeife, die an zwei Stellen eingeschnitten ist, das Metall dazwischen wurde so weit aufgerollt, dass die Tonhöhe genau stimmt. Die Zungenpfeifen werden durch Biegen der Messingzunge in Einklang gebracht.

Wie man den Orgelpfeifen den richtigen Klang entlockt, das ist Teil der vierjährigen Lehre. «Es braucht aber vor allem viel Erfahrung», betonen Goll und Hebeisen. Die anspruchsvolle Lehre umfasst beinahe eine vollständige Schreinerlehre, hinzu kommen Metallbearbeitung und ­Statik.

Edelstoff aus dem ewigen Eis

Lukas Goll öffnet die Tür zu einem grösseren Teil der Werkstatt. Maschinenlärm dröhnt in die Ohren. Ein Arbeiter zertrennt eine grosse, dünne Holzplatte und Janis Thommen, der zweite Orgelbau-Lernende, richtet die Fräsmaschine ein. «Bist du noch am Einrichten?», fragt Goll. Janis nickt. «O.k., wir kommen später vorbei.»

Vom Grobhandwerk zur Feinmechanik. Im Obergeschoss dominieren Kleinteile, es riecht nach Leim. «Wir verwenden immer Schweizer Holz, wenn dies möglich ist», sagt Goll so beiläufig, dass es nach einer Selbstverständlichkeit klingt. Da sind wieder die «Wäscheklammern».

«Es ist noch etwas staubig», murmelt Goll und bläst die Tasten einer Klaviatur rasch mit Druckluft sauber. Sie beginnen sofort zu glänzen. Die weissen Tasten sind aus Rinderknochen, die Schwarzen mit Ebenholz überzogen. Früher wurde mit Elfenbein gearbeitet, heute ist der Handel und Verkauf damit verboten. Rinderknochen sind aber auch deutlich hochwertiger als Kunststoff, erklärt Goll und fährt mit seinen Fingern über die perfekt glatten Tasten.

Dann hebt er einen kleinen, weissen Streifen auf. «Das ist aus Mammutzahn.» Es wird nur äusserst selten verwendet. «Er wurde im sibirischen Permafrost gefunden und ist legal zu kaufen.»

Vom Mammutzahn zurück zur Schneide des Fräsers: Janis hat sein Werkstück inzwischen gespannt und positioniert. Das Werkzeug frisst sich seinen Weg ins Holz, Späne fliegen in alle Richtungen, nach ein paar Sekunden sind nur noch mit Sägemehl überzuckerte Holzschnipsel erkennbar. Janis stoppt die Maschine und fegt mit Druckluft Staub und Späne beiseite. Das Holzwerkstück hat eine längliche Rille erhalten, Lukas Goll ist zufrieden.Adrian Uhlmann

 

Ein Video zum Beitrag gibt es hier:

Geschichte

Fast 100 Orgeln in 45 Jahren

Orgelbau Goll feiert 2018 das 150-jährige ­Bestehen. 1868 begann Friedrich Goll in Luzern ­seine Tätigkeit als selbstständiger Orgelbauer. Die ­Firma erlebte 1926 ihren vorläufigen Höhepunkt, als für die Klosterkirche Engelberg die grösste ­Orgel der Schweiz gebaut und international gefeiert wurde.

1955 stirbt Paul Goll, sein Sohn Friedrich übernimmt in dritter Generation. Nach dessen tragischem Unfalltod übernehmen Beat Grenacher und Jakob Schmidt 1972 die traditionsreiche Orgelbaufirma und bringen sie auf Vordermann. «Ohne sie würde es den Betrieb wohl nicht mehr geben», sagt Simon Hebeisen heute. Er leitet das Geschäft seit 1999. Während der letzten 45 Jahre haben fast 100 Instrumente die Luzerner Werkstatt verlassen – auch ins Ausland. Nebst dem Neubaubereich gehö­ren Unterhalt und das Stimmen von etwa 250 Ins­trumenten ebenso zum Tätigkeitsfeld wie Revisionen von bestehenden und Restaurierungen von historischen Orgeln. Die Ausbildung junger Orgelbauer ist dem Luzerner KMU ein grosses Anliegen. Seit Jahren bietet die Firma regelmässig Lehrstellen an. uhl