Publiziert am: 22.09.2017

«Für meine Karriere ist das Gold wert»

WORLD SKILLS 2017 – Fabienne Niederhauser aus Lützelflüh wird an den Berufsweltmeisterschaften in Abu Dhabi Mitte Oktober als einzige Frau in der Sparte Gipser-Trockenbauer um eine Medaille kämpfen. Vorerst ist noch intensives Training angesagt.

Auf den ersten Blick entspricht die zierliche Frau gar nicht der allgemeinen Vorstellung einer Gipserin. Nichtsdestotrotz stellt Fabienne Niederhauser aus Lützelflüh nicht nur kräftemässig ihren Mann. Schwer zu tragen sei Alltag in ihrem Beruf, sagt sie. Daher seien Frauen im Gipserberuf bis anhin wohl noch eher eine Seltenheit. Diese Erfahrung machte sie auch an den Schweizer Berufsmeisterschaften im November 2016 in Luzern. Dort setzte sie sich gegen ihre männlichen Mitstreiter erfolgreich durch und schaffte es zuoberst auf das Treppchen. Damit sicherte sie sich die Teilnahme an den World-Skills 2017 in Abu Dhabi, wo sie demnächst wieder als einzige Frau gegen ihre Mitstreiter antreten wird. «Ich war damals sehr überrascht, dass ich es gleich auf den ersten Platz schaffte», so die 22-Jährige. Nach dem erfolgreichen Lehrabschluss mit der Note 5 hatte sie die Bedingung für eine Teilnahme an den Schweizer Berufsmeisterschaften erfüllt. Allerdings war sie sich zuerst nicht schlüssig, auch wirklich daran teilzunehmen. «Meine Eltern überzeugten mich, dass ich dabei beruflich so oder so nur profitieren konnte», so Nieder­hauser. Es hätte sich gelohnt, und sie hätte viel dabei gelernt. «Es ist ein gutes Fundament für eine weitere Karriere.»

«Ich muss effizient sein, jeder Handgriff muss absolut sitzen.»

Die engagierte junge Frau bezeichnet sich als eine «Vollbluthandwerkerin». «Früher als Kind habe ich immer gerne meinem Onkel geholfen – mit den Händen schaffen, macht einfach Spass. Ein Tag vor dem PC wäre nichts für mich», so Niederhauser. Als es dann um die Berufswahl ging, bekam sie von ihrer Schwester einen Tipp, bei ihrem jetzigen Arbeitgeber, der Erhard GmbH in Emmenmatt zu schnuppern. «Es hat mir gleich den Ärmel reingenommen. Gipser-Trockenbauer ist ein vielseitiger Beruf. Ich fühle mich wohl damit», erklärt sie ihren Werdegang.

Intensives Training in Gstaad

Zurzeit dürfte sie wohl nicht genug von ihrem Metier bekommen. Der Countdown für die WorldSkills 2017 in Abu Dhabi läuft. Bis zum Beginn der Berufsweltmeisterschaften am 14. Oktober ist Fabienne Nieder­hauser nicht mehr viel an ihrem Arbeitsplatz in Emmenmatt anzutreffen. Vielmehr trainiert sie nun intensiv und fast ausschliesslich für ihren grossen Traum. Neben ihren Ferien nimmt sie dafür auch unbezahlten Urlaub. «Die intensive Trainingsphase hat Mitte Juni begonnen. Ich bereite mich hauptsächlich in Gstaad im Betrieb des Experten Rudolf Mösching auf den Wettkampf vor», erklärt Niederhauser. Zwischendurch absolvierte sie noch ein zehntägiges Training zusammen mit dem Liechtensteiner Gipser Raffael Beck im Ausbildungszentrum des Schweizerischen Maler- und Gipserunternehmer-Verbands SMGV in Wallisellen. «Hier herrschte eine reale Wettbewerbssituation mit entsprechendem Druck», so Niederhauser. «Wir haben bereits im Frühling einen Trainingsplan zusammengestellt. Aber die Zeit drängt. Bis vor dem Abflug müssen wir praktisch jeden Tag nutzen und trainieren», stellt ihr Coach Rudolf Mösching fest. Er weiss, wovon er spricht. Seit 2002 ist der Gstaader Gipser- und Malermeister als Experte an den Berufsweltmeisterschaften mit dabei. Als Chefexperte war er viele Jahre für das Wettkampfobjekt zuständig, und dieses Jahr wird er in Abu Dhabi als Vizechefexperte die Expertenteams zusammenstellen und die Bewertungskriterien definieren. «Mein ganzes Herzblut steckt im Coaching.» 30 Tage – also gut einen Monat – investiert Mösching dafür.

«Es ist für mich sehr wichtig, dass ich jetzt so eng begleitet werde.»

Profitieren von seinem riesigen Erfahrungsschatz kann Fabienne Niederhauser vor allem im Vorfeld. Am Wettkampf wird sie dann auf sich alleine gestellt sein. «Es ist für mich sehr wichtig, dass ich jetzt so eng begleitet werde. Das gibt mir bei den Vorbereitungen die nötige Sicherheit», betont die junge Berufsfrau. «Neu wird die Wettkampfaufgabe nicht mehr vom Chefexperten gestellt, sondern vom Skills-Management. Das bedeutet, dass die konkrete Aufgabe erst einen Tag vor Wettkampfbeginn bekannt ist», erklärt Mösching. Aufgrund dieser erschwerten Bedingungen werden jetzt alle möglichen Varianten trainiert: Objekt stellen mit Profil, Gipslatten verplanken, Kantenschutz setzen, Weissputz und Stuckaturarbeiten. Ebenso gilt es, Speedobjekte und Freestyle-Aufgaben zu üben. «Ich will für alles gewappnet sein», so Niederhauser. Als grösste Herausforderung erachtet sie, in der vorgegebenen Zeit eine sorgfältige, exakte Arbeit abzuliefern. «Daran müssen wir noch feilen. Ich muss effizient sein, jeder Handgriff muss absolut sitzen. Ziel ist es, bei gleichbleibender Qualität schnell und ergiebig zu arbeiten.» Das bestätigt auch Mösching: «Das Prüfungsobjekt wird sehr komplex sein, und es wird entscheidend sein, die Pläne richtig zu lesen und exakt zu verstehen. So können Leerläufe vermieden werden, und sie hat mehr Zeit, sauber zu arbeiten.»

Ihre Hobbys – Reiten, Fussball und Töfffahren – muss Niederhauser vorerst etwas zurückstecken. Dennoch sei es sehr wichtig, eine ausgeglichene Work-Life-Balance zu haben. Sie erholt sich ab und zu im Ausgang mit ihren Freunden vom harten Training.

Grosse Unterstützung

Ihr Arbeitgeber, die Malerei-Gipserei Erhard GmbH, hat grosses Verständnis für die Trainingssituation und zahlt 13 Tage an den Wettkampf. Ebenso unterstützt wird sie vom Berufsverband SMGV, der unter anderem die Hotelrechnung in Gstaad übernimmt, ein Mentaltraining zahlt, aber auch ein Spezialtraining organisiert. Wichtig für das mentale Training seien auch die Team-Weekends des SwissSkills-Teams, die ab Anfang Jahr regelmässig stattfinden. «Wir sind ein gutes Team, das einander unterstützt. So fühlt man sich nicht alleine, sondern von den anderen getragen. Wir sitzen alle im selben Boot», erklärt Niederhauser. Zum Teil seien bereits Freundschaften entstanden, und man habe regelmässig Kontakt miteinander. Viel Rückhalt in dieser intensiven Zeit findet die junge Frau auch bei ihrer Familie: «Meine Eltern, aber auch Geschwister sind sehr stolz auf mich. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man so getragen und unterstützt wird und sich andere für einen freuen», sagt Niederhauser.

«Ich habe schon allein dadurch gewonnen, dass ich an diesem Riesenevent mitmachen kann.»

Ihre Familie sowie Freunde und Kollegen werden auch in Abu Dhabi dabei sein und ihr gleich vor Ort die Daumen drücken. «Es ist für mich eine grosse Ehre, die Gipserbranche in Abu Dhabi zu vertreten, und sicher auch ein unvergessliches Erlebnis, wo ich Freundschaften knüpfen und meinen beruflichen Horizont erweitern kann», sagt Niederhauser. Ihr Ziel sei es, ihr Bestes zu geben. «Wenn es aufs Postest reicht, umso besser. Aber ich habe schon allein dadurch gewonnen, dass ich an diesem Riesenevent mitmachen kann. Für meine Karriere ist das Gold wert.»

Corinne Remund

WORLD SKILLS ABu DHABI 2017

38-köpfiges Schweizer Team

Vom 15. bis 18. Oktober werden die 44. Berufsweltmeisterschaften in Abu Dhabi durchgeführt. Die Schweiz wird vom SwissSkills-Team vertreten, bestehend aus 11 Frauen und 27 Männern aus 36 Berufen. Insgesamt werden über 1300 junge Berufsleute aus 76 Nationen in 50 Berufen um den Weltmeistertitel kämpfen. Die Wettkämpfe werden auf 47 360 m2 – einer Fläche von mehr als 18 Fussballfeldern – ausgetragen. Es werden bis zu 200 000 Besucher erwartet.CR