Publiziert am: 01.05.2020

Fassungslos, hilflos – und wütend

STIMMEN AUS DEN KMU – Seitdem der Bundesrat in Folge des Coronavirus massive Einschränkungen für KMU verfügt hat, setzt sich der Schweizerische Gewerbeverband dafür ein, dass Detailhändler gegenüber den Grossverteilern nicht noch mehr ins Hintertreffen geraten. KMU-Vertreter nehmen die Unterstützung dankbar an.

Aus allen Landesteilen erreichen den Schweizerischen Gewerbeverband sgv derzeit Hilferufe aus KMU verschiedenster Branchen. Der Tenor all dieser Zuschriften: Blankes Entsetzen darüber, wie die Politik – konkret: der Bundesrat – über die KMU hinweg entschieden und in Kauf genommen hat, dass diese nach der schon bestehenden Ungleichbehandlung gegenüber den Grossverteilern noch einmal zwei Wochen lang übergangen werden sollen. Die Forderung ist klar: Können Migros, Coop & Co. (vgl. auch Seiten 1 und 4) ein breiteres Sortiment verkaufen, so muss dies auch der Detailhandel dürfen. Und zwar nicht erst am 11. Mai.

«Wieso die – und wieso wir nicht?»

Die Inhaberin einer Geschenkboutique in der Ostschweiz schreibt sinngemäss: «Es gibt nicht mehr viele Geschenkeläden in der Schweiz, und darum verstehen wir das Ganze nicht. Kinder kommen auf die Welt, es wird geheiratet, und Geburtstage gibt es jeden Tag in jedem kleinsten Dorf. Wir sind ein Fachgeschäft vor allem für Ballone und erfreuen jedes Fest – auch im kleinen Rahmen zu Hause, und vor allem in dieser nicht erfreulichen Zeit.

«Wir sind alle grenzenlos enttäuscht!»

Unser Geschäft ist klein,wir können alle Sicherheitsvorkehrungen wie Coop oder Migros auch erfüllen. Daher unsere konkrete Frage: Wieso dürfen in einer ersten Lockerungsphase Blumenläden öffnen und wir nicht? Wir sind alle grenzenlos enttäuscht! So wird weiterhin Amazon und AliExpress unterstützt und wir gehen einfach in Vergessenheit und unter. Auch wenn diese Branche klein ist: Wir haben auch Mitarbeiter und zahlen Steuern und Miete.»

Dorfläden akut gefährdet

Aus der Zentralschweiz erreicht den sgv folgende Nachricht: «Ich betreibe seit 30 Jahren ein kleines Geschäft mit Geschenken und Lederwaren und bin nach dem Entscheid des Bundesrats in einer Art Schockstarre. Alle Blumenläden sind heutzutage zu einem grossen Teil mehr Geschenkartikelläden als Blumenläden. Diese und auch alle Grossverteiler dürfen nun wieder alles verkaufen. Unsereiner kann zusehen, wie nun auch noch das Muttertagsgeschäft an uns vorbeizieht! Was kann ich tun? Soll ich nun einfach ein paar Blumensträusse anbieten, damit ich auch öffnen kann? Wenn es so weitergeht, haben wir in den Dörfern bald keine kleinen Läden mehr.»

«Deprimierende Diskriminierung»

Ein Schmuck- und Uhrengeschäfts-Inhaber aus Zürich schreibt: «Ich danke Ihnen aufrichtig für Ihre unmissverständliche Stellungnahme für die KMU. Der Entscheid des Bundesrats ist eine deprimierende Diskriminierung gegenüber dem wichtigsten sozialen Netz der Schweiz. Zwei linke Sozialisten ­diktieren den Bundesrat – und die Schweiz schaut zu…»

Von einem Brautmodegeschäft in der Ostschweiz tönt es so: «Nach der Pressekonferenz des Bundesrates bin ich verunsichert. Da ich eine personenbezogene Dienstleistung anbiete und ein Brautkleid für die Heirat benötigt wird, also als notwendig gilt, denke ich, kann ich die Beratung am 27. April bereits wieder anbieten. Bei mir im ‹Atelier› biete ich ausschliesslich buchbare Einzelberatungen an. Sprich die Braut und ich oder eine Beraterin sind bei einem zweistündigen Termin mit dem Anprobieren von Brautkleidern beschäftigt. Im Normalfall dürfen bis zu drei Personen als Begleitung mitkommen. Ich würde aber nun die Anprobetermine mit der Braut und maximal einer Begleitperson durchführen. Selbstverständlich würde die Kundin und die Beraterin jeweils eine Mundschutzmaske tragen. Für mich ist dies eine personenbezogene Dienstleistung, die keine grossen Bewegungsströme auslöst.»

«Wenn es so weitergeht, haben wir in den Dörfern bald keine kleinen Läden mehr.»

Aus dem Aargau ist zu vernehmen: «Herzlichen Dank für Ihre klare und harte Haltung gegenüber dem Bundesrat, dass es nicht angeht, dass die kleinen Läden nicht am 27. April auch öffnen dürfen. Die am schlimmsten Betroffenen sind die Velohändler. Denen können jetzt Bau & Hobby und Landi, welche auch Velos verkaufen, die Kunden vor der Nase wegschnappen. Ebenso geht es den Uhren-/ Schmuckhändlern. Ich nehme nicht an, dass z. B. Coop in Aarau, welcher jetzt wieder alles verkaufen kann, die Schmuckabteilung schliessen wird. Zudem gibt es jetzt Leute, welche einfach wieder etwas Neues, Schönes brauchen, in den Online-Shop wechseln, obwohl sie sich bis jetzt zurückgehalten hatten und in einem Laden einkaufen wollten. Ich bitte Sie im Namen der KMU, alles daran zu setzen, dass sich der Bundesrat seine Vorgaben noch einmal vor Augen führt und diesen inakzeptablen Entscheid rückgängig macht.»

«Weniger Staat, nicht mehr»

Ebenfalls aus dem Aargau, diesmal aus der Kosmetikbranche, klingt es so: «Diese Krise zeigt einmal mehr, dass eine Seuche nicht mit dem Sozialismus besiegt werden kann. Es braucht weniger Staat und nicht mehr! Das müssen wir unserer Jugend immer wieder vor Augen führen. Im Weiteren dürfen wir uns nicht zu stark von den Medien beeinflussen lassen. Nur tote Fische schwimmen mit dem Fluss in die gleiche Richtung. Der Propagandasender ‹SRF› des Bundes zeigt uns gewollt täglich die schrecklichen ­Bilder, z. B. aus Italien und Spanien, wo das Gesundheitssystem ja so oder so zu wünschen übrig lässt. Reine Panikmacherei und Angsteinflössung. Hoffentlich sieht der Bundesrat mit dem komplett überforderten BAG ein, was für einen Schaden sie angerichtet haben, und korrigiert seine Strategie schnellstmöglich.»

Der Inhaber eines Foto-Fachgeschäfts aus der Innerschweiz schreibt: «In Zusammenarbeit mit unserem Branchenverband und dem sgv setzen wir alle Hebel in Bewegung, um die Ungleichbehandlung zu korrigieren. Die Hauptargumentation, warum Coiffeure, Tattoo-Studios und so weiter wieder öffnen können, ist, dass es nur ein Treffen von zwei Personen ist und im Fall einer Ansteckung durch den Terminkalender alle Kontakte nachvollzogen werden können. All diese Voraussetzungen treffen auch auf ein Fotostudio zu. Würde der Bundesrat die Liste um Fotostudios ergänzen, würde dies sehr vielen unserer Mitglieder (und auch mir) helfen. Als einziges Fotofachgeschäft im Kanton Schwyz, das noch Lernende im Beruf Fotofachfrau/Fotofachmann ausbildet, ist es sehr wichtig, dass wir unser Geschäft möglichst rasch wieder öffnen dürfen und wieder Aufträge entgegennehmen können.»

«Wissen nicht, wie es weitergeht»

Aus einer Modeboutique in Zürich klingt es so: «Ich bin Inhaberin einer kleinen Modeboutique und bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Aussagen. Es ist nicht verständlich, dass wir ‹Kleinen› nochmals warten müssen bis zur Wiedereröffnung. Wir könnten unsere Kundinnen tröpfchenweise ins Geschäft lassen und bedienen. Dass der Bundesrat nicht differenzierter entscheidet, ist wirklich sehr schade. Wir wissen nicht, wie und ob es weitergeht.»

Der Leiter eines Dessous-Geschäfts in der Innerschweiz kommentiert: «Völlig unverständlicher Entscheid vom Bundesrat. Unsere Frühlingskollektionen sind eingetroffen, wurden beim Lieferanten bezahlt – und kaum in den Gestellen, musste das Geschäft geschlossen werden. Ab dem 11. Mai werden wir diese Teile mit grossen Abschreibern absetzen müssen, denn Ende Juli trifft bereits die Herbstkollektion ein. Das ist schlicht nicht realisierbar. Danke für euren Einsatz.»

Ein Schuh-Detaillist wiederum teilt dem sgv mit: «Als Geschäftsführer eines Schuh-Detailhandelsbetriebs mit zehn Filialen in der Deutschschweiz möchte ich Ihnen zu Ihren Äusserungen nach diesen (Nicht-)Entscheiden des Bundesrats danken. Für mich haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Ihr Engagement für uns Detailhändler, aber auch für all die anderen Gewerbetreibenden, die weiterhin enorm unter diesen unverständlichen Etappen zu leiden haben, wissen wir sehr zu schätzen.»

«Konkurse nur verzögert»

Der Inhaber eines Gartenmöbel- und Eisenwarengeschäfts aus der Zentralschweiz meint: «Sie haben sich vehement für die Kleingewerbler gewehrt, weil diese einmal mehr gegenüber Grossverteilern benachteiligt sind. Ich bin ein Kleinbetrieb und verkaufe Grills, Gartenmöbel, landwirtschaftliche Artikel und Eisenwaren.

Wir dürfen am 27. April nicht öffnen – im Gegensatz zu Landi, Coop, Migros oder Lidl etc. Diese haben also einen riesigen Vorteil. Der Bundesrat sagt vielfach, dass er sich auch für die Kleinen einsetze. Ich hoffe, dass hier noch eine Korrektur erfolgt.»

«Die zunehmende Ungerechtigkeit ist für uns kaum fassbar.»

Aus einem Möbelhaus in Graubünden heisst es: «Ihr Statement in der ‹Tagesschau› beschreibt sehr treffend, wie man sich als KMU gerade fühlt. ‹Wettbewerbsverzerrung› und ‹ein Schlag ins Gesicht› trifft es genau auf den Punkt! Vielen Dank für Ihren Einsatz und Ihre klaren Worte. Dass Gartencenter und Baumärkte ab dem 27. April öffnen dürfen, Möbelhäuser aber nicht, ist im Bezug auf Gartenmöbel und Dekorationsartikel eine katastrophale ­Situation. Viele Kunden haben nun lange gewartet und einen grossen Nachholbedarf. Wenn nun Gartencenter Wochen vor den Möbelhäusern geöffnet haben und auch Möbel verkaufen können, so wird ein Grossteil der Kunden dort bestellen, und die Möbelhäuser werden auf der Saisonware zu einem grossen Teil sitzenbleiben. Diese zunehmende Ungerechtigkeit ist für uns kaum fassbar. Für viele Möbelhäuser ist die aktuelle Krise bereits eine existenzbedrohende Situation, mit so einer Regelung wird dies nochmals massiv verschärft, da der Gartenmöbelumsatz nun nicht später kommt, sondern grösstenteils ganz abwandert. Auch günstige Kredite nützen da wenig, da diese auch irgendwann zurückbezahlt werden müssen. Bei den Margen in der Möbelbranche für viele eine gefährliche Verlockung. Konkurse werden damit nicht verhindert, sondern nur verzögert. Das was wir benötigen, ist Umsatz in der Möbelbranche – und zwar dringend!»

«Enteignung der KMU»

Ein Speditionsunternehmer mit Sitz in Zürich und Basel schreibt: «Ich danke Ihnen für Ihren grossartigen Kampf gegen die absolut verfehlte Exitstrategie des Bundesrats. Ich finde Ihren offenen Brief nicht nur sehr gut, sondern auch wichtig. Ich bitte Sie sogar höflich, noch schärfer und resoluter politisch in den Ring zu steigen.»

Und ein KMU-Chef aus dem St. Gallischen schliesslich schreibt: «Ich ermuntere Sie, zum zivilen Ungehorsam aufzurufen; friedlich, aber entschieden. Das ganze Gewerbe soll bestätigen, dass es die Hygienemassnahmen einhält, und unisono am 27. April öffnen. Was wir hier sehen, ist die grösste Enteignung der KMU, die es je gab.»

En

Meist Gelesen