Publiziert am: Freitag, 8. April 2016

Fachkräfte aus eigenen Reihen

NACHHOLBILDUNG – Die Fraisa AG setzt auf die betriebsinterne Förderung der Mitarbeiter. Sie leistet so einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung des Wandels in der Arbeitswelt.

Der Fachkräftebedarf der Unternehmen ist langfristig eine grosse Herausforderung für unsere Arbeitswelt. Gesellschaftliche Forderungen wie etwa der Wunsch nach einer Begrenzung der Zuwanderung oder die sich wandelnden Ausbildungs- und Berufswünsche verstärken den Druck. Was ist zu tun, um einerseits die Nachfrage nach Fachkräften zu befriedigen und andererseits nicht eine steigende Anzahl Erwerbsfähiger zu generieren, die in der Arbeitswelt nicht mehr gefragt sind? Diese Frage wurde am «Solothurn Talks», dem «Fachgespräch Taktgeber aus Politik und Wirtschaft», im Konzertsaal Solothurn Experten aus der Berufsbildung gestellt. Josef Maushart, CEO der Präzisionswerkzeugherstellerin Fraisa AG in Bellach, zeigt dabei, wie dieses Dilemma erfolgreich umschifft werden kann.

Das Unternehmen beschäftigt heute 524 Mitarbeitende in acht Ländern, 220 davon in der Schweiz. «Für uns Unternehmer ist die Verfügbarkeit von geeigneten Fachkräften die grösste Herausforderung der nächsten 10 bis 20 Jahre. Gleichzeitig ist die Vermeidung einer Sockelarbeitslosigkeit in einer Zeit, in der Globalisierung, Strukturwandel und 4. Industrielle Revolution hier in Europa mit voller Wucht aufeinander prallen, eine zentrale Voraussetzung für gesunde Sozialwerke», schilderte er die Ausgangslage. Wo früher im Schichtbetrieb eine Anlernkraft stand, brauche es heute gelernte Leute, um diese komplexen Systeme zu betreiben. Um die teuren Maschinen bedienen zu können bedürfe es nebst Know-how Selbstvertrauen und Verantwortungsgefühl. «Hatten wir 2007 einen Anteil von über 35 Prozent Anlernkräften, liegt dieser heute bei 20 Prozent und in fünf Jahren wird er bei fünf Prozent liegen müssen», veranschaulichte Maushart den Strukturwandel im Betrieb. «Wir innovieren, wir internationalisieren und wir rationalisieren an der Grenze des Machbaren, damit wir im globalen Wettbewerb und auch bei einem Wechselkurs von 1.10 zum Euro wettbewerbsfähig und erfolgreich bleiben», hielt Maushart fest.

«Wir müssen das selbst in die Hand nehmen.»

Um zu jedem Zeitpunkt geeignetes Personal in der richtigen Zahl zur Verfügung zu haben, setzt die Fraisa auf verschiedene Instrumente. «Grundsätzlich versuchen wir unsere Stellen weitgehend aus dem eigenen Nachwuchs zu besetzen und unsere Mitarbeitenden so gut wie möglich an uns zu binden», betont Maushart. Die Grundlage der Nachwuchsplanung bildet die herkömmliche Lehre. Aktuell sind in der Firma 21 Lernende tätig. Doch bei den mechanischen Berufen sollen die 12 Lehrplätze auf 17 erweitert werden. Ergänzt wird dieses System mit der Lehre für Erwachsene. «Bei uns sind im Moment 12 Erwachsene in der Lehre. Mit dieser Ausbildung qualifizieren sich diese Mitarbeiter für die veränderten Jobprofile in der Fraisa», sagte Maushart. Fünf bis sechs Erwachsene, die die Lehre abschliessen, könnten zu 100 Prozent übernommen werden. Dazu Maushart: «Wir versuchen die Anschaffung neuer Technologien zeitlich mit den Ausbildungsabschlüssen zu koordinieren.»

Mit diesem System, bestehend aus der klassischen Lehre, der Lehre für Erwachsene, der tertiären, berufsbegleitenden Weiterbildung zum Techniker oder Ingenieur, mit dem Programm Matura und Fachhochschule sowie mit den Trainee-Ausbildungen gelingt es der Fraisa, ihren Nachwuchsbedarf weitgehend aus den eigenen Reihen zu decken. Für Maushart ist klar: «Wir müssen das selbst in die Hand nehmen.»

Früh für Lehre sensibilisieren

In der anschliessenden Podiumsdiskussion erntete Maushart für sein Ausbildungs- und Weiterbildungsprogramm grosses Lob. Das Fraisa-Modell sei nachahmenswert, sagte Christine Davatz, sgv-Vizedirektorin und Bildungsverantwortliche. Die Nachholbildung erachtet sie als sinnvolles Instrument, gegen den Fachkräftemangel vorzugehen. Zudem herrsche ein Manko an jungen Erwachsenen, die einen gewerblichen Beruf erlernen wollen. «Die Ausbildungsbereitschaft seitens der Firmen ist gross», so Davatz. Gleichzeitig warnte sie aber auch davor, die Ausbildungsbetriebe mit Ansprüchen zu überfordern. Bereits in der Oberstufe müsse man ansetzen, denn viele Jugendliche wüssten oft nicht, welchen beruflichen Weg sie einschlagen wollten. «Wir müssen die Jungen und ihr Elternhaus mittels einer frühen Berufswahlvorbereitung sowie Schnupperkursen an die unzähligen Berufsmöglichkeiten heranführen. So kann auch das Feuer für technische Berufe geweckt werden», ist Davatz überzeugt. Wie sexy und attraktiv die Berufsbildung sei, hätten die nationalen Berufsmeisterschaften Bern 2014 eindrücklich bewiesen.

«Wir müssen die Lehre besser vermarkten.»

Auch für den Solothurner Bildungsdirektor Remo Ankli kann der Fachkräftemangel gedämpft werden, indem man die jungen Leute mit entsprechenden Mitteln und Instrumenten bei der Berufswahl unterstützt und abholt. «Die Schule kann mithelfen, die Jugendlichen besser an die technische Berufsbildung heranzuführen. Es ist aber auch die Aufgabe von Unternehmen und Verbänden eine Berufslehre ansprechend zu machen.» Für den Solothurner SP-Ständerat Roberto Zanetti ist das duale Berufsbildungssystem ein Diamant, der aber noch weiter geschliffen werden müsse. «Wir müssen die Berufslehre einfach noch besser vermarkten und entbürokratisieren.»

Corinne Remund